Loriot im Gespräch "Früher war mehr Lametta"
Am 12. November wird Vicco von Bülow 85 Jahre alt. Hanns-Bruno Kammertöns und Stephan Lebert sprechen mit Loriot über das Alter, über ewige Komik und die Frage, ob die weltweite Finanzkrise eine heitere Seite hat
Eine Wohnung am Berliner Savignyplatz, aus den Fenstern ein herrlicher Blick über die herbstliche Stadt. Vicco von Bülow begrüßt die Besucher an der Tür. Er sagt, es gehe ihm nicht gut. Der Rücken, der Kreislauf. Wer nun für einen Augenblick fürchten könnte, der große Loriot sei vielleicht doch ein wenig alt geworden, wird diese Sorge sehr schnell vergessen, als sich der Gastgeber auf die Couch setzt und zu erzählen beginnt, sehr klar, sehr heiter, geradezu weise. Gleich zu Beginn des Gesprächs bekräftigt Vicco von Bülow, dass er eigentlich keine Interviews mehr geben wolle, weil »die Leute von unsereinem genug gehört haben«. Für die ZEIT mache er nur aus einem Grund eine Ausnahme, nämlich in Erinnerung an die langjährige Freundschaft mit Marion Gräfin Dönhoff.
DIE ZEIT:
Sie pendeln mit Ihrer Frau zwischen dem Starnberger See und Berlin. Wie viel Zeit verbringen Sie in Berlin?
Vicco von Bülow:
Jetzt sind wir einen Monat hier. Neulich, die Nacht vor meinem Flug, wachte ich auf, konnte nicht mehr schlafen, stellte den Fernseher an und wurde durch die haargenaue Beschreibung eines Flugzeugunglücks unterhalten: wie ein Bolzen riss, wie die Maschine zu taumeln begann und irgendwo in einen Wohnblock stürzte. Eine Stunde später flog ich aus dem Bett.
ZEIT: Einer unserer absoluten Favoriten ist Ihr Sketch »Fernsehmoderator interviewt amerikanischen Astronauten«. Es liegt eine Verwechslung vor, denn der Astronaut ist kein Astronaut und auch kein Amerikaner, sondern ein deutscher Verwaltungsangestellter. Aber das Interview wird eisern durchgezogen. Erinnern Sie sich an diesen Sketch?
v. Bülow: Natürlich. Auch schon, weil es mein erster Fernsehsketch war. Ich spielte den Moderator, saß mit angeklebtem Bart in einem Stuttgarter Fernsehstudio und mir gegenüber Heinz Meier in der Maske des vermeintlichen Astronauten. Ich bat ihn, nicht humorig zu antworten, sondern mit trockenem Ja oder Nein. »So ist es komischer.« Ich frage: »Sie sind also mehrfach in 200000 Kilometer Entfernung von der Erde durch die Luft geflogen?« Und der Beamte sagt: »Nein.«
ZEIT: Wenn wir jetzt bei Ihrer Biografie nicht irren, dann sind Sie in Brandenburg an der Havel geboren und in Berlin aufgewachsen. Wann fangen Ihre Erinnerungen an diese Stadt an?
v. Bülow: Nachdem sich meine Eltern getrennt hatten, kam ich im Alter von vier Jahren zusammen mit meinem Bruder nach Berlin zu meiner Großmutter, die da mit ihrer Mutter lebte, also meiner Urgroßmutter. An diese Zeit habe ich sehr gute Erinnerungen. Wir bewohnten die beiden oberen Etagen der Pariser Straße 55, Ecke Fasanenstraße. Schräg gegenüber hatten sich Weizsäckers eingemietet. Wir kannten sie damals nicht. Richard war wohl um die zehn Jahre alt und darum noch nicht Bundespräsident.
ZEIT: Haben Sie die Trennung Ihrer Eltern noch als schmerzhaft in Erinnerung?
v. Bülow: Nein. Wenn man Kind ist, nimmt man vieles als selbstverständlich hin. Man wohnt irgendwo, dann wird man von den Eltern zur Großmutter gebracht, abgeholt, wieder hingebracht, und irgendwann glaubt man, das ist das Leben. Als meine Mutter starb, dachte ich, so also ist das: Wenn man fünf ist, stirbt die Mutter.
