Lise Meitner war so souverän, ihrem Kollegen diese Auszeichnung nie zu neiden. Zorn überkam sie nur, als sie in Berichten zur nachgeholten Nobelfeier 1946 oder auch noch im Jahr 1953 in einem Artikel des Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker als »die langjährige Mitarbeiterin Hahns, Frl. Lise Meitner«, tituliert wurde. Dabei habe sie als Professorin die Physikalische Abteilung im KWI doch 21 Jahre lang geleitet. »Soll mir«, schrieb sie in einem Brief an den schweigenden Hahn, »nach den letzten 15 Jahren, die ich keinem guten Freund durchlebt zu haben wünsche, auch noch meine wissenschaftliche Vergangenheit genommen werden? Ist das fair? Warum geschieht es? Was würdest Du sagen, wenn Du charakterisiert würdest als der langjährige Mitarbeiter von mir?«

Sie selbst verfasste keine Autobiografie. Die scheue Frau überließ anderen die Deutungshoheit über ihr wissenschaftliches Leben. Wie viel Kraft sie das Exil gekostet hatte, wie stark die wirtschaftliche Not und die Ängste um die Freunde sie erschüttert hatten, davon zeugen bewegende Briefe.

Verdrängt hatte sie in dieser harten Zeit allerdings auch die düstere Sorge, »die Energie, bei deren Freilassung wir geholfen hatten«, könne zum Bau »einer zerstörerischen Bombe eingesetzt werden«. Am 6.August 1945, als der Atompilz über Hiroshima stand, wurde sie eines Schlechteren belehrt.

Ihr Name kehrte in die Öffentlichkeit zurück. Reporter bestürmten sie als vermeintliche »Mutter der Atombombe«, und Anfang 1946 lud sie die Witwe des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, Eleanor Roosevelt, in die USA ein. Die Physikerin genoss diese Aufmerksamkeit ebenso wie das Wiedersehen mit emigrierten Freunden. Details über den geheimen Atombombenbau, an dem auch – wahrscheinlich mit ihrem Wissen – ihr Neffe beteiligt gewesen war, drangen erst langsam nach außen.

Eine Rückkehr in die alte Heimat, nach Berlin oder Wien, kam für die Vertriebene nicht mehr infrage. Sie konnte dort nicht dauerhaft leben und arbeiten, wo alte Nazis sie um »Persilscheine« angingen und niemand zu seiner Schuld stand. Aber im Gegensatz zu Einstein, der nie wieder deutschen Boden betrat, reichte sie den ehemaligen Freunden die Hand zur Versöhnung und lehnte keine der ihr angetragenen Ehrungen ab, von der Dorothea-Schlözer-Medaille bis zum Verdienstorden der Bundesrepublik.

Lise Meitner blieb in Stockholm und nahm die schwedische Staatsbürgerschaft an. Als Weltbürgerin reiste sie in den fünfziger Jahren viel umher. In Amerika unterrichtete sie an Frauenuniversitäten, und als schwedische Delegierte setzte sie sich auf internationalen Konferenzen für die friedliche Nutzung der Kernenergie und die Abrüstung ein: »Es muss eine internationale Kontrolle zustande kommen, oder die Menschheit geht rettungslos in ihr Verderben.« Sie sprach vor deutschen und österreichischen Akademikerinnen über Frauen und Wissenschaft: »Vorurteile bestehen trotzdem weiter […], ganz besonders gegen Frauen in Führungspositionen. Niemand scheint gegen Frauen als Fabrikarbeiterinnen zu protestieren.«

1960 verließ sie Schweden und zog sich ins ehrwürdige Cambridge zurück, wo ihr Neffe mit seiner Familie lebte. Sie genoss es, in England nur noch die Tante des Physikers Frisch zu sein, und legte sich, um fachlich auf dem Laufenden zu bleiben, eine Liste an: »Otto Robert fragen!«