DIE ZEIT: In diesem Jahr drehte sich alles um 1968. Was verbinden Sie damit?

Werner Schroeter: Damals sind meine ersten Filme entstanden. Aber eigentlich muss man noch ein Jahr weiter zurückgehen. Ich hatte 1967 keine rechte Perspektive mehr im Leben. Ich war 22 Jahre alt, wollte noch die Liebe kennenlernen und dann vielleicht Abschied vom Leben nehmen. Gegen Ende des Jahres fuhr ich mit einer Tänzerin des Mannheimer Balletts zum Avantgardefilm-Festival nach Knokke-Le-Zoute. Und da traf mich dann alles auf einmal: eine neue Filmform und etwas, das mir einen großen Tritt in den Arsch gegeben hat, nämlich die sogenannte Liebe.

ZEIT: Ihr Geliebter war Rosa von Praunheim.

Schroeter: Der hat mir auch geraten, meine Energie in Kreativität umzuwandeln. Das war wie eine Offenbarung für mich. So habe ich die Idee erst mal aufgegeben, nach der Liebe den Tod zu suchen. Ich habe noch ein Bild von Rosa, auf dem er mich im Arm hält à la Pietà. Darauf steht: Unsere Liebe währte nur kurz, unsere Freundschaft ewiglich. So war es. Im Januar 68 fing ich an, Kurzfilme zu drehen, im Februar besuchte ich Praunheim in Berlin, und langsam entstand so ein Kreis von Bekannten bizarrster Natur. Wir hatten alle bizarre, tolle Ideen und lebten in diesem Ambiente von 1968.

ZEIT: Empfanden Sie das als Befreiung?

Schroeter: Nur zum Teil. Ich hatte mich noch nie unterdrücken lassen und brauchte deshalb keine innere Kleinbürgerlichkeit zu überwinden. Auch die Homoerotik kam mir nie wie ein Luxus vor. Das meiste lebte ich damals mit großer Selbstverständlichkeit – auch ein paar Kommunen besonderer Art, über die ich mich jetzt nicht näher äußern möchte. Man lebte in einem sehr freien Rahmen, aber zugleich in dem Bewusstsein, dass Widerstand nötig war, sogar nach dem Motto: Macht kaputt, was euch kaputtmacht. Ich konnte diejenigen gut verstehen, die es von ihrer Herkunft her viel schwerer hatten als ich und auf eine radikalere Befreiung aus waren. Mir ging es eher um die Freiheit in der Kunst, in der Form.

ZEIT: Praunheim soll damals gelegentlich Ihre Lustlosigkeit beklagt haben – und Sie gaben dann Ihrem »tragischen Weltempfinden« die Schuld. Woher kam denn dieses Weltempfinden? Das lief doch eigentlich der Zeitströmung zuwider.