ZEIT: In Ihrem Film Ödipussi spielt eine sehr dominante Mutter eine zentrale Rolle. Hat sie zufällig eine gewisse Ähnlichkeit mit Ihrer Großmutter?
v. Bülow: Ja, äußerlich. Später ist mir aufgefallen, dass die Wohnung der Filmmutter sehr an die Wohnungen meiner Groß- und Urgroßmutter erinnerte. Jedenfalls bestimmten die beiden Damen meine Sicht der Welt. Da gab es keine modernen Bücher. Ich wühlte in Werken von Scott und Dickens. Da stand die Bibel von Julius Schnorr von Carolsfeld, die seitdem mein religiöses Bild bestimmt. Ich kann mir den lieben Gott nicht anders vorstellen als von Schnorr gezeichnet.
ZEIT: Irgendwann meldete sich Ihr Vater zurück…
v. Bülow: …ja, aber mein Bruder und ich waren nicht besonders glücklich, als wir aus dem warmen großmütterlichen Nest zu einem Vater ziehen mussten, der inzwischen erneut geheiratet hatte. Erzogen werden von einer Großmutter ist etwas anderes als von einer jungen, tatkräftigen Frau, die weder die Zeit noch das Wissen hat, einem Achtjährigen befriedigende Antworten zu erteilen. Wenn ich dagegen in meinem damaligen Lieblingsbuch, Kürschners Konversationslexikon für gebildete Stände, blätterte, auf irgendjemanden zeigte und meine Großmutter fragte, wer das sei, bekam ich immer eine ausführliche, nachdenkliche Antwort. Neulich fiel mir ein, dass ich gelegentlich einmal mit dem Finger auf Robespierre getippt hatte und meine Großmutter mir die ganze Geschichte der Französischen Revolution auf kindgerechte Weise erzählte. Ich fand das ungeheuer spannend. Leider können das nur Großmütter.
ZEIT: Sie wären lieber bei den alten Damen geblieben?
v. Bülow: Wir Kinder empfanden die neue Familiengründung als Problem. Mein Vater war natürlich eine spannende Person, weil wir ihn nicht oft gesehen hatten, aber nun trafen wir ihn täglich und waren noch nicht so recht aneinander gewöhnt.
ZEIT: Sie haben einmal geschrieben, die Basis allen Humors sei die Störung der Kommunikation. Hat dieses frühzeitige Erleben unterschiedlichster Familiensituationen möglicherweise zu dieser Erkenntnis beigetragen?
v. Bülow: Vermutlich. Wissen Sie, mein Vater war ein vielschichtiger Mann. Berufsoffizier, mit großer Leidenschaft für Dichtung und Theater. Und dies nicht nur passiv: Bei gesellschaftlichen Einladungen trug er selber gerne vor und legte sich höchst dramatisch, wie auf der Bühne, ins Zeug. Uns Kindern war das immer etwas peinlich. Allerdings zu Unrecht. Es handelte sich um eine übliche Form der Unterhaltung in einer Zeit, die weder Radio noch Fernsehen kannte. Eine Szene hat sich mir besonders eingeprägt. Mein Vater stand zwischen den festlich gedeckten Tischen und trug eine Ballade vor mit einem Tränenstrom als Höhepunkt. Er wählte eine der älteren Damen aus, die in der Nähe saßen, ließ sich auf die Knie fallen, barg seinen Kopf in ihrem Schoß und schluchzte meisterhaft, worauf die unglückliche Frau, im Glauben, dies sei eine echte Tragödie, ihm den Kopf streichelte und sagte: »Ach, so beruhigen Sie sich doch.« Diese Szene habe ich nie vergessen und dachte so bei mir: Wissen die Erwachsenen eigentlich, wie komisch sie sind, wenn sie ernst sein wollen…?
