Ma Dame

Tillmann Prüfer fragt: Wie riecht die neue moderne Frau?

Als Jean Paul Gaultier in Paris seinen neuen Duft "Ma Dame" präsentierte, war klar, dass man es nicht nur mit einem neuen Duft zu tun haben sollte, sondern gleich mit einem neuen Typ Frau. Energetisch sei sie und freiheitsliebend, erklärte der Designer: "Empfindsam, aber stark." Wie ein Junge in einem Mädchenkörper. Sie sei eben genau wie Agyness Deyn. Das britische Model mit den weißblonden kurzen Haaren ist zurzeit allgegenwärtig.

Sie ziert den Katalog des Pariser Kaufhauses Printemps, die französische Vogue produzierte gerade eine ganze Modestrecke mit ihr. Mittlerweile läuft sie für Burberry, Dolce & Gabbana, Fendi, Dior und Marc Jacobs – und wird als die neue Kate Moss gehandelt. Jean Paul Gaultier hat sie sogar zu seiner Muse ernannt. Im Spot für "Ma Dame" schneidet sie sich die Haare ab und zerreißt sich die Kleider, bis sie bürstig und kurzhosig in die Kamera blickt. Es ist also die Verabschiedung von einem Frauenbild, die hier inszeniert wird. "Es geht um neue Freiheit – tu, was du willst", sagt Gaultier dazu. Die Frau, die er im Blick habe, sei "gleichzeitig fragil und burschikos".

Gefragt sind plötzlich wieder Frauen, die eine Eigenschaft haben, mit der die Modebranche in den zurückliegenden Jahren nichts zu tun haben wollte: Lebendigkeit. Die Models jener Jahre marschierten wie Roboterstudien, denen man keinerlei menschliche Regung unterstellen wollte.

Nun ändert sich das Frauenbild. Bei der Mailänder Modewoche sah man zuletzt sogar Models, die lächelten. Wie erholsam. Es war überfällig, dass sich die Mode wieder der normalen Frau zuwendet. Leider kann die Branche aber nichts normal finden. Also wird Agyness Deyn als "Punk-Model" verklärt. Mittlerweile muss man nicht mehr die Queen beleidigen und ständig betrunken sein, um als Punk zu gelten. Es genügt, kurze Haare zu haben und nett zu sein. So gesehen ist Kate Moss viel mehr Punk als ihre geistige Nachfolgerin. Sie hat wirklich auf niemanden Rücksicht genommen, Kokain konsumiert und gesoffen. Agyness Deyn dagegen ist kreuzbrav.

Kate Moss hätte allerdings niemals backstage Grimassen geschnitten. Dagegen gibt es kein Foto von Agyness Deyn während des Ankleidens, auf dem sie nicht affig das Gesicht verzieht. Wenn sie das noch lässt, möchte man Herrn Gaultier sagen, wäre sie wirklich die perfekte neue Frau.