Loriot im Gespräch "Früher war mehr Lametta"Seite 5/5
Für das erste Gespräch hatte Vicco von Bülow in das Wohnzimmer seiner Berliner Wohnung gebeten, das »Türmchen«, wie er es nennt. Auf dem Tisch inmitten der Sitzgruppe standen Kuchen und Tee bereit. Auf dem Teppich eilte Loriots Mops umher, »der achte, wenn ich richtig gezählt habe«. Emil heißt der Hund, wobei der Hausherr eigentlich »Email« zeitgemäßer fände. Weil seine Frau einen Tag später Familienbesuch erwartete, schlug Vicco von Bülow für das zweite Gespräch das Aida vor. Mit dem Wirt dieses italienischen Restaurants unten im Haus verbindet ihn eine besonders enge Beziehung. Vor Jahren, als das Restaurant neu am Savignyplatz war, stand Camillo, der Wirt, wochenlang mit der Speisekarte unter dem Arm einsam an der Tür. Dann kam von Bülow und kehrte ein. Der Gast war voll des Lobes über die Küche, teilte dies auch Berliner Chefredakteuren mit – mit Aida ging es aufwärts. Zum Dank hat man dem Retter ein kleines Messingschild an den Tresen geschraubt. »Loriot«, der Platz ist reserviert für immer.
ZEIT:
Werden Sie eigentlich milder im Alter? Beispielsweise in Ihrem Urteil, dass Männer und Frauen nicht zusammenpassen?
v. Bülow:
Natürlich gehören sie zueinander. Seinerzeit in Hamburg lief mir meine Freundin, die ich gezeichnet hatte, wegen eines Bankdirektors davon, was ich ihr jedenfalls damals nicht übel nehmen konnte. Ich hatte danach eine zweite Freundin. Irgendwann, 1951, fragte ich sie bei einem Spaziergang über den Ohlsdorfer Friedhof, ob sie das Leben mit mir teilen wolle. Und sie hat zugestimmt, gewissermaßen über die Gräber hinweg. Mittlerweile sind wir seit 59 Jahren verheiratet.
ZEIT: Andererseits?
v. Bülow: Andererseits habe ich mal zu meinem Geburtstag fünf befreundete Ehepaare eingeladen. Zufällig waren die Männer unabkömmlich auf Geschäftsreisen, und die Damen kamen alleine. Ich mochte sie nicht wieder ausladen und sah einer reizvollen Gastgeberrolle entgegen. Tja, und dann saß ich im Kreise der sechs Gattinnen als vermeintliche Hauptperson in unserem Türmchen beim Essen. Das lebhafte Gespräch kreiste um berufliche, literarische, gesellschaftliche und familiäre Themen. Eine männliche Meinung war offensichtlich weder nötig noch erwünscht. Nur einmal gelang mir ein kurzer, wie ich glaubte, heiterer Einwurf. In der sofort einsetzenden Grabesstille trafen mich die sechs strafenden Blicke des anderen Geschlechts. Mit einem halblauten »Entschuldigung« suchte ich nach meiner Serviette. Die Damen setzten ihr Gespräch fort.
ZEIT: Lassen Sie sich nicht entmutigen und reden trotzdem weiter? Oder werden Sie immer leiser?
v. Bülow: Nein, ich esse weiter.
ZEIT: Ihre Antwort erinnert uns an diesen Sketch, bei dem Sie an Bord eines Flugzeuges mit viel Mühe ein Mittagessen zu sich nehmen. Dabei stellen Sie fest, dass der Mensch das einzige Lebewesen sei, das in zehntausend Meter Höhe eine warme Mahlzeit zu sich nehmen könne. Haben Sie eine besondere Beziehung zum Luftverkehr?
v. Bülow: Früher, als die Maschinen noch schwankend durch die Wolken flogen, war ich genötigt, mein Wohlbefinden durch die orale Benutzung von Tüten abzusichern. Das hat sich gegeben durch Höhe und Geschwindigkeit. Aber neulich, nach der Landung, ging meine Frau zum Gepäckband, während ich mit Rücksicht auf meinen Rücken auf einen Klappstuhl gesetzt wurde, der etwas abseitsstand. Plötzlich stürzte durch die Menge eine Frau auf mich zu, mit einem schreienden Säugling im Arm. Sie drückte mir das Kind auf den Schoß und sagte: »Passen Sie auf ihn auf!«, dann rannte sie zum Gepäckband. Ich meine, was ist das für ein Vertrauen, einem vollkommen unbekannten Menschen sein Kind in die Hand zu drücken. Die Frau kannte mich nicht.