ZEIT: Hatte Ihr Vater Humor?
v. Bülow: Mein Vater war der witzigste Mensch, den ich in meinem Leben kennengelernt habe, aber auch der ernsteste. Ich will für beide Wesenszüge eine Geschichte erzählen. Erst die ernste: Im stern erschien damals Woche für Woche ein berühmtes Gemälde mit einer humoristischen Bildunterschrift. Diesmal war es Michelangelos Jüngstes Gericht aus der Sixtinischen Kapelle in Rom, darunter stand: »Bitte ins Paradies im Gleichschritt gehen«, oder so ähnlich. Mein Vater fühlte sich religiös verletzt und schrieb an den Humorchef des sterns einen bösen Brief. Da ich zu jener Zeit für den stern arbeitete, fügte mein Vater noch hinzu, dass sein Sohn unter diesen Umständen ganz gewiss nicht mehr für dieses schändliche Blatt arbeiten würde. Natürlich hatte mein Vater kein Wort mit mir darüber gesprochen.
ZEIT: Und die komische Seite?
v. Bülow: Mein Vater lag im Sterben. Am letzten Tag war ich bei ihm und begann eine Geschichte zu erzählen mit den Worten: »Ich kann mir nicht vorstellen…« Worauf er mich in reinem Berliner Dialekt unterbrach: »Du brauchst dir nich vorstellen, ick kenn dir ja schon…«
ZEIT: Wir brauchen also gar nicht zu fragen, wie sehr Sie von Ihrem Vater beeinflusst wurden.
v. Bülow: Nein.
ZEIT: Sie haben am Russlandfeldzug teilgenommen. Ging im Krieg der Humor verloren?
v. Bülow: Nein. Die groteske Veränderung der Lebensumstände wurde eigentlich nur durch eine gewisse humoristische Distanz erträglich. Allerdings gibt es da charakterliche Unterschiede, Abgründe schauerlicher Pointen, die mit unserem Thema nichts zu tun haben.
ZEIT: Es gibt wohl auch ein Lachen gegen die Angst.
v. Bülow: Ja, sicher. Aber die interessiert mich nicht. Komik hat mit Irrtümern zu tun, mit falsch beurteilten Situationen. Es ist unsinnig, Grundsätze aufzustellen, wann und wo gelacht werden soll, denn es gibt ja nun mal völlig verschiedene Arten von Humor. Für Trauer trifft das nicht zu. Die Tragik im Theater ist ohne Weiteres fabrizierbar. Das Komische ist nicht so einfach. Der Sinn für Komik ist verschieden, der Sinn für Tragik nicht.
ZEIT: Ein Kollege aus der Redaktion hat bei Ihren Dreharbeiten zu Ödipussi beobachtet, dass Sie eine Szene, eigentlich nur einen Dialog, ständig wiederholten. Evelyn Hamann, Ihre Dialogpartnerin, hatte zu sagen: »Viele Patienten haben ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter.« Und Sie schauen empört auf und fragen: »Zu meiner Mutter?« Es ging Ihnen genau um die Nuance, damit es stimmt.
v. Bülow: Natürlich ist es entscheidend, zu meiner Mutter darf nicht falsch betont werden, zu MEINER Mutter ist etwas anderes als zu meiner MUTTER. Und er muss es so sagen, dass es ihm unheimlich ist, es darf nicht klingen, als ob er es komisch findet. Es wird in keinem meiner Filme irgendwo gelacht, nirgendwo. Lachen sollen die Zuschauer.
ZEIT: Sicher, in Ihren Filmen wird nie gelacht?
v. Bülow: Nein. Und wenn gelacht wird, dann ist es ein Gelächter, über das man sich mokieren müsste, weil es an der falschen Stelle sitzt. Also, man kann das Lachen nur benutzen als ein an der falschen Stelle sitzendes Moment.
ZEIT: Herr von Bülow, Sie sprachen davon, dass Komik viel mit Irrtümern zu tun hat. Wir erleben derzeit gerade die Zertrümmerung der globalen Finanzmärkte, sozusagen ein kollektives Inferno an Irrtümern. Können Sie bei aller Tragik auch eine gewisse Komik erkennen?
v. Bülow: Man könnte aus der Situation, in der wir uns jetzt befinden, einen sehr komischen Film machen. Gerade die Bitterkeit, die das alles hat, reizt zur Komik, denn es sind ja nur ernste Leute, mit ernsten Zielen, für die das Geld das Einzige ist, was sie wirklich interessiert.
