Sieben Wörter auf ihrem Grabstein in England beschreiben treffend ihr ganzes Leben: »A physicist who never lost her humanity« – frei übersetzt: »Eine Physikerin, die nie vergaß, ein Mensch zu sein«. Und leicht war es ganz gewiss nicht, menschlich zu bleiben und zu handeln in jener Zeit, in die Elise Meitner 1878 hineingeboren wurde.

Da sie ein Mädchen war, wurde ihr das Recht auf eine höhere Bildung abgesprochen. Da sie aus einer jüdischen Familie stammte, geriet sie später, während der Nazizeit, in höchste Not. Und als Naturwissenschaftlerin musste sie bis zuletzt, bis zu ihrem Tod 1968, um Anerkennung kämpfen. Doch der höheren Tochter hatten die liberalen Eltern eine gehörige Portion Selbstbewusstsein mit auf den Lebensweg gegeben. Der Wiener Rechtsanwalt und Freidenker Philipp Meitner und seine Frau Hedwig glaubten immer an die Fähigkeiten ihrer drittältesten Tochter, deren Geburt am 17. November 1878 im Register der israelitischen Kultusgemeinde Wiens festgehalten wurde. Den jüdischen Glauben praktizierten die Meitners nicht; Elise wurde später evangelisch getauft.

»Wird es mir gelingen, eine Wissenschaftlerin zu werden?«, fragte sich Lise, seit sie als Schulkind auf einer Wasserpfütze das Farbenspiel einer Öllache bestaunt und dafür Erklärungen gesucht hatte. Für studierwillige Mädchen, denen die »höheren Lehranstalten« noch verschlossen waren, gab es eine Art Schleichweg: die externe Matura. Als Lise sich in die Abiturvorbereitungen stürzte, neckten ihre vier Schwestern und drei Brüder sie gerne mit dem Satz: »Das steht nicht im Physikbüchl.« Sie bestand die Prüfung und hielt mit 23 Jahren endlich ihren Studentenausweis in Händen: eine der ersten Studentinnen in Wien und die zweite im Fach Physik.

1901 begann sie an der Universität ihre Reise in das »Land der Wunder«, denn von der Wissenschaft war sie, wie sie später einmal schrieb, fasziniert »wie ein Kind von einer Märchenwelt, ohne sich zu fragen, wie und wo man in diese Welt hineingehört«. Beeinflusst durch ihren Lehrer Ludwig Boltzmann, einen theoretischen Physiker, begriff sie fortan die Physik auch als einen Kampf um die letzte Wahrheit.

Als zweite promovierte Frau an der Wiener Uni (1905 schrieb sie ihre Doktorarbeit über Wärmeleitung im inhomogenen Körper) wählte Meitner nicht den sicheren Weg – und lehnte das Stellenangebot einer Gasglühlichtfabrik in der Nähe Wiens ab. Mehr wissen wollte sie, weiter gehen, und deshalb: auf nach Berlin! Die Eltern unterstützten ihren Wunsch nicht nur finanziell. »Ich bewundere Deinen Mut«, lobte Vater Meitner die Tochter, die einige Semester in der deutschen Hauptstadt studieren wollte. Sie sollte 31 Jahre bleiben.

Naiv und forsch zugleich muss Lise Meitner gewirkt haben, als sie im Frühjahr 1907 das Arbeitszimmer des Geheimrats Max Planck betrat und erklärte, sie sei nach Berlin gekommen, um »ein wirkliches Verständnis von der Physik« zu gewinnen. Wusste sie nicht, dass in Preußen den Frauen der Zugang zu den Hochschulen verwehrt war? Und hatte sie nicht gelesen, wie Planck – 1897 in seiner Antwort auf eine Umfrage zur Rolle der »Akademischen Frau« – gegen »weibliche Amazonen« in der Wissenschaft gewettert hatte, die sich ihrer naturgegebenen Rolle als Hausfrau und Mutter verweigerten und damit nachfolgende Generationen schädigten? Am Ende des Gesprächs erkannte der Physiker in ihr wohl die »Ausnahme«, die er damals immerhin erwähnt hatte. Das Fräulein durfte sich für seine Vorlesungen einschreiben.

Nur einige Jahre später machte Planck Lise Meitner zur ersten Universitätsassistentin in Preußen. Dieser Posten war »wie ein Reisepass« in die wissenschaftlichen Zirkel der Metropole und »eine große Hilfe, die bestehenden Vorurteile gegen Akademikerinnen zu überwinden«.