ZEIT: Hat die Frau den Säugling wieder abgeholt?
v. Bülow: Nein, wir haben ihn behalten.
ZEIT: Was ist im Leben wichtiger, der Ernst oder die Heiterkeit?
v. Bülow: Heiterkeit ist ohne Ernst nicht zu begreifen.
ZEIT: Aber das Ernste kommt von allein, für die Heiterkeit muss man etwas tun?
v. Bülow: So mag es sein. Ich denke aber auch an Mitbürger, denen bei der Bewältigung ernster Lebensphasen nicht zu helfen ist, während andere die angeborenen heiteren Gene nutzen, um lästige Schläge zu parieren.
ZEIT: Gehören Sie zu den Heiteren?
v. Bülow: Das ist schwer zu sagen. Aber wenn ich auf den Anfang und das Ende sehe, empfinde ich vor allem große Dankbarkeit.
ZEIT: Was machen Sie eigentlich heute Abend, was tun Sie, wenn wir gleich aus der Tür sind?
v. Bülow: Dann lasse ich mich auf meinem Sofa erst mal nach links fallen.
»LORIOT. DIE HOMMAGE. Vicco von Bülow zum 85. Geburtstag« ist der Titel einer Ausstellung vom 6. November 2008 bis zum 29. März 2009 in der Deutschen Kinemathek, Museum für Film und Fernsehen, Filmhaus, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin,www.deutsche-kinemathek.de
- Datum 12.11.2008 - 12:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23.10.2008 Nr. 44
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danke fuer das schoene interview, til mette
Man sagt ja, zuweilen gedankenlos, "alles habe seine Zeit". Nur wir Menschen hätten keine mehr...
Neuer deutscher Humor?
Vicco von Bülow hat auch heute noch ein sehr genaues Gespür für Pointen und für die Imponderabilien des Lebens. Aber - da er sozusagen formvollendet ist - wird er sich nicht vor 35.000 schunkelnden Gästen stellen um mit ihnen die andere Hälfte des Stadions ebenfalls zum Schunkeln zu bringen. 70.000 Zuschauer sind imposant. Aber kein Indiz für eine Art "neuen deutschen Humors"!
Humor-Archäologe
Nein, Loriot hat ja nicht gelacht oder lachen lassen, damit - wie die Dominosteine - auch andere ins Lachen kommen. Er hat mit großem Ernst das Komische in uns allen freigelegt. Die heutigen Comedians machen sich auf gegenteilige Weise bemerkbar. Ihnen dienen Minderheiten eher dazu, ihren einzelnen Zuschauern das Gefühl zu geben, dass sie zum Glück nicht zu diesen "Unglückswürmern" gehören, dass sie selbstverständlich zur Mehrheit gehören. Und deshalb auch herzhaft und befreit lachen dürfen.
Obwohl doch längst bekannt sein sollte, dass jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat. Und also - von Zeit zu Zeit - jedes Individuum auch ein Unglückswurm sein könne.
Loriot ist in seinem Beruf genau so erfolgreich, wie es sein genialer, säuferisch vielleicht begabterer, Kommilitone Horst Janssen. Wenn ich es richtig in Erinnerung behalten habe, hieß ein anderer Kommilitone Paul Wunderlich. Ein vor allem in den 60er, 70er und 80er Jahren bekannter Name.
Herzlichen Glückwunsch, Vicco von Bülow! - Und wenn Sie nicht wissen, wohin mit den 500.000 Mark des Rentners Erwin Lindemann... reichen Sie diese bitte an das Fernsehen (vielleicht ans Öffentlich-Rechtliche, damit Marcel Reich-Ranicki wenigstens ein klein wenig Unrecht behält!) weiter. Diese, Ihre, Erlebnisse bekommen einfach keinen Bart(h)...
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