ZEIT: Und im Mittelpunkt stehen die ehrwürdigen Banker.
v. Bülow: Die Banker. Eher die Spekulanten. Männer, die man zu wenig beobachtet hat. Es sind Verbrecher in eleganter Maske.
ZEIT: Das klingt jetzt noch nicht so lustig.
v. Bülow: Komik entsteht immer nur aus dem Ernst. Wenn man einen Film konstruieren würde, in dem Herren ernsthaft über Bargeld reden und was zu tun sei, um weiter Milliardär zu sein, und schließlich als Rumpelstilzchen enden, könnte daraus ein Film mit bescheidener Komik entstehen.
ZEIT: Im Jahre 2006 verkündeten Sie in einer Fernsehsendung Ihren Abschied. Als Grund gaben Sie an, das Fernsehen sei für Ihren Humor, Ihre Art von Komik zu schnell geworden.
v. Bülow: Das war sicher auch ein Grund. Es ist merkwürdig, dass alle Zeiten ein unterschiedliches Gefühl für Tempo entwickeln. Ich habe kürzlich alte deutsche Filme aus den dreißiger Jahren gesehen, zum Beispiel Hans Moser. Die sind teilweise auch schon sehr hurtig, schnell und gut gemacht. Am besten veranschaulicht es heute die Werbung im Fernsehen. Sie ist in einem Tempo gehalten, dass man im Grunde kaum mehr weiß, für was oder gegen was dort geworben wird. Das ist sehr merkwürdig. Und diese Schnelligkeit hat sich auf das Programm übertragen, auf Trailer, die Filme von morgen oder übermorgen ankündigen. Das Tempo ist so hoch, dass die Szenen kaum noch zu verstehen sind. Aber das schadet offenbar nichts. Tempo und Rhythmus stehen im Vordergrund.
ZEIT: Verspürten Sie bei Ihren Abschiedsworten womöglich auch das Gefühl, dass man gehen soll, wenn es am schönsten ist?
v. Bülow: Ja.
ZEIT: Vor einigen Wochen trat ein Comedian namens Mario Barth vor fast 100000 Leuten auf…
v. Bülow: …ja, hier im Berliner Olympiastadion.
ZEIT: Finden Sie Mario Barth komisch?
v. Bülow: Er bringt es fertig, 100000 Menschen in Jubelstürme zu versetzen. Allein auf der Bühne. Was will man mehr? Sein immenser Erfolg kommt aus der Stimmung. Er beruht auf dem nicht abreißenden Kontakt zum Publikum und der Waghalsigkeit, mühsam konstruierte Pointen durch Tempo und Rhythmus zu ersetzen. Die Methode hat sich geändert.
ZEIT: Sie haben sich mehr Mühe geben müssen. Hat es Sie bisweilen gestört, dass Ihre Komik so leicht daherkam? Dass der ein oder andere Zuschauer den Eindruck hatte: Das kann ich auch, das ist doch schnell gemacht?
v. Bülow: Das stört mich nicht. Es ist eher interessant. Mir schicken Menschen Briefe, in denen sie Erlebnisse schildern, die aus meiner Feder stammen könnten. Leider ist darauf kein Verlass. Es ist wohl doch schwerer, als man denkt.
Es ist eine besondere Eigenschaft, die in diesem Gespräch immer wieder auffällt: seine Vornehmheit im besten Sinne. Sie wird auf lustige Weise deutlich, wenn Vicco von Bülow versucht, mit der Serviette vorsichtig die Nase zu tupfen und so seinen Schnupfen zu bekämpfen. Und auf noble Weise, wenn er nach den richtigen Worten sucht beim Beschreiben des Phänomens Mario Barth. Nein, er möchte niemanden kränken und sich auch nicht über jemanden erheben. Und nein, er will nicht den aktuellen Wutanfall von Marcel Reich-Ranicki über die fehlende Qualität des deutschen Fernsehens kommentieren. Nein, keine billige Schlagzeile. Man ahnt, dass er den Argumenten Reich-Ranickis einiges abgewinnen kann, und man kann sich genauso gut vorstellen, dass Loriot Derartiges ein wenig leiser vorgetragen hätte. Vicco von Bülow, auch Graf der Heiterkeit. Auf die Frage, ob er die Deutschen für ein höfliches Volk halte, schweigt er ungewöhnlich lange. Und sagt dann nur: Darüber müsse er noch mal länger nachdenken.
