Juryentscheidungen sind Mehrheitsentscheidungen, und dass die Mehrheit richtig entscheidet, ist leider nicht die Regel. Indem die siebenköpfige Jury des Deutschen Buchpreises sich für den Roman Der Turm von Uwe Tellkamp entschieden hat, hat sie nicht nur richtig gewählt, sondern das bedeutendste Werk ausgezeichnet, das die deutschsprachige Literatur seit Langem hervorgebracht hat. Auf fast tausend Seiten entwirft es ein bezwingendes Gemälde jener Deutschen Demokratischen Republik, die sich in ihrem Anfang an der Spitze des sozialistischen Fortschritts wähnte, den der Sturmwind der Geschichte bis zur Vollendung vorantreiben würde, in der aber an ihrem Ende nichts herrschte als Mief und Windstille.

Von dieser Windstille erzählt Tellkamp, und er zeigt ihren doppelten Charakter: Einerseits wirkt die Zeit wie festgezurrt, es herrscht bewegungslose Geschäftigkeit. Andererseits nagt der Zahn der Zeit an allem und jedem, die Mauern bröckeln, die Getriebe knirschen, die Beziehungen zerfallen. Und gegen dieses unhörbar leise In-sich-Zusammensinken baut sich der entsagungsvolle, aber immer noch lebendige Rest gebildeter Bürgerlichkeit einen Turm, einen Fluchtort, wo man Familienfeste feiert, Kammerkonzerte gibt, alte Bücher liest und bei der Bewältigung des alltäglichen Mangels einander Hilfe leistet. Diese machtbedrohte Innerlichkeit aber kann sich nur mit äußerster Mühe gegen Terror und Willkür behaupten. Man schlägt sich durch, man wartet ab, man wartet und weiß nicht, worauf.

Wer diese Zeit nicht selber erfahren hat, für den wird sie in diesem gewaltigen Buch lebendig, riechbar und fühlbar. Es betreibt keinen simplen Neorealismus, sondern es besticht durch seinen Reichtum an Bildern und Formen. Allein das fiktive Protokoll eines Stasiverhörs wird einem so bald nicht aus dem Sinn gehen. Das Erstaunlichste am Turm ist die altmodische, die unglaubliche Zuversicht, der Roman als bürgerliche Erzählform sei imstande, eine untergegangene Epoche noch einmal zum Vorschein zu bringen, von ihren Hoffnungen, vor allem aber von ihrem Leid so zu erzählen, dass es für immer aufgehoben ist. Das hat Tellkamp geschafft, und er weiß, wovon er spricht. 1968 in Dresden geboren, studierte er Medizin (später arbeitete er als Unfallchirurg) und war Panzerkommandant der Volksarmee. Im Oktober 1989 kam er wegen Befehlsverweigerung ins Gefängnis, wenig später fiel die Mauer. Mit ihrem Fall endet das Buch. Man hat dagegen eingewendet, es sei zu dick. Aber auch die Buddenbrooks, gelesen mit dem beschleunigten Auge des Zeitgenossen, sind zu dick, und Anna Karenina würde heute von keinem Lektorat mehr ohne Striche akzeptiert.

Tellkamps Turm ist der zweite DDR-Roman dieses Herbstes, neben der wunderbar leichtfüßigen, von einer ebenso ironischen wie menschenfreundlichen Heiterkeit bestimmten Erzählung Adam & Evelyn von Ingo Schulze. Auch sie hätte den Preis verdient, aber verglichen damit hat Tellkamps Buch das größere literarische Gewicht. Wir dürfen nicht nur dem Autor gratulieren, sondern auch dem Verlag Suhrkamp. Sein Herbstprogramm zeigt, dass er nicht allein in den Tiefen der Weltreligionen flaniert, sondern sich immer noch kraftvoll einmischt in unsere Gegenwart. Ulrich Greiner