Im Jahr 1964 versammelte Otto Hahn für das Deutsche Museum in München alle Geräte auf nur einem Tisch, die für die Entdeckung der Kernspaltung wichtig gewesen waren und die im Berliner KWI im Bestrahlungsraum, im Chemielabor und im Messraum gestanden hatten: die Neutronenquelle, ein Papiertütchen mit einem Uransalz, ein Paraffinblock zur Verlangsamung der Neutronenstrahlung, eine Saugflasche, Absorptionsfolien, ein Bleischiffchen und ein Messblock aus Blei, Anodenbatterien, Verstärker, ein Geiger-Müller-Zählrohr und ein Zählwerk. Auch Hahns Laborbuch liegt bis heute daneben, die Seite mit den entscheidenden Befunden ist aufgeschlagen.

Das Deutsche Museum in München verschwieg ihren Namen

»Der Arbeitstisch von Otto Hahn«, ein Kunstprodukt, ist so etwas wie ein Mythos geworden: ein Ort, an dem sich Wissenschaftsgeschichte, eine die Welt erschütternde Entdeckung materialisiert. Dass daran auch eine Frau beteiligt war, verschwieg die Gedenktafel noch bis ins Jahr 1990.

Falls Lise Meitner von diesem Affront erfahren hatte, war sie schon zu alt, um laut aufzubegehren. Nach mehreren kleinen Schlaganfällen musste die Kettenraucherin ihrem Laster endgültig abschwören. Sie wurde immer vergesslicher, aber sie litt nicht darunter. Die letzten Tage verbrachte die große Physikerin in einem Pflegeheim; friedlich schlief sie dort am 27. Oktober 1968, kurz vor ihrem 90. Geburtstag, für immer ein. Auf dem Friedhof der Jakobskirche in dem Ort Bramley bei London wurde sie neben ihrem Bruder Walter beigesetzt. Dass nur drei Monate zuvor ihr Weggefährte Otto Hahn gestorben war, hatten die Angehörigen ihr sacht verschwiegen.

Seit 1991 steht ihre weiße Marmorbüste in der Galerie III im Ehrensaal des Deutschen Museums. »Das Ausmaß ihrer Verdienste um die Klärung der Grundlagen der Radioaktivität und um die Radiochemie«, so lautet die Begründung, »wurde erst spät erkannt und gewürdigt. Die Gruppe um Otto Hahn verdankt ihr wesentliche Anregungen bei der Entdeckung der Kernspaltung und ihrer Deutung.« Eine überfällige Wiedergutmachung für Lise Meitner, die an diesem Ort wieder einmal die einzige Frau unter Männern ist.

Voraus hat sie Otto Hahn, dessen Büste im selben Saal steht, inzwischen eine andere Ehrung. Ein neu entdecktes Element mit der Ordnungszahl 109 wurde 1992 nach ihr getauft: das Meitnerium.

Die Autorin ist Wissenschaftspublizistin und lebt in Lübeck. Sie veröffentlichte 1986 die erste Meitner-Biografie: »Lise, Atomphysikerin. Die Lebensgeschichte der Lise Meitner«(Taschenbuchausgabe im Verlag Beltz & Gelberg; 7,90 €)