Es ist, als gehe bereits ein großes Aufatmen um die Welt. Als hätten die Amerikaner Barack Obama schon ins Weiße Haus entsandt und John McCain zurück auf die Senatorenbank verbannt. Verständlich, dass viele die vergangenen acht Jahre so schnell wie möglich hinter sich lassen wollen, schließlich haben George W. Bush und die Republikaner dem Land und der Welt nur Kummer, Zwietracht und Katastrophen beschert. Doch Vorsicht, der Wahltag kommt erst noch! Es wäre nicht das erste Mal, dass ein siegesgewisser Kandidat noch auf der Zielgeraden stürzt. Der Wahlkampf wird mit jedem Tag schmutziger; mal verunglimpfen die Republikaner Obama als »Terroristenfreund«, mal als »Sozialisten«. Und niemand weiß, ob nicht in letzter Sekunde einige Wähler davor zurückschrecken werden, ihr Kreuz hinter dem Namen eines Schwarzen zu machen. Und dennoch: Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass Obama Amerikas 44. Präsident werden wird.

Die Banken retten oder die Pole – ohne Amerika geht es nicht

Ein anderes Ergebnis wäre fatal. Ein Demokrat, ein aufgeklärter, sozialer Politiker, kein Staatsverteufler, erstmals ein Afroamerikaner, überdies einer, der auf Hawaii und in Indonesien aufwuchs, sich in den Slums von Chicago um Arbeitslose kümmerte und den Globus nicht durch die Brille des Ideologen sieht – ein solcher Präsident wäre Amerika und uns gerade jetzt zu wünschen. Der Super-GAU an der Wall Street, die Krise des Kapitalismus und die Renaissance staatlicher Intervention haben der Welt dramatisch vor Augen geführt: Unser aller Schicksal bleibt mit dem der Vereinigten Staaten auf das Engste verbunden. Wer oder was gerade gerettet werden soll, die Banken, der Irak oder die schmelzenden Pole, ohne Amerika geht es nicht. Dessen Staatschef ist deshalb auch immer ein bisschen ein Weltpräsident. Selbst wenn Washington an Macht verlieren wird, noch gilt: Vom Umweltschutz über den Freihandel bis zum Kampf gegen den internationalen Terrorismus – was der Herr im Weißen Haus tut oder lässt, berührt alle. Deshalb fiebern bei dieser Wahl so viele Menschen mit und hoffen auf einen Präsidenten, der dieser aus den Fugen geratenen Welt eine neue Ordnung geben kann. Nicht im arroganten Alleingang, sondern im Konzert mit anderen.

Fast wundert man sich, dass überhaupt noch jemand ins Oval Office einziehen will, erbt der Nachfolger George W. Bushs doch nur Schulden und Probleme. Osama bin Laden lebt, Afghanistan, Pakistan und der Irak sind Pulverfässer, Iran strebt nach der Atombombe, die Weltwirtschaft ist in totaler Unordnung. Amerikas Krankenkassensystem steht vor dem Zusammenbruch, das öffentliche Schulsystem ebenfalls, und der viel gepriesene technologische Vorsprung droht verloren zu gehen. Ein Blick auf das rasant steigende Haushaltsdefizit müsste den nächsten Präsidenten eigentlich zum sofortigen Offenbarungseid zwingen; nicht einmal das kleinste Wahlversprechen ließe sich auf solide Art einlösen. Amerika wird sich noch lange von China und den Golfstaaten Geld pumpen müssen.

In dieser trostlosen Lage, empfiehlt eine Handvoll ehemaliger republikanischer Präsidentenberater, brauche Amerika wieder einen Hoffnungsträger , der – wie einst Lincoln, Roosevelt, Kennedy oder Reagan – das Land mit ruhiger, starker Hand und visionärer Kraft zu neuen Ufern führen könne. Urteilsvermögen, Besonnenheit, Standfestigkeit und mitreißende Rhetorik seien im Angesicht des gegenwärtigen Chaos wichtiger als ein bis ins Detail ausgefeiltes Programm. Colin Powell, Republikaner, hochdekorierter General und ehemaliger Außenminister, spricht aus, was etliche Konservative denken: Der richtige Mann in dieser Zeit ist nicht John McCain, sondern Barack Obama.

Die vergangenen Krisenwochen zeigen, wie richtig Powells Urteil ist. Verantwortungsbewusst wählte Obama einen außen- wie innenpolitischen Experten zu seinem Stellvertreter; verantwortungslos entschied sich der betagte und gesundheitlich angeschlagene McCain für eine reaktionäre und politisch völlig unbedarfte Novizin aus dem entlegenen Alaska. Der Kriegsheld stellte einen vermeintlich taktischen Vorteil vor das Wohl des Landes.

Ebenso in der Wirtschaft: Als der Finanzmarkt in Turbulenzen geriet, unterbrach McCain seine Wahlkampagne und präsentierte hektisch lauter unausgegorene Lösungsvorschläge. Obama dagegen warnte vor übereilten Schritten und holte sich Rat bei einem Team namhafter Fachleute. Die Umfragen zeigen: Die Wahrnehmung hat sich in das Gegenteil verkehrt, nicht Obama, sondern McCain gilt inzwischen als die riskantere Wahl. Lieber sähe man den schwarzen Senator zum Hörer greifen, sollte demnächst nachts um drei das Telefon im Weißen Haus klingeln.