Er ist bitter, er ist ein Zyniker, und manchmal ist er herrlich lustig. Als Paul Krugman vor wenigen Wochen in der Fernsehshow Real Time with Bill Maher zugeschaltet war, als adrett gekleideter und fast schüchtern dreinblickender Akademiker mit hoher Stimme, kam das Gespräch recht bald auch auf den Handel mit China. Und Krugman blieb ganz ernst. "Fair und balanciert" sei der Handel mit den Chinesen. "Die schicken uns vergiftetes Spielzeug, wir revanchieren uns mit betrügerischen Wertpapieren."

Paul R. Krugman, 55 Jahre alt, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Princeton und seit Montagmittag Ökonomie-Nobelpreisträger, muss so nicht reden. Schließlich ist er einer der besten Handelstheoretiker auf dem Planeten. Er hat die "neue Handelstheorie" in den späten siebziger Jahren mitbegründet. Darin wird trefflich erklärt, warum moderne Volkswirtschaften so ausgiebig und so gewinnbringend miteinander Waren und Dienstleistungen tauschen. Ganz realistisch berücksichtigt Krugman dabei, dass im modernen Rennen um Technologieführerschaft und Monopole keineswegs überall perfekter Wettbewerb herrsche. Krugman ist kein Marktgläubiger, sondern ein Marktforscher und steht damit für eine ganze Generation junger Ökonomen. Mit diesem Ansatz hat er auch neue Denkweisen in die Wirtschaftsgeografie eingeführt und das Verständnis von Währungskrisen erweitert.

In diesen wissenschaftlichen Texten bleibt Krugman pointenfrei, er drückt sich über weite Strecken gar in mathematischen Formeln aus, und in seiner Zunft hat ihm dies tiefe Verehrung eingebracht. "Paul entdeckt ein wichtiges wirtschaftliches Problem, Monate oder Jahre vor allen anderen", hat der Ökonom Avanash Dixit einmal den Modus Operandi des Preisträgers beschrieben. "Dann konstruiert er ein kleines Modell davon. Die Reaktion (der anderen Ökonomen) ist eine Mischung aus Bewunderung und Verärgerung. Das Modell ist so klar und einfach. Es lässt zwar so viel aus, hängt von so vielen Annahmen ab. Doch es geht ans Herz des Problems wie ein schmales und scharfes Stilett."

Die Stockholmer Jury hob in ihrer am Montag veröffentlichten Begründung bewundernd hervor, dass Krugmans bahnbrechendes erstes Papier aus dem Jahr 1979 Grundlagen für die neue Handelstheorie gelegt habe – aber "bemerkenswert: Das Papier schafft all dies auf bloß zehn Seiten"!

Das ist die eine Seite des Paul Krugman. Die unbekanntere. Die ältere. Denn seit Jahren schon hat sich der Professor ein ganz anderes Metier gesucht: Er veröffentlicht kaum noch wissenschaftliche Beiträge und hält wenige Vorlesungen, dafür ist er ein viel gelesener, hoch polemischer Kolumnist bei der New York Times geworden. Ein Autor regierungskritischer Bücher und ein humorvoll-kämpferischer Teilnehmer an Fernsehdebatten.

Eine wundersame Wandlung, die sich Schritt für Schritt vollzog.

Krugmans erstes populäres Buch aus dem Jahr 1990, "Das Zeitalter der reduzierten Erwartungen", hatte noch vordringlich der Volksaufklärung gedient: ein glasklar geschriebenes Werk über die ökonomischen Probleme der USA gegen Ende der achtziger Jahre, das der Professor auf seine streitbare Art gleich gegen die Kritik durch Kollegen verteidigte: Ja, Volkswirte sollten sich auch mit solchen allgemein verständlichen Schriften an die Öffentlichkeit wagen. Sonst seien sie an der schlechten Qualität der Wirtschaftspolitik, an der Dummheit der Medienmacher und der Stammtischdebatten mit schuldig!