ZEIT:
Wer mit Freunden oder Bekannten über Sie spricht, der hört oft, Loriot habe ihnen im Alltag ein Leben lang Trost gespendet.
v. Bülow:
Das freut mich.
ZEIT: Was hat Sie in Ihrem Leben getröstet?
v. Bülow: Schwer zu sagen. Die Bibel? Ja, sicher. Ich bin ein ganz normal erzogener norddeutscher Christ. Das spielt in meinem Leben schon eine Rolle. Ich versuche, nicht gereizt zu reagieren auf Dinge, die mir nicht gefallen.
ZEIT: Sie plädieren für ein zivilisiertes Benehmen. Für Höflichkeit.
v. Bülow: Höflichkeit nicht als Täuschung, sondern als Versuch, sich gegenseitig aus Irrtümern herauszuhelfen. Das hat auch mit Trost zu tun.
ZEIT: Ihre preußische Herkunft legt die Vermutung nahe, dass Ihnen das Motto gefällt: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
v. Bülow: Ja, aber es kann natürlich auch andersrum funktionieren.
ZEIT: Belohnen Sie sich?
v. Bülow: Ich erinnere mich an meine Zeit in Hamburg. Als ich nach sechs Semestern die Kunstakademie verließ, war ich immerhin ein ausgebildeter Maler, Zeichner und Grafiker. Da schlug mir jemand vor: Zeichnen Sie uns doch mal einen Witz! In drei Wochen fertigte ich zwei Zeichnungen, dafür kriegte ich 25 Mark. Fabelhaft. Das war 1949. Um Ihre Frage zu beantworten: Ich kaufte mir einen Schlips, einen blauen Schlips zur Belohnung.
ZEIT: Einen Schlips. Sie hatten offenbar für Ihr Leben damals keine finanziellen Pläne, keinen großen Entwurf?
v. Bülow: Nein. Bis heute nicht. Ich bin ein Produkt merkwürdiger Zufälle und habe beruflich nie irgendwelche Pläne gehabt. Als der Krieg zu Ende war, konnte ich nichts. Nach der Währungsreform hatte ich vierzig Mark in der Tasche. Ich lebte auf dem Lande, also wurde ich Holzfäller, die wurden gebraucht, die bekamen Lebensmittelkarten.
ZEIT: Was riet Ihnen Ihr Vater?
v. Bülow: Merkwürdigerweise empfahl er mir nicht, Rechtsanwalt zu werden oder Literatur zu studieren. »Du kannst doch ganz gut zeichnen«, meinte er und schlug mir die Kunstakademie in Hamburg vor. Unglaublich für einen Vater, der preußischer Offizier war und 1899 geboren wurde. Also fuhr ich nach Hamburg und nahm mir in Ohlsdorf ein Zimmer. Meine Nachbarschaft bestand aus einem Friedhof, einem Zuchthaus und einer Irrenanstalt.
ZEIT: In Hamburg wurde Alfred Mahlau Ihr Lehrer…
v. Bülow: …Horst Janssen war mein Mitstudent.
ZEIT: Und?
v. Bülow: Der war hochbegabt und ziemlich verrückt. Uns verband eine Art Hassliebe.
ZEIT: Eine Hassliebe?
v. Bülow: Janssen war jahrelang Mahlaus Lieblingsschüler. Als Mahlau mir einmal wohl versehentlich eine Ansichtskarte aus dem Urlaub schickte, sah er in mir einen Feind, weil er keine bekommen hatte.
ZEIT: An der Kunstakademie wurden Sie ohne Weiteres angenommen?
v. Bülow: Alfred Mahlau gab mir auf, einen kleinen Stapel von Zeichnungen zu fertigen und sie dann einzuschicken. Also ging ich nach Hause in mein Mietszimmer und habe meine Freundin gezeichnet, meine erste Freundin, 25 Mal, und zwar unbekleidet – warum sollte man sonst eine Freundin zeichnen? Ich reichte die Werke ein und wurde angenommen.
