Design: Das tapfere Schreinerlein
Der Münchner Designer Stefan Diez hat einen Stuhl entworfen, auf dem Millionen sitzen sollen. Ein Porträt über den Künstler und seinen neuen Klassiker
Von Tillmann Prüfer Fotos Robert Fischer
Es musste Abend werden in der Geyerstraße im Münchner Glockenbachviertel, die Kinder Helena und Selma mussten im Bett sein, damit Stefan Diez Zeit zum Denken haben sollte. Das Atelier war jetzt dunkel und still, ein paar vertrocknete Blätter raschelten auf dem Plexiglasdach. Er hatte nur ein Glas Wein und ein blankes Blatt Papier vor sich. Stefan Diez konzentrierte sich ganz und gar. Auf lackiertes Stahlblech und warmes Leder. Er dachte an seinen Stuhl. An den Stuhl seines Lebens. An das Gefühl, in einem Auto zu sitzen, an Karosserien. Er nahm einen Schluck Wein. Dann noch einen. Dann passierte lange nichts. Dann schrieb er das Wort "Kart" auf das Papier. Dann "Chassis". Das war es. Chassis.
Seitdem hängt ein Zettel an der Wand, auf den das Wort "Chassis" gedruckt ist. Nur um gucken zu können, ob ihm der Name auch ohne Rotwein gefällt. So wie der Stuhl, den er benannt hat, auch jeden Morgen gefallen muss. Der Name ist wichtig, sagt er. Der richtige Name. Wer das eigene Erzeugnis schlecht benennt, hat es auch schlecht verstanden. Chassis also: "Dreimal s – schön, oder?"
Der Münchner Diez gehört schon zu den wichtigsten deutschen Designern, obwohl er erst seit fünf Jahren auf dem Markt ist, ein Newcomer. Er ist niemand, der erklären kann, wie die Welt da draußen funktioniert. Er ist ja schon froh, wenn er sagen kann, wie die Welt hier drinnen funktioniert. Und wenn er das tut, guckt er stetig auf den Boden seines Ateliers, als müsse er sich ständig vergewissern, dass dieser noch da ist.
Alle wollen mit ihm zusammenarbeiten. Diez designt für den Porzellanhersteller Rosenthal, für die Elektromarke Merten, für Thonet, für die italienische Möbelmarke Moroso und für den Konsumgüterhersteller Authentics. Er hat ein Atelier mit vier Angestellten und könnte noch viel mehr arbeiten. Aber mehr will er nicht.
Dieser Tage wird sein neuer Stuhl vom Hersteller Wilkhahn in Köln präsentiert. Es gibt schon einen Prototyp. Er steht selbstbewusst mitten im Atelier. Er ist schwarz, steht breit auf etwas ausgestellten Beinen, das Metall glänzt, und die lederne Sitzfläche und die Lehne schimmern matt. Dieser Stuhl sieht so aus, als sei er immer da gewesen. Dabei ist alles an ihm neu.
Er basiert auf einer Rahmenkonstruktion, wie man sie bisher nur aus dem Automobilbau kannte. Er soll seine eigene Zeitrechnung eröffnen. Chassis wird ein Stuhl aus Stahlblech sein – einer der ersten dieser Art. "Einen Stuhl aus Blech zu gestalten ist eine alte Designer-Idee", sagt Diez. Nur wurde diese Idee selten umgesetzt: Blechstühle gibt es vor allem als Zweckmöbel. Zu den wenigen Design-Blechstühlen, die gefertigt wurden, gehört der Lambda Chair von Richard Sapper und Marco Zanuso.
Für Wilkhahn, ein 600-Mitarbeiter-Unternehmen aus Bad Münder bei Hannover, ist Chassis ein kleines Wagnis. Die Werkzeuge, die für die Produktion notwendig sind, müssen neu angeschafft werden. Für einen Möbelhersteller eine hohe Investition. Aber Chassis ist als Stuhl für Konferenzsäle konzipiert worden. Während für die Privatwohnung nur wenige Stühle gekauft werden, werden Tagungsräume hundertfach bestuhlt. Und hohe Stückzahlen braucht Wilkhahn, damit der Stuhl sich rechnet. Es reicht nicht, ein Vorzeigedesignstück zu haben. Mit Chassis möchte Wilkhahn den Erfolg des Stuhls Modus wiederholen, der über 1,5 Millionen Mal verkauft wurde.
Etwa alle 13 Jahre werden Geschäftsmöbel ausgetauscht, so lange muss ein Stuhl halten. Er soll repräsentativ, aber nicht aufschneiderisch wirken, bequem sein, ohne träge zu machen, elegant, aber stabil.
Genau solche Möbel sind es, die Diez schaffen möchte. Er will nichts erfinden, er will wiederfinden. Er versucht, Marken ihr manchmal vergessenes Gesicht wiederzugeben. Er fragt nicht: Was ist ein Diez? Er fragt: Was ist ein Wilkhahn? Bei seinem neuen Stuhl dauerte es drei Jahre, bis er die Antwort fand. In einem Nebenraum, seinem Archiv, sieht man die Mühen dieses Prozesses. Regalweise Stuhlmodelle aus Pappe, Plastik, Draht und Papier. Mal baute er einen Stuhl mit einer Rohrrahmenkonstruktion, mal einen, der nur aus Sitz und Beinen besteht. Ahnen einer Idee.
Im Atelier steht noch die Werkbank seines Großvaters. Als Kind verbrachte er jede freie Minute in dessen Schreinerei. So lernte Stefan Diez das Handwerk, bevor er sich dem Industriedesign verschrieb.
Er arbeitet wenig am Computer, er ist immer mit beiden Händen am Material. Ganz schwarz die Finger vom Staub, der sich dort hineingerieben hat. Diez denkt in Material, in der Schwere von Metall, der Anschmiegsamkeit von Leder, der Vergänglichkeit von Papier, der Lebendigkeit von Holz, er kennt gar nichts anderes. Ständig schickt er seine Materialien auf neue Missionen.
Er entwirft Lichtschalter aus Glas und Reisetaschen aus Papier. Und immer sehen seine Arbeiten aus, als habe es nie eine Zeit gegeben, da man, um das Licht anzuschalten, einen Plastikschalter berührte oder Reiseutensilien nicht wie selbstverständlich in Zellstoff packte. Diez will kein Beiwerk schaffen. Er gibt den Dingen, die uns umgeben, ihre Würde zurück. "Irgendwie müssen wir ja vorankommen", sagt Diez. Und das ist die einzige Aussage, die er über seine Arbeit macht. Schreiner sind nicht zum Reden da.
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