Wir werden nie genau erfahren, wie viele deutsche Frauen kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit von sowjetischen Soldaten vergewaltigt wurden. Zehntausende dürften es gewiss gewesen sein, wohl eher Hunderttausende. Manche Schätzungen sprechen sogar von zwei Millionen, wenn alle osteuropäischen Gebiete mit deutscher Bevölkerung berücksichtigt werden.

In jener Zeit prägte Furcht vor Vergewaltigung den Alltag von Frauen – Angst vor der Zerstörung ihrer Würde, aber auch konkretere Sorgen wie Geschlechtskrankheiten und Abtreibung. In den Geschichten der Frauen spiegelte sich die Geschichte Deutschlands: totale Niederlage, Unterwerfung, Besatzung, Anpassung und Neubeginn.

Die Wut entsprang persönlichem Leid und wuchs durch Stalins Propaganda

Die Tagebücher und Erinnerungen der betroffenen Frauen sind heute über die ganze Welt verstreut. Einiges wurde in Buchform veröffentlicht (Eine Frau in Berlin gehört zu den beeindruckendsten Beispielen), das meiste jedoch nicht. Manchmal handeln die Berichte ausdrücklich nur von der Vergewaltigung anderer Frauen; manchmal wird eigenes Leid geschildert. Deutsche Männer, sofern sie überhaupt anwesend waren, reagierten hilflos. Aus Krieg oder Gefangenschaft heimgekehrt, wollten sie die Schreckensgeschichten nicht hören. Die Frauen hatten das Gefühl, für die Taten ihrer Männer zu bezahlen.

Doch selten stellten Tagebuchschreiberinnen die Frage, warum die sowjetischen Soldaten vergewaltigten. Die Frauen fürchteten sich, aber rechneten auch damit, nachdem die NS-Propaganda die Rotarmisten unablässig als asiatische Barbaren und jüdisch-bolschewistische Frauenschänder dargestellt hatte. Als es im Frühjahr 1945 in Ostpreußen zu ersten brutalen Massenvergewaltigungen kam, nutzte Goebbels die Gelegenheit, um die Furcht vor einer Besatzung zu schüren und den Durchhaltewillen der Deutschen zu stärken. Die Panik, von sowjetischen Truppen überrannt zu werden, war schließlich so groß, dass Tausende Familien Selbstmord verübten.

Der Zweite Weltkrieg war weder der erste noch letzte Fall von Massenvergewaltigungen im Kriegszustand. So wie Soldaten in der Schlacht für ihre Kameraden einstehen, so vergewaltigen sie auch in Ritualen obszöner Kameraderie. Alliierte Soldaten in den Westzonen vergewaltigten ebenfalls deutsche Frauen, allerdings in deutlich geringerer Zahl und unter einem weniger aggressiven Besatzungsregime. Sowjetische Soldaten wiederum verübten auch schreckliche Untaten an Frauen anderer Nationalitäten. So erlebten die Ungarinnen während der Belagerung Budapests im Winter 1944/45 die Brutalität der vorrückenden Roten Armee am eigenen Leibe.

Sowjetische Soldaten rächten sich wahllos für das, was Deutsche ihrem Vaterland, ihren Städten, ihren Familien angetan hatten. Die Moskauer Propaganda stachelte sie an, als »Richter des Volkes« zu dienen, die »Bestie in ihrem Versteck« aufzuspüren und zu vernichten. Um den Rächern die Unmenschlichkeit der Deutschen vor Augen zu führen, veröffentlichte man Fotos von Leichenbergen in Majdanek – allerdings wurden die Opfer nicht als Juden identifiziert. Der Schriftsteller Ilja Ehrenburg schrieb: »Wenn du einen Deutschen tötest, töte noch einen zweiten: Es gibt nichts Lustigeres für uns als deutsche Leichen.«