Loriot im Gespräch"Früher war mehr Lametta"

Am 12. November wird Vicco von Bülow 85 Jahre alt. Hanns-Bruno Kammertöns und Stephan Lebert sprechen mit Loriot über das Alter, über ewige Komik und die Frage, ob die weltweite Finanzkrise eine heitere Seite hat von  und Stepahn Lebert

Eine Wohnung am Berliner Savignyplatz, aus den Fenstern ein herrlicher Blick über die herbstliche Stadt. Vicco von Bülow begrüßt die Besucher an der Tür. Er sagt, es gehe ihm nicht gut. Der Rücken, der Kreislauf. Wer nun für einen Augenblick fürchten könnte, der große Loriot sei vielleicht doch ein wenig alt geworden, wird diese Sorge sehr schnell vergessen, als sich der Gastgeber auf die Couch setzt und zu erzählen beginnt, sehr klar, sehr heiter, geradezu weise. Gleich zu Beginn des Gesprächs bekräftigt Vicco von Bülow, dass er eigentlich keine Interviews mehr geben wolle, weil »die Leute von unsereinem genug gehört haben«. Für die ZEIT mache er nur aus einem Grund eine Ausnahme, nämlich in Erinnerung an die langjährige Freundschaft mit Marion Gräfin Dönhoff.

DIE ZEIT: Sie pendeln mit Ihrer Frau zwischen dem Starnberger See und Berlin. Wie viel Zeit verbringen Sie in Berlin?

Vicco von Bülow: Jetzt sind wir einen Monat hier. Neulich, die Nacht vor meinem Flug, wachte ich auf, konnte nicht mehr schlafen, stellte den Fernseher an und wurde durch die haargenaue Beschreibung eines Flugzeugunglücks unterhalten: wie ein Bolzen riss, wie die Maschine zu taumeln begann und irgendwo in einen Wohnblock stürzte. Eine Stunde später flog ich aus dem Bett.

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ZEIT: Einer unserer absoluten Favoriten ist Ihr Sketch »Fernsehmoderator interviewt amerikanischen Astronauten«. Es liegt eine Verwechslung vor, denn der Astronaut ist kein Astronaut und auch kein Amerikaner, sondern ein deutscher Verwaltungsangestellter. Aber das Interview wird eisern durchgezogen. Erinnern Sie sich an diesen Sketch?

v. Bülow: Natürlich. Auch schon, weil es mein erster Fernsehsketch war. Ich spielte den Moderator, saß mit angeklebtem Bart in einem Stuttgarter Fernsehstudio und mir gegenüber Heinz Meier in der Maske des vermeintlichen Astronauten. Ich bat ihn, nicht humorig zu antworten, sondern mit trockenem Ja oder Nein. »So ist es komischer.« Ich frage: »Sie sind also mehrfach in 200000 Kilometer Entfernung von der Erde durch die Luft geflogen?« Und der Beamte sagt: »Nein.«

ZEIT: Wenn wir jetzt bei Ihrer Biografie nicht irren, dann sind Sie in Brandenburg an der Havel geboren und in Berlin aufgewachsen. Wann fangen Ihre Erinnerungen an diese Stadt an?

v. Bülow: Nachdem sich meine Eltern getrennt hatten, kam ich im Alter von vier Jahren zusammen mit meinem Bruder nach Berlin zu meiner Großmutter, die da mit ihrer Mutter lebte, also meiner Urgroßmutter. An diese Zeit habe ich sehr gute Erinnerungen. Wir bewohnten die beiden oberen Etagen der Pariser Straße 55, Ecke Fasanenstraße. Schräg gegenüber hatten sich Weizsäckers eingemietet. Wir kannten sie damals nicht. Richard war wohl um die zehn Jahre alt und darum noch nicht Bundespräsident.