ZEIT: Arbeiteten Sie gelegentlich auch für Werbefirmen?
v. Bülow: Oh ja, ich habe einmal ein Weinetikett entworfen für die Firma Buhbe und Söhne.
ZEIT : Ihre Serie für Kinder über Reinhold, das Nashorn, ist wesentlich bekannter.
v. Bülow: Henri Nannen, der stern- Chef, fragte mich damals: »Aha, Sie wollen über dieses Tier eine Serie machen – halten Sie das drei Monate durch?« Ich sagte Ja. Es wurden 17 Jahre.
ZEIT: Loriots gesammelte Prosa, sie allein – ohne auch nur eine Zeichnung – füllt rund 850 eng bedruckte Buchseiten: Der Lottogewinner, Der Kosakenzipfel, Die Nudel, Mutters Klavier, Die Steinlaus, Dramen, Liebesbriefe, Opernführer. Ihnen sind sprachliche Schöpfungen zu verdanken, die längst fester Bestandteil des deutschen Wortschatzes geworden sind: »Früher war mehr Lametta«, »Renate, lassen Sie uns zur Sitzgruppe gehen«, »Sie haben da was am Mund…«. Herr von Bülow, haben Sie gelegentlich auch nichts gemacht? Sie sagten einmal: Es ist mit der Zeit eigentlich zu teuer bezahlt.
v. Bülow: Das trifft zu. Wenn ich an meine Kinder denke, habe ich ein schlechtes Gewissen, denn ich habe zu viel Zeit meiner Arbeit zugewandt. Ich besinne mich auf keinen wirklichen Urlaub mit der ganzen Familie. Doch, einmal, glaube ich, haben wir es geschafft, zu viert nach Rom und Capri zu fahren.
ZEIT: Wir trauen uns kaum zu fragen: Hoffentlich ging nichts schief dabei?
v. Bülow: Nein. Es ist wohl einfach so: Komisches herzustellen ist so mühsam, dass keine Heiterkeit für fröhliche Ferien übrig bleibt. Wenn wir zusammen wegfuhren, habe ich nebenher weitergeschrieben und gezeichnet. Auf Capri habe ich die Fortsetzungen von Wum und Wendelin im Umschlag mit Pappe auf die Fähre nach Neapel gebracht. Einmal kam ich zu spät, das Schiff legte bereits ab. Deshalb warf ich die Skizze mit Reinhold, dem Nashorn, in hohem Bogen auf das Schiff. Ein Fahrgast fing es auf, ich rief hinüber, er möge es zur Post bringen. Hat er gemacht, denn die Lieferung kam an.
ZEIT: Reden Sie mit Ihren Töchtern über diese Jahre in der Familie?
v. Bülow: Vor einigen Monaten haben wir darüber gesprochen. Speziell über einen Nachmittag bei uns am Starnberger See. Damals war meine ältere Tochter zwölf oder dreizehn Jahre alt. Meine Schwiegermutter war zu Besuch und machte mit ihr Schularbeiten. Es funktionierte nicht so recht. Meine Tochter lernte ihre Vokabeln nicht, also schickte meine Schwiegermutter sie runter zu mir. Ich saß an meinem Arbeitstisch, sie stand mucksch in der Tür, nicht bereit, über irgendetwas zu reden. Ich selber sagte kein böses Wort, war voller Verständnis, gestand ihr, dass ich es auch nicht gemocht hatte, Vokabeln zu lernen. So redete ich auf sie ein, bis sie scheinbar vollkommen beruhigt wieder nach oben ging. Jetzt, vierzig Jahre später, hat meine Tochter mir gestanden, dass sie einen Kampf führen wollte, eine Auseinandersetzung über den Sinn von Schularbeiten, und diese Gelegenheit hatte ich ihr genommen.
ZEIT: Wollten Sie die Diskussion nicht führen, um schnell wieder zeichnen zu können?
v. Bülow: Das war es nicht. Fälschlicherweise nahm ich damals an, die Grundstimmung in einer Familie, also die erzeugte Harmonie im Hause, sei entscheidend für die Erziehung. Nun, ich tröste mich heute mit dem Gedanken, dass man als Elternteil einfach nicht ausgebildet ist für das schwerste Amt, das man haben kann, nämlich Vater oder Mutter zu sein.
