Als in den 1960er Jahren in Deutschland von einer »Bildungskatastrophe« die Rede war, galt das »katholische Mädchen vom Lande« als besonders benachteiligte Spezies. Heutzutage sind es die jungen Männer, die die deutsche Bildungsbilanz trüben. Sie fallen durch ihre mittelmäßigen Leistungen auf, sie dominieren die Schülerschaft an den Haupt- und Förderschulen, sie verlassen die Schule häufiger als die jungen Frauen ohne Abschluss. Sie fallen leistungsmäßig weiter zurück und können im historischen Vergleich als »Bildungsverlierer« bezeichnet werden.

Das Kapitel »Geschlecht und Schulerfolg« muss neu geschrieben werden. In den USA ist der Vormarsch der jungen Frauen in den Colleges und Universitäten ein großes Thema. Auch ihre Erfolge beim Einstieg in lukrative Berufslaufbahnen sorgen für Aufmerksamkeit. Ganz so weit ist es bei uns noch nicht. Aber es scheint, als hätten auch in Deutschland die jungen Männer den Anschluss an die Erfordernisse der modernen Leistungswelt verpasst.

Wie konnte das geschehen? In den Bildungsstatistiken ist klar abzulesen: Der relative Leistungsabfall der Männer begann schon vor 20 Jahren. Er ist zunächst nicht aufgefallen, weil nach wie vor in der Gesamtbevölkerung der Anteil von Männern, die gute Schul-, Hochschul- und Berufsabschlüsse erwerben, deutlich höher ist als der von Frauen. Greifen wir aber gezielt die Jüngeren heraus, ändert sich das Bild. In den jüngsten Statistiken liegen die Mädchen in der Schule bei den mittleren und den höchsten Abschlüssen vorn. Der Anteil weiblicher Schüler an den Gymnasien wächst, während an den Hauptschulen, den Sonder- und den Förderschulen die männlichen Schüler dominieren. Inzwischen verlassen fast doppelt so viele Männer die Schule ohne Hauptschulabschluss wie junge Frauen. Heute erwirbt etwa ein Drittel der jungen Frauen die Hochschulreife, während es bei den jungen Männern nur ein Viertel so weit schafft.

Männer verkennen die Spielregeln der modernen Leistungsgesellschaft

Die Pisa-Studie zeigt weltweit einen bedeutenden Vorsprung der Mädchen gegenüber den Jungen in der so wichtigen Lesekompetenz. In den meisten europäischen Nachbarländern und in den USA wird inzwischen auch die Studentenschaft von den jungen Frauen dominiert. Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden auch die deutschen Hochschulen über das bessere Abschneiden der jungen Frauen bei Prüfungen berichten können. Die Ausstrahlung auf erfolgreiche Karrieren und höhere Einkommen wird sich etwas länger hinziehen, aber sie ist programmiert.

Die Kinder- und Jugendstudien der letzten Jahre geben erste Hinweise auf die Ursachen. Die World Vision Kinderstudie von 2007 dokumentierte schon bei den Grundschülern große Geschlechtsunterschiede im Blick auf die Bildungsziele. Die Mädchen wollen deutlich häufiger als die Jungen eine anspruchsvolle Bildungslaufbahn am Gymnasium mit Abitur als Fernziel durchlaufen. Sie sind ehrgeiziger als die Jungen. Sie fallen zudem durch ein viel kreativeres Freizeitverhalten auf. Steht bei allzu vielen Jungen die stundenlange Beschäftigung mit elektronischen Medien im Vordergrund, so kombinieren die meisten Mädchen die medialen Anregungen mit alle Sinne ansprechenden Aktivitäten. Handarbeit, Tanzen, Sport, Musizieren und Basteln sind bei ihnen viel stärker verbreitet als bei Jungen.