Uta Jolk ist gerne Lehrerin und Schulleiterin. Sie mag ihre Arbeit im Oberstufenzentrum in Neuruppin. Sie unterrichtet Musik und Deutsch, redet mit Schülern auf dem ehemaligen Kasernengelände in Brandenburg und kümmert sich um das Schulprojekt zum Solarstrom.

Aber wenn sie sich ihre Gehaltsabrechnung anschaut, ist der Spaß vorbei. Von ihrem Bruttogehalt geht inklusive aller anderen Abgaben fast die Hälfte an den Staat. »Es gibt Monate, in denen am Ende überhaupt nichts mehr übrig ist«, sagt sie. Sie gehört nicht zu den Reichen im Land. Beklagen mag sie sich aber nicht: »Ich bin mit meinem Geld zufrieden.« Aber sie wundert sich schon. Als sie Schulleiterin wurde, habe sie gar nicht gemerkt, dass sie nun mehr Geld verdiente. Mit einem zu versteuernden Einkommen von etwa 56.000 Euro im Jahr rutschte Jolk über die Grenze für den Spitzensteuersatz von 42 Prozent.

Das Finanzamt schaut auf den Verdienst – nicht auf die Ausgaben

Wie Jolk zahlen Normalverdiener aus der oberen Mittelschicht in zunehmender Zahl auf einen Teil ihres Einkommens den höchsten Satz – und dies nicht etwa, weil sie reicher geworden wären. Zwar steigen ihre Löhne und Gehälter. Doch dadurch gilt oft auch ein höherer Steuersatz, und der Zuwachs wird aufgezehrt. »Kalte Progression« nennen Experten das. Kalt, weil die Betroffenen mit ihrem Einkommen nicht mehr kaufen können, denn die Preissteigerung frisst mitunter alles wieder auf. Trotzdem verlangt der Staat mehr Geld.

Das widerspricht der Logik der Steuerprogression: Je leistungsfähiger jemand ist, desto höher soll auch der Steuersatz sein. So zahlen die finanziell Starken für die Schwachen mit. Die kalte Progression aber führt dazu, dass immer mehr Menschen aus der Mittelschicht zu den Starken gezählt werden, obwohl ihr Lebensstandard das nicht hergibt. Zwischen 52.152 und 250.000 Euro gilt für alle Alleinstehenden derselbe Satz: 42 Prozent. Erst ab 250.000 Euro greift die sogenannte Reichensteuer von 45 Prozent, bei Verheirateten ab 500.000 Euro.

Außerdem schaut das Finanzamt nur auf den Verdienst und nicht auf die Ausgaben eines Normalverdieners. Energie- und Lebensmittelkosten steigen für alle, unabhängig vom Einkommen. Die Leidtragenden sitzen zum Beispiel bei Daimler in Stuttgart. Dort beschwert sich kaum jemand über seinen Lohn, aber viele über die Preise und die Steuern. Niemand will öffentlich darüber reden, doch in den Werkshallen rumort es. Da ist der Facharbeiter, der immer die Nachtschicht macht und sich um die Maschinen kümmert. Oder der Kraftfahrzeugmeister in der Montagetechnik. Und der Ingenieur, der frisch von der Uni kommt. Sie alle zahlen den Spitzensteuersatz von 42 Prozent.

Die Finanzkrise könnte die Mittelschicht noch mehr belasten. Die Preise könnten steigen, weil die Zentralbanken mehr Geld auf den Markt werfen; die Arbeitslosigkeit und damit der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung könnten wieder nach oben gehen. Genau voraussagen kann das bisher noch niemand. Aber um mögliche Belastungen aufzufangen, will die CSU die kalte Progression begrenzen und so die Mittelschicht entlasten. Die Partei fordert, dass die Steuerstufen immer wieder an die Inflation angepasst werden. Das nütze auch der Konjunktur.