Für das erste Gespräch hatte Vicco von Bülow in das Wohnzimmer seiner Berliner Wohnung gebeten, das »Türmchen«, wie er es nennt. Auf dem Tisch inmitten der Sitzgruppe standen Kuchen und Tee bereit. Auf dem Teppich eilte Loriots Mops umher, »der achte, wenn ich richtig gezählt habe«. Emil heißt der Hund, wobei der Hausherr eigentlich »Email« zeitgemäßer fände. Weil seine Frau einen Tag später Familienbesuch erwartete, schlug Vicco von Bülow für das zweite Gespräch das Aida vor. Mit dem Wirt dieses italienischen Restaurants unten im Haus verbindet ihn eine besonders enge Beziehung. Vor Jahren, als das Restaurant neu am Savignyplatz war, stand Camillo, der Wirt, wochenlang mit der Speisekarte unter dem Arm einsam an der Tür. Dann kam von Bülow und kehrte ein. Der Gast war voll des Lobes über die Küche, teilte dies auch Berliner Chefredakteuren mit – mit Aida ging es aufwärts. Zum Dank hat man dem Retter ein kleines Messingschild an den Tresen geschraubt. »Loriot«, der Platz ist reserviert für immer.
ZEIT:
Werden Sie eigentlich milder im Alter? Beispielsweise in Ihrem Urteil, dass Männer und Frauen nicht zusammenpassen?
v. Bülow:
Natürlich gehören sie zueinander. Seinerzeit in Hamburg lief mir meine Freundin, die ich gezeichnet hatte, wegen eines Bankdirektors davon, was ich ihr jedenfalls damals nicht übel nehmen konnte. Ich hatte danach eine zweite Freundin. Irgendwann, 1951, fragte ich sie bei einem Spaziergang über den Ohlsdorfer Friedhof, ob sie das Leben mit mir teilen wolle. Und sie hat zugestimmt, gewissermaßen über die Gräber hinweg. Mittlerweile sind wir seit 59 Jahren verheiratet.
ZEIT: Andererseits?
v. Bülow: Andererseits habe ich mal zu meinem Geburtstag fünf befreundete Ehepaare eingeladen. Zufällig waren die Männer unabkömmlich auf Geschäftsreisen, und die Damen kamen alleine. Ich mochte sie nicht wieder ausladen und sah einer reizvollen Gastgeberrolle entgegen. Tja, und dann saß ich im Kreise der sechs Gattinnen als vermeintliche Hauptperson in unserem Türmchen beim Essen. Das lebhafte Gespräch kreiste um berufliche, literarische, gesellschaftliche und familiäre Themen. Eine männliche Meinung war offensichtlich weder nötig noch erwünscht. Nur einmal gelang mir ein kurzer, wie ich glaubte, heiterer Einwurf. In der sofort einsetzenden Grabesstille trafen mich die sechs strafenden Blicke des anderen Geschlechts. Mit einem halblauten »Entschuldigung« suchte ich nach meiner Serviette. Die Damen setzten ihr Gespräch fort.
ZEIT: Lassen Sie sich nicht entmutigen und reden trotzdem weiter? Oder werden Sie immer leiser?
v. Bülow: Nein, ich esse weiter.
ZEIT: Ihre Antwort erinnert uns an diesen Sketch, bei dem Sie an Bord eines Flugzeuges mit viel Mühe ein Mittagessen zu sich nehmen. Dabei stellen Sie fest, dass der Mensch das einzige Lebewesen sei, das in zehntausend Meter Höhe eine warme Mahlzeit zu sich nehmen könne. Haben Sie eine besondere Beziehung zum Luftverkehr?
v. Bülow: Früher, als die Maschinen noch schwankend durch die Wolken flogen, war ich genötigt, mein Wohlbefinden durch die orale Benutzung von Tüten abzusichern. Das hat sich gegeben durch Höhe und Geschwindigkeit. Aber neulich, nach der Landung, ging meine Frau zum Gepäckband, während ich mit Rücksicht auf meinen Rücken auf einen Klappstuhl gesetzt wurde, der etwas abseitsstand. Plötzlich stürzte durch die Menge eine Frau auf mich zu, mit einem schreienden Säugling im Arm. Sie drückte mir das Kind auf den Schoß und sagte: »Passen Sie auf ihn auf!«, dann rannte sie zum Gepäckband. Ich meine, was ist das für ein Vertrauen, einem vollkommen unbekannten Menschen sein Kind in die Hand zu drücken. Die Frau kannte mich nicht.
