"Dreiundzwanzig Soldaten hintereinander. Ich musste im Krankenhaus genäht werden. Nie wieder will ich etwas mit einem Mann zu tun haben." So beschreibt die Publizistin Ursula von Kardorff in ihren Berliner Aufzeichnungen die Erlebnisse einer Freundin im September 1945.

Kriegsvergewaltigungen gehören bis heute zu den großen Tabus des Zweiten Weltkrieges. Nur vereinzelt wurden sie in literarischen Werken und Tagebuchaufzeichnungen angesprochen. Von Donnerstag an läuft nun der Film Anonyma im Kino und rückt das Thema in die Öffentlichkeit.

"Eine systematische wissenschaftliche Aufarbeitung der durch Vergewaltigungen ausgelösten Traumatisierungen und der Langzeitfolgen fehlt bis heute", sagt der Psychiater Philipp Kuwert von der Universität Greifswald. Erstmals soll jetzt das Schicksal deutscher Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges vergewaltigt wurden, wissenschaftlich untersucht werden. Historiker schätzen, dass allein von Januar bis Juni 1945 bis zu 1,9 Millionen Frauen missbraucht wurden. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Nicht nur die Täter schwiegen, auch die Opfer redeten nicht – aus Scham oder Angst. Zudem war in der DDR eine Diskussion über Vergewaltigungen durch Rotarmisten staatspolitisch nicht gewollt. Doch Kuwert ist sich sicher: "Kriegsvergewaltigungen waren ein Massenphänomen und nicht nur in der Roten Armee zu finden." Seit Montag befragt das Team der Universität Greifswald im Rahmen einer mehrmonatigen Studie mit dem Kölner Verein medica mondiale Vergewaltigungsopfer des Zweiten Weltkrieges.

Monika Hauser, die Leiterin von medica mondiale, wurde für ihren 15-jährigen Hilfseinsatz für kriegsvergewaltigte Frauen in aktuellen Kriegsgebieten mit dem Alternativen Nobelpreis 2008 ausgezeichnet . Sie will mit der Studie ein Tabu brechen und den betroffenen Frauen das Stigma nehmen. Nur so würden eine individuelle Verarbeitung und kollektive Erinnerungskultur möglich. Die Frauen erführen dadurch eine – wenn auch minimale – Gerechtigkeit, sagt Hauser. Sie zieht Parallelen zwischen den Vergewaltigungen in heutigen Kriegen und denen während des Zweiten Weltkrieges. "Vergewaltigungen haben kriegsstrategische Bedeutung. Soldaten üben Macht und Rache aus. Sie verletzen den Feind, indem sie ihm die Frau nehmen."

Die Greifswalder Wissenschaftler knüpfen an frühere Forschungen zur Traumatisierung von Kindersoldaten und Kriegskindern an. Demnach leiden einige Betroffene bis heute unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Ihr Erinnerungsdruck sei besonders stark, berichtet Philipp Kuwert. In Flashbacks erlebten sie die schrecklichen Situationen immer wieder. Die Opfer reagierten sogar auf harmlose Reize sehr negativ. "Das geht so weit, dass Frauen das Ticken einer Standuhr nicht ertragen oder Sexualität im späteren Leben vollkommen meiden", erklärt Kuwert.

Selbst 63 Jahre nach Kriegsende sei es für eine Therapie kriegsvergewaltigter Frauen nicht zu spät, meint der Psychiater. "Viele Traumatisierte haben am Ende ihres Lebens das Gefühl, nicht abschließen zu können." Allein das Sprechen über die Erlebnisse habe einen "heilenden Effekt". Die Initiatoren dringen auf die Entwicklung spezieller Therapien, auch in Pflege- und Altenheimen. Dort existiere das Tabu bis heute.