Just diese Vorurteile hatten Meitner zu Beginn ihrer Berliner Zeit in einen Kellerraum des Instituts für Chemie verbannt, in die berühmte Holzwerkstatt. Den Raum, ursprünglich für ganz andere Zwecke geplant, hatte der vier Monate jüngere Chemiker Otto Hahn, der an der Zusammenarbeit mit einem Kollegen von der Physik interessiert war, in ein Labor verwandelt. Da ein eigener Eingang vorhanden war, konnte Meitner die Forderungen von Hahns Chef Emil Fischer, der auf keinen Fall eine »Weiberwirtschaft« wollte, erfüllen: In den Institutsräumen selbst durfte sie sich nämlich nicht blicken lassen.

Für Einstein ist sie die »deutsche Madame Curie«

Die junge Wissenschaftlerin protestierte nicht, sondern fügte sich und überzeugte bald auch Fischer durch Taten. Schon im ersten Jahr entdeckte sie zusammen mit Hahn eine Reihe neuer Isotope, also unterschiedliche Atome eines Elementes, die sich durch ihre Masse unterscheiden.

Schnell erwarb sich die Physikerin einen eigenen Ruf. 1909 stellte sie in Wien auf einem Kongress zwei Arbeiten über Beta-Strahlen vor; im Jahr darauf traf sie Marie Curie in Brüssel. Mit der berühmten polnischen Kollegin teilte Elise Meitner inzwischen das Datum ihres Geburtstags, seit auf einem Schulzeugnis aus dem 17. der 7. November 1878 geworden war. Der Irrtum wurde nie korrigiert.

Meitner hielt ihr knappes Geld zusammen, das die Familie aus Wien schickte. Brot und schwarzer Kaffee waren ihre Hauptnahrung. Die Jahre in der Holzwerkstatt nannte sie später ihre glücklichste Zeit: »Wir waren jung, vergnügt und sorglos, vielleicht politisch zu sorglos.« Im Rückblick wird der Kellerraum jedoch auch zu einem Symbol: Ganz sollte Lise Meitner nie »aus dem Keller« herauskommen, selbst nicht als anerkannte Wissenschaftlerin, die Albert Einstein gern »unsere« oder »die deutsche Madame Curie« nannte.

1912 wechselte die Forschergruppe Hahn-Meitner an das neu gegründete Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Chemie in Berlin-Dahlem. Meitner arbeitete als unbezahlter Gast in Hahns Abteilung für Radiochemie. Erst als die Universität im fernen Prag mit einer Dozentenstelle lockte, erhielt die Physikerin, inzwischen 35 Jahre alt, eine feste Stelle am KWI und blieb. Sie liebte die »Wunderbarkeit der Wissenschaft«, und das Gefühl, frei forschen zu können, ohne an einen rasch verwertbaren Nutzen denken zu müssen, war für sie so elementar wie das Atmen.

Doch dieses Leben, das sie sich so immer gewünscht hatte, wurde jäh durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Lise Meitner ging als Röntgenschwester an die österreichische Front. Die Wucht des Kriegselends verdrängte anfangs alle »physikalischen Heimwehgedanken«. Aber schon Weihnachten 1915 sehnte sie sich an die alte Wirkungsstätte zurück und schämte sich dafür. »Ich liebe die Physik«, gestand sie ihrer Berliner Freundin, der Biologin Elisabeth Schiemann, in einem Brief. »Es ist so eine Art persönlicher Liebe, wie gegen einen Menschen, dem man sehr viel verdankt. Und ich, die so sehr an schlechtem Gewissen leidet, bin Physikerin ohne jedes böse Gewissen.«