ZEIT: Haben Sie die Trennung Ihrer Eltern noch als schmerzhaft in Erinnerung?

v. Bülow: Nein. Wenn man Kind ist, nimmt man vieles als selbstverständlich hin. Man wohnt irgendwo, dann wird man von den Eltern zur Großmutter gebracht, abgeholt, wieder hingebracht, und irgendwann glaubt man, das ist das Leben. Als meine Mutter starb, dachte ich, so also ist das: Wenn man fünf ist, stirbt die Mutter.

ZEIT: In Ihrem Film Ödipussi spielt eine sehr dominante Mutter eine zentrale Rolle. Hat sie zufällig eine gewisse Ähnlichkeit mit Ihrer Großmutter?

v. Bülow: Ja, äußerlich. Später ist mir aufgefallen, dass die Wohnung der Filmmutter sehr an die Wohnungen meiner Groß- und Urgroßmutter erinnerte. Jedenfalls bestimmten die beiden Damen meine Sicht der Welt. Da gab es keine modernen Bücher. Ich wühlte in Werken von Scott und Dickens. Da stand die Bibel von Julius Schnorr von Carolsfeld, die seitdem mein religiöses Bild bestimmt. Ich kann mir den lieben Gott nicht anders vorstellen als von Schnorr gezeichnet.

ZEIT: Irgendwann meldete sich Ihr Vater zurück…

v. Bülow: …ja, aber mein Bruder und ich waren nicht besonders glücklich, als wir aus dem warmen großmütterlichen Nest zu einem Vater ziehen mussten, der inzwischen erneut geheiratet hatte. Erzogen werden von einer Großmutter ist etwas anderes als von einer jungen, tatkräftigen Frau, die weder die Zeit noch das Wissen hat, einem Achtjährigen befriedigende Antworten zu erteilen. Wenn ich dagegen in meinem damaligen Lieblingsbuch, Kürschners Konversationslexikon für gebildete Stände, blätterte, auf irgendjemanden zeigte und meine Großmutter fragte, wer das sei, bekam ich immer eine ausführliche, nachdenkliche Antwort. Neulich fiel mir ein, dass ich gelegentlich einmal mit dem Finger auf Robespierre getippt hatte und meine Großmutter mir die ganze Geschichte der Französischen Revolution auf kindgerechte Weise erzählte. Ich fand das ungeheuer spannend. Leider können das nur Großmütter.

ZEIT: Sie wären lieber bei den alten Damen geblieben?

v. Bülow: Wir Kinder empfanden die neue Familiengründung als Problem. Mein Vater war natürlich eine spannende Person, weil wir ihn nicht oft gesehen hatten, aber nun trafen wir ihn täglich und waren noch nicht so recht aneinander gewöhnt.

ZEIT: Sie haben einmal geschrieben, die Basis allen Humors sei die Störung der Kommunikation. Hat dieses frühzeitige Erleben unterschiedlichster Familiensituationen möglicherweise zu dieser Erkenntnis beigetragen?

v. Bülow: Vermutlich. Wissen Sie, mein Vater war ein vielschichtiger Mann. Berufsoffizier, mit großer Leidenschaft für Dichtung und Theater. Und dies nicht nur passiv: Bei gesellschaftlichen Einladungen trug er selber gerne vor und legte sich höchst dramatisch, wie auf der Bühne, ins Zeug. Uns Kindern war das immer etwas peinlich. Allerdings zu Unrecht. Es handelte sich um eine übliche Form der Unterhaltung in einer Zeit, die weder Radio noch Fernsehen kannte. Eine Szene hat sich mir besonders eingeprägt. Mein Vater stand zwischen den festlich gedeckten Tischen und trug eine Ballade vor mit einem Tränenstrom als Höhepunkt. Er wählte eine der älteren Damen aus, die in der Nähe saßen, ließ sich auf die Knie fallen, barg seinen Kopf in ihrem Schoß und schluchzte meisterhaft, worauf die unglückliche Frau, im Glauben, dies sei eine echte Tragödie, ihm den Kopf streichelte und sagte: »Ach, so beruhigen Sie sich doch.« Diese Szene habe ich nie vergessen und dachte so bei mir: Wissen die Erwachsenen eigentlich, wie komisch sie sind, wenn sie ernst sein wollen…?

