Torben Giehler kratzt an einem hart gewordenen Acrylfarbfleck auf seiner Malerhose. Diese Flecken machen seine Hosen so starr, als sei sie in Gips gegossen. Manchmal kratzen sie sogar durch den Stoff die Haut blutig. Dann muss die Hose in den Müll. "Wenn die hier voll ist, dann probier ich mal was Neues", sagt Giehler und zieht eine in Plastik verpackte Latzhose aus einem Ikea-Regal. Bislang malte er in Hüfthosen, aber in einem Buch von Willem de Kooning hat er gesehen, dass der nur Latzhosen trug. Und de Kooning ist im Moment Giehlers Lieblingskünstler.

Giehler ist eben vom Fahrradfahren zurückgekommen. Zwei Stunden lang durch Brooklyn. Das macht er immer, wenn er mit einem Bild nicht weiterkommt. Fünf Gemälde hat er gerade in Arbeit, Labyrinthe aus Flächen und Farben, wie Hochhäuser während einer Explosion. Aber er weiß im Moment nicht so recht, was mit den Bildern weiter geschehen soll. Er weiß nur, dass sie noch nicht fertig sind. Er betrachtet eine Leinwand, die er direkt auf die Wand getackert hat, er schaut auf eine rote Fläche im oberen Teil, hinter der eine weiße, blaue, grüne hervorschauen, alle in unterschiedlicher Form, sodass der Eindruck entsteht, man schaue in die Tiefe. So macht man sich immer wieder an anderer Stelle auf die Suche nach dem Eingang in das Bild. Wenn alle Stellen im Bild so eine Bewegung erzeugen, dann ist es für ihn fertig. Besser kann er das nicht erklären, sagt er, er kann das eigentlich nur fühlen.

"Manche Leute sehen diese Eingänge. Das sind meistens die, die meine Bilder kaufen", sagt Giehler. Er dreht die Musik runter, New Model Army, nachbarschaftsgefährdend. Beim Malen muss er schnelle, laute Musik hören. Für die Ausstellung Eishexe in der New Yorker Galerie Leo König vergangenes Jahr hat er ausschließlich eine Platte gehört, Head for the Shallow von Big Business. Irgendwann ist seine Assistentin abgehauen. Sie hat es nicht mehr ausgehalten.

Giehler hatte Leo König im Jahr 2000 nicht weit von seinem Atelier in Williamsburg kennengelernt. Leo König, Sohn des Direktors des Kölner Ludwig Museums, war soeben vor der Wehrpflicht nach New York geflohen und Giehler vor der Langeweile in Boston. Williamsburg mit seinen alten Industrie- und Lagerhallen wurde gerade das neue wilde Viertel von New York, und Giehler und König hatten einen ähnlichen Hang zu Alkohol und chinesischem Essen.

Eine gute Grundlage, wie sich herausstellte. Vier Einzelausstellungen hat Giehler bei Koenig seitdem gehabt, er hat im Kunstmuseum Wolfsburg ausgestellt, im P.S.1 in New York, im Museum of Fine Arts in Boston. Seine Bilder kosten mittlerweile zwischen 20.000 und 55.000 Dollar. Und immer noch endet so gut wie jeder Abend bei May’s, dem Chinesen um die Ecke mit der trinkfesten Chefin. Eine befreundete Künstlerin hat auf ihre Website ein Foto von Giehler gestellt, es zeigt ihn in braunem St.-Pauli-Totenkopf-T-Shirt, mit einem großen blaugrünen Bluterguss am Oberarm und einem ebenso großen Bier vor dem zerschundenen Gesicht. Das Ergebnis einer langen Nacht mit dem Galeristen? Nein, sagt Giehler, da sei er vom Fahrrad durch das Fenster eines Taxis geflogen, nachdem der Fahrer, ohne zu gucken, die Tür geöffnet hätte. Ganz nüchtern.

Alkohol gab es schon bei der Nachbarin in Bad Salzuflen, wo er einen Teil seiner Jugend verbrachte. Die Nachbarin war eine Schülerin von Oskar Kokoschka gewesen und hatte dessen Staffelei geklaut. Auf der durfte Giehler dann, sooft er wollte, im Garten malen. Abends gab es Bratkartoffeln. Ein Freund riet ihm, sich die Lust am Malen nicht von den herrischen Kunstprofessoren in Düsseldorf kaputt machen zu lassen, Mensch, geh nach Amerika, sagte er. Giehler gefiel der schöne alte Irish Pub vor der Kunstschule in Boston, er bewarb sich um einen Studienplatz und wurde genommen.

Nach einer durchzechten Nacht hat er sich dann oft noch an die Leinwand gestellt. Damals waren seine Bilder kleiner, sie erinnerten an Flugsimulatoren, an digitale Oberflächen, manchmal erkannte man den Berliner Fernsehturm, eine Serie bestand aus gepixelten Alpenbergen, die Giehler in einem Sommer mal hochgeradelt war. Seit seine Bilder größer werden und er nur von einer Leiter aus arbeiten kann, hat er die nächtliche Gewohnheit abgelegt. Jetzt geht er nach dem Trinken direkt ins Bett.