Vor Trickdieben wird gewarnt. Und ich könnte 93500 Euro Belohnung einstreichen, wenn ich sachdienliche Hinweise zur Ergreifung all der Täter lieferte, die hier steckbrieflich ausgehängt sind. Hier, in Hitlers Wohnung. München, Prinzregentenstraße 16, heute Polizei-Inspektion Bogenhausen. Eine Buchpräsentation soll gleich stattfinden, ein Hitler-Buch natürlich. Vier Journalisten, drei Fotografen warten, warten – Verleger und Autor nicht da. Wenn das der Führer wüsste!

Ich erkunde die 397,55 Quadratmeter Wohnfläche, für die Hitler die 4176 Reichsmark Jahresmiete nie selbst gezahlt hat. Die Rechnung bezahlten immer die anderen. In diesem Fall der rechte Verleger Bruckmann, der dem "Kunstmaler und Schriftsteller Adolf Hitler" im September 1928 die Luxusetage besorgt hatte. Der arrivierende Polit-Parvenü stattet sich mit piefigem Nazi-Dekor aus; brachial eliminiert er exquisite Jugendstil-Pracht und weiblich florales Rankenwerk. Dafür nimmt er sein üppiges Mündel auf, die strahlend hübsche, lebenslustige Geli Raubal, seine 19-jährige Nichte. Er richtet ihr ein Zimmer ein. 1931 erschießt sie sich mit seinem Revolver in diesem Interieur. Davon handelt der Roman. Die Presse wartet weiter auf Autor und Verleger.

Ich erkunde, "Bitte Türe schließen!", Zimmer Nr. 215. Der "Umkleideraum" neben Hitlers Schlafzimmer war die Bude der Medizinstudentin Geli. Kästchen und Spinde umlaufend, unten adidas und Bergstiefel auf defektem Parkett, oben Schlagstock aus Holz, Uniformmütze falsch rum auf dem Schrank Nr. 77, er gehört dem Beamten namens Führer. Im Vestibül davor ein schwarzes Klavier des Berliner Pianobauers Preikschat, Vorname Adolf.

"Arbeitsplatz ist das für mich seit zehn Jahren", sagt der Innendienstleiter ganz ruhig, "sonst nix! Ich kann nicht jeden Tag daran denken!" Pfeifend feudelt der Schwarze von der Putzkolonne die Dielen. Der Abfalleimer auf dem Abort ist feuerfest.

Hitlers Zuhause beheimatet jetzt die "Verfügungs- und Sonderdienste" der Ordnungskräfte mit sieben Arbeitsplätzen, erklärt der Polizeioberrat. Hitlers Wohnzimmer fungiert als "Lernzentrum" für 40 Azubis. "Büro, kein Mausoleum!"

Wo stecken Autor und Verleger?

Ich setze mich ins Ex-Speisezimmer des Reichskanzlers und lese den Rest des Romans fertig. Draußen Dienstbetrieb. Drinnen zwei Schreibtische, beige, zwei Telefone, beige, zwei Bildschirme, beige, drei ausgediente Olympia-Schreibmaschinen im offenen Rollschrank hochkant auf dem Rücken, daneben die Schuhpoliermaschine Putzboy. Acht neongrelle Schutzmäntel, wadenlang, an der Wand. Wenn das der Führer wüsste! Und was, wenn er wüsste, dass der Polizeihauptkommissar, freundlich, wie er ist, freiwillig die Sitzgelegenheiten für die fremden Gäste eigenhändig heranschleppt!