Die Bundestagswahlen von 2005 hatten die Qualität von sogenannten critical elections: Es wird nie mehr so sein, wie es einmal war. Erst seit dieser Bundestagswahl existiert ein asymmetrisches, changierendes Fünfparteiensystem mit neuer Qualität. Jenseits der Großen Koalition sind entlang der tradierten parteipolitischen Lager keine Bündnisse mehr kalkulierbar mehrheitsfähig. Erschwert wird die Unübersichtlichkeit dadurch, dass das Potenzial der SPD als Multikoalitionspartei noch auf Eis liegt. Zumindest bis zur nächsten Bundestagswahl wird die Tabuisierung der Linken gepflegt. Vielparteien-Parlamente können zwar noch wie in Hamburg (schwarz-grün), Hannover (schwarz-gelb) oder Bremen (rot-grün) zu Zweierkoalitionen führen, aber weniger verlässlich als zu früheren Zeiten. Wer nicht nur rechnerische Mehrheiten, sondern belastbare politische Mehrheiten sucht, muss sich zukünftig auf dem Koalitionsmarkt tummeln. Das gilt nach Jahrzehnten der absoluten Mehrheit nun auch für die CSU in Bayern.

Weil die Lagermentalität längst an Orientierungskraft für Bündnisse und für die Wähler verloren hat, bedarf es neuer Formeln zur Macht, um stabile Mehrheiten für den Regierungsalltag zu schaffen. Es sind also nicht nur Zahlen, die sich verändern, auch politische Gewichte geraten in Bewegung.

Politische Arithmetik besteht nicht in der Addition von Wählerstimmen, sondern in der Kombinierbarkeit politischer Absichten. Das deutsche Parteiensystem wird durch die Unübersichtlichkeit europäischer.

Gleichzeitig ermöglichen neue Koalitionsvarianten neue Problemlösungsstrategien. Wollen die Parteien ihre neuen strategischen Potenziale tatsächlich nutzen, müssen sie für neue Programminhalte offen sein. Die einstige Suche nach ideologischen Überschneidungen könnte durch programmatische Ergänzungen abgelöst werden. Die Herausforderung würde dann darin bestehen, ehemals dem Gegner zugeschriebene Politikinhalte in die eigene, identitätsstiftende programmatische Erzählung ergänzend aufzunehmen. So eine Ergänzung könnte eine markante Erweiterung der Parteien im Aufmerksamkeitsmanagement des Wähler- und Koalitionsmarktes sein. Auf diese Weise können neue Koalitionen geschmiedet werden, die sich eher an Lebenslagen und Querschnittsthemen (zum Beispiel Familienpolitik oder Zeitmanagement) als an traditionellen Milieus orientieren.

Solch eine Koalition wäre eine Art Holding: Allianzübergreifend sind zwei oder mehrere Partei-Unternehmen verbunden. Die Holding profitiert von den Unterschieden in den Einzelgesellschaften. Sie ist unverdächtig, die Partnerschaft als Komplizenschaft zu deuten, und kann so große Unterschiede unter ein gemeinsames Dach bringen. Der machtpolitische Mehrwert bestünde darin, durch Arbeitsteilung unterschiedliche Wählergruppen ansprechen und am Wahltag zu einer parlamentarischen Mehrheit zusammensetzen zu können. Dazu ist jedoch eine langfristig kommunizierte Strategie notwendig. Sonst verkommt die Mehrheitssuche zur reinen Taktik, was Wahlbürger in die Politikverachtung treibt.

Für Mehrheiten sind die Volksparteien unverzichtbar. Doch die Wahlbürger erkennen in den ehemals großen Volksparteien immer weniger lieb gewonnene mittezentrierte Angebote. Die Ergebnisse aller Wahlen seit 2005 bestätigen diese Entwicklung. Der Attraktivitätsverlust der Volksparteien auf dem Wählermarkt ist nicht nur eine Folge der Großen Koalitionen. Vielmehr ist die Erosion der Volksparteien auch Ausdruck einer Repräsentationslücke. Durch Agendapolitik auf der einen Seite (SPD) und eine politische Moderne auf der anderen Seite (CDU) scheint die politische Mitte heimatlos geworden zu sein. Wenn sie überhaupt noch wählt, dann extrem nutzen- und nicht bindungsorientiert.

Doch wer als Volkspartei nur noch rudimentär gesellschaftlich verankert ist, kann nicht mehr repräsentativ agieren. Verliert die Konsensmaschine Volkspartei an Kraft, fehlen der Politik Stabilität und Berechenbarkeit. Wenn gemeinwohlorientierte Volksparteien – gerade in Abgrenzung zu klientelbezogenen Interessenparteien – an Attraktivität verlieren, muss sich zwangsläufig die Qualität einer Demokratie ändern.