ZEIT: Hatte Ihr Vater Humor?

v. Bülow: Mein Vater war der witzigste Mensch, den ich in meinem Leben kennengelernt habe, aber auch der ernsteste. Ich will für beide Wesenszüge eine Geschichte erzählen. Erst die ernste: Im stern erschien damals Woche für Woche ein berühmtes Gemälde mit einer humoristischen Bildunterschrift. Diesmal war es Michelangelos Jüngstes Gericht aus der Sixtinischen Kapelle in Rom, darunter stand: »Bitte ins Paradies im Gleichschritt gehen«, oder so ähnlich. Mein Vater fühlte sich religiös verletzt und schrieb an den Humorchef des sterns einen bösen Brief. Da ich zu jener Zeit für den stern arbeitete, fügte mein Vater noch hinzu, dass sein Sohn unter diesen Umständen ganz gewiss nicht mehr für dieses schändliche Blatt arbeiten würde. Natürlich hatte mein Vater kein Wort mit mir darüber gesprochen.

ZEIT: Und die komische Seite?

v. Bülow: Mein Vater lag im Sterben. Am letzten Tag war ich bei ihm und begann eine Geschichte zu erzählen mit den Worten: »Ich kann mir nicht vorstellen…« Worauf er mich in reinem Berliner Dialekt unterbrach: »Du brauchst dir nich vorstellen, ick kenn dir ja schon…«

Leserkommentare
    • tbird
    • 27. Oktober 2008 21:42 Uhr
    1. dank

    danke fuer das schoene interview, til mette

    • hagego
    • 29. Oktober 2008 11:23 Uhr

    Man sagt ja, zuweilen gedankenlos, "alles habe seine Zeit". Nur wir Menschen hätten keine mehr...

    Neuer deutscher Humor?
    Vicco von Bülow hat auch heute noch ein sehr genaues Gespür für Pointen und für die Imponderabilien des Lebens. Aber - da er sozusagen formvollendet ist - wird er sich nicht vor 35.000 schunkelnden Gästen stellen um mit ihnen die andere Hälfte des Stadions ebenfalls zum Schunkeln zu bringen. 70.000 Zuschauer sind imposant. Aber kein Indiz für eine Art "neuen deutschen Humors"!

    Humor-Archäologe
    Nein, Loriot hat ja nicht gelacht oder lachen lassen, damit - wie die Dominosteine - auch andere ins Lachen kommen. Er hat mit großem Ernst das Komische in uns allen freigelegt. Die heutigen Comedians machen sich auf gegenteilige Weise bemerkbar. Ihnen dienen Minderheiten eher dazu, ihren einzelnen Zuschauern das Gefühl zu geben, dass sie zum Glück nicht zu diesen "Unglückswürmern" gehören, dass sie selbstverständlich zur Mehrheit gehören. Und deshalb auch herzhaft und befreit lachen dürfen.

    Obwohl doch längst bekannt sein sollte, dass jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat. Und also - von Zeit zu Zeit - jedes Individuum auch ein Unglückswurm sein könne.

    Loriot ist in seinem Beruf genau so erfolgreich, wie es sein genialer, säuferisch vielleicht begabterer, Kommilitone Horst Janssen. Wenn ich es richtig in Erinnerung behalten habe, hieß ein anderer Kommilitone Paul Wunderlich. Ein vor allem in den 60er, 70er und 80er Jahren bekannter Name.

    Herzlichen Glückwunsch, Vicco von Bülow! - Und wenn Sie nicht wissen, wohin mit den 500.000 Mark des Rentners Erwin Lindemann... reichen Sie diese bitte an das Fernsehen (vielleicht ans Öffentlich-Rechtliche, damit Marcel Reich-Ranicki wenigstens ein klein wenig Unrecht behält!) weiter. Diese, Ihre, Erlebnisse bekommen einfach keinen Bart(h)...

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