ZEIT: Hat die Frau den Säugling wieder abgeholt?
v. Bülow: Nein, wir haben ihn behalten.
ZEIT: Was ist im Leben wichtiger, der Ernst oder die Heiterkeit?
v. Bülow: Heiterkeit ist ohne Ernst nicht zu begreifen.
ZEIT: Aber das Ernste kommt von allein, für die Heiterkeit muss man etwas tun?
v. Bülow: So mag es sein. Ich denke aber auch an Mitbürger, denen bei der Bewältigung ernster Lebensphasen nicht zu helfen ist, während andere die angeborenen heiteren Gene nutzen, um lästige Schläge zu parieren.
ZEIT: Gehören Sie zu den Heiteren?
v. Bülow: Das ist schwer zu sagen. Aber wenn ich auf den Anfang und das Ende sehe, empfinde ich vor allem große Dankbarkeit.
ZEIT: Was machen Sie eigentlich heute Abend, was tun Sie, wenn wir gleich aus der Tür sind?
v. Bülow: Dann lasse ich mich auf meinem Sofa erst mal nach links fallen.
»LORIOT. DIE HOMMAGE. Vicco von Bülow zum 85. Geburtstag« ist der Titel einer Ausstellung vom 6. November 2008 bis zum 29. März 2009 in der Deutschen Kinemathek, Museum für Film und Fernsehen, Filmhaus, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin,www.deutsche-kinemathek.de
- Datum 12.11.2008 - 12:13 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 23.10.2008 Nr. 44
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








danke fuer das schoene interview, til mette
Man sagt ja, zuweilen gedankenlos, "alles habe seine Zeit". Nur wir Menschen hätten keine mehr...
Neuer deutscher Humor?
Vicco von Bülow hat auch heute noch ein sehr genaues Gespür für Pointen und für die Imponderabilien des Lebens. Aber - da er sozusagen formvollendet ist - wird er sich nicht vor 35.000 schunkelnden Gästen stellen um mit ihnen die andere Hälfte des Stadions ebenfalls zum Schunkeln zu bringen. 70.000 Zuschauer sind imposant. Aber kein Indiz für eine Art "neuen deutschen Humors"!
Humor-Archäologe
Nein, Loriot hat ja nicht gelacht oder lachen lassen, damit - wie die Dominosteine - auch andere ins Lachen kommen. Er hat mit großem Ernst das Komische in uns allen freigelegt. Die heutigen Comedians machen sich auf gegenteilige Weise bemerkbar. Ihnen dienen Minderheiten eher dazu, ihren einzelnen Zuschauern das Gefühl zu geben, dass sie zum Glück nicht zu diesen "Unglückswürmern" gehören, dass sie selbstverständlich zur Mehrheit gehören. Und deshalb auch herzhaft und befreit lachen dürfen.
Obwohl doch längst bekannt sein sollte, dass jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat. Und also - von Zeit zu Zeit - jedes Individuum auch ein Unglückswurm sein könne.
Loriot ist in seinem Beruf genau so erfolgreich, wie es sein genialer, säuferisch vielleicht begabterer, Kommilitone Horst Janssen. Wenn ich es richtig in Erinnerung behalten habe, hieß ein anderer Kommilitone Paul Wunderlich. Ein vor allem in den 60er, 70er und 80er Jahren bekannter Name.
Herzlichen Glückwunsch, Vicco von Bülow! - Und wenn Sie nicht wissen, wohin mit den 500.000 Mark des Rentners Erwin Lindemann... reichen Sie diese bitte an das Fernsehen (vielleicht ans Öffentlich-Rechtliche, damit Marcel Reich-Ranicki wenigstens ein klein wenig Unrecht behält!) weiter. Diese, Ihre, Erlebnisse bekommen einfach keinen Bart(h)...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren