Die Kanzlerin hat am Sonnabend und Sonntag keine offiziellen Termine in ihrem Kalender stehen und wird hoffen, dass ihr Handy mal ein paar Stunden lang nicht klingelt. Der Finanzminister wünscht sich ein "ruhiges Wochenende". Der wild gewordene Kreisel der Weltfinanzkrise wurde angehalten, und mit den steigenden Börsenkursen fällt die politische Erregungskurve. So jedenfalls sieht es Mitte der Woche aus. Wenn das so bleibt und der Bundestag und später der Bundesrat an diesem Freitag das Rettungspaket mit der atemberaubenden Summe von 500 Milliarden Euro beschließen, kann man vorsichtig Entwarnung geben. Es sah lange nicht danach aus.

Ein Hauch von Notstand wehte durch das politische Berlin. Die Politik hat in diesen beiden Wochen eine kaum je dagewesene Beschleunigung erfahren. Das Denken hielt der Geschwindigkeit kaum stand. Entscheidungen waren getroffen und schon von der Wirklichkeit überholt. Die Regierung wurde so mächtig wie nie. Die Banken mussten im Kanzleramt anklopfen und "Bitte" sagen, und das Parlament, sonst penibel darauf bedacht seine Souveränität zu wahren, lässt ein Gesetz im Schnelldurchgang passieren. Die Demokratie macht Pause. Die Republik ist aus den Fugen. Und keiner findet’s schlimm.

Es ist kein Versehen, dass ein Telefonat zwischen Finanzminister Peer Steinbrück und dem Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, öffentlich wurde. Es fand vor knapp zwei Wochen statt, als klar war, dass die Münchner Bank Hypo Real Estate viel mehr Geld brauchen würde, als bis dahin gedacht. Da wäre es den Banken am liebsten gewesen, man hätte die maroden Münchner verstaatlicht, alles Risiko dem Steuerzahler aufgebürdet. Steinbrück, so wird es erzählt, habe da nicht mitgemacht, habe Solidarität der Banken untereinander eingefordert. Die Botschaft heißt: Wir haben das Sagen! Die Politik hat sich ermannt. Sie hat in dieser Krise zu neuem Selbstbewusstsein gegenüber der Wirtschaft gefunden. "Ich war nicht bereit, mich innerhalb von 24 Stunden auf die Forderungen der Hypo Real Estate einzulassen", sagt der Minister. "Das musste durchverhandelt werden."

Durchverhandelt, ausgehandelt, abgestimmt, ausgearbeitet haben in diesen verrückten Berliner Tagen eine Handvoll Leute. Ein Krisenstab, der nicht so heißt, eine Art schnelle Eingreiftruppe, die unzählige Male im Kanzleramt zusammenkam, wenn Angela Merkel gerufen hatte: Peer Steinbrück natürlich und sein Staatssekretär Jörg Asmussen. Merkels Abteilungsleiter im Kanzleramt, Jens Weidmann. Die "Achse Weidmann-Asmussen" war der Fixpunkt im Krisenmanagement. Und oft war Axel Weber, Chef der Bundesbank, dabei oder der Bankenpräsident Klaus-Peter Müller. Vor allem Axel Weber heißt es, sei "hilfreich" gewesen, hilfreich dabei, die Politiker, die Laien, durch den Dschungel der internationalen Finanzwelt zu lotsen.

Es war Learning by Doing, tastendes Handwerk sozusagen, was da in langen Nächten im Kanzleramt vor sich ging. Angela Merkel ist keine Finanzmarktexpertin. Sie mag es auch nicht, schnell entscheiden zu müssen. In diesen Zeiten der rasenden Krise musste sie sich mehr als einmal auf ihren Instinkt verlassen. Und auf den Rat von Jens Weidmann, dem sie nicht nur vertraut, sondern vor allem viel zutraut. Vielleicht hatten die Krisenbanker damit nicht gerechnet, als sie forsch milliardenschwere Hilfspakete von der Regierung verlangten. Banker mit Millionengehältern, rahmengenähten Schuhen und durchgeknöpften Jackettärmeln saßen einer Kanzlerin gegenüber, die bekennende VW-Golf-Fahrerin ist, und hatten mit Beamten zu verhandeln, deren Gehalt der Staat festlegt. "Da war eine Menge Geringschätzung der Banker gegenüber der Politik zu spüren", sagt ein Beobachter.

Am Ende steht heute ein Gesetz, das zwar vielen nicht weit genug geht, den Bankern aber doch den Instrumentenkasten der Grausamkeiten zeigt. Wer Geld will vom Staat, muss sein Gehalt begrenzen, auf Boni verzichten, bekommt keine Abfindung. In den Augen der Banker also Staatssozialismus.

Die größte Sorge: Dass die Bürger nicht von den Milliarden profitieren