Energiesparen Meine grüne Wende

Energiesparen – ein Abenteuer, das einen Menschen verändern kann. Protokoll eines Selbstversuchs

Welcher Energiequelle gehört die Zukunft?

Welcher Energiequelle gehört die Zukunft?

Jeder kann etwas tun, und es kostet nicht mal viel, die Welt zu retten. Genauer gesagt: pro Person bloß 70 Cent am Tag. Das hat Claudia Kemfert ausgerechnet, eine prominente Umweltökonomin aus Berlin. Und 70 Cent sind lächerlich, wenn man über das Alternativprogramm nachdenkt: Der Klimawandel geht weiter, die Polkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt, und Dortmund wird zur Küstenmetropole. Bremerhaven zieht als Tauchparadies endlich wieder Touristen an, während die Fischerboote weit oberhalb der Lüneburger Heide dem Kabeljau nachstellen.

Was für eine bizarre Vorstellung.

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Aber leider funktionieren einfache Lösungen nicht. Und billige schon gar nicht. Energiesparen ist dreckig, teuer und weitaus komplizierter, als es einem die ganzen Schlauberger weismachen wollen. Ich kann das beurteilen, denn ich habe im vergangenen Jahr einen Altbau energietechnisch aufgerüstet. Ich habe genau das getan, was Politiker und Verbraucherschützer ständig predigen.

Mein Haus wurde um 1960 errichtet. Die Fenster wurden mal modernisiert, mehr war nicht. In der Diele fackelt ein dunkelbraun umkachelter Ölbrenner vor sich hin, der warme Luft durch gemauerte Kanäle in die Zimmer strömen lässt. Bei dem Anblick bekommt mein Energieberater feuchte Augen – vermutlich aus Rührung. So muss jemand aussehen, der in einer alten Bauernscheune soeben einen Ford T aus den Zwanzigern entdeckt hat. Ich schäme mich für meine Oldtimer-Heizung.

Ohne einen Fachmann kann man eine Sanierung gleich vergessen. Als Laie denkt man bei Umweltschutz ja zunächst nur an blaue Seen und Blumenwiesen und allenfalls an Energiesparlampen. Aber wenn man sich mal an die Arbeit macht, grübelt man recht schnell über Dampfbremsen nach, den Unterschied zwischen Auf- und Zwischensparrendämmung und den Wärmedurchgangswert von 30 Zentimeter Kalksandsteinmauer.

Mein Energieberater ist ein freundlicher Mann mit vielen Ideen, mein Geld auszugeben. Glücklicherweise ist er auch Pragmatiker. Wir einigen uns auf ein bezahlbares Teilprogramm: Heizung neu, Wasserleitungen neu, Dach dämmen, Fassade dämmen und einige Fenster austauschen. Das allein ist schon brutal teuer, und ich muss diese Frau Kemfert gelegentlich mal anrufen und fragen, wie sie diese 70 Cent pro Tag ausgerechnet hat.

Drei Monate lang besteht mein Haus größtenteils aus Bauschutt, und eine Zeit lang frage ich mich, warum ich es nicht gleich habe abreißen lassen. Doch eines Tages stellt der Heizungsbauer endlich eine weiße Kiste in den Keller: einen Erdgas-Brennwertkessel, derzeit der Beste auf dem Markt. Ein geiles Teil, wenn man Spaß dran hat. Es nutzt auch die Abgaswärme zum Heizen. Was oben zum Schornstein rausgeht, ist praktisch kalt. Gegenüber früher dürfte das etwa ein Drittel Energie und CO₂-Treibhausgas sparen, schätzt mein Energieberater.

Jetzt habe ich eine Putin-Heizung: Von meinem Keller aus führt ein langes Rohr bis zu den Erdgasfeldern in Sibirien, wo sich ein dem Kreml höriger Gasprom-Manager vermutlich die Hände reibt. Irgendwie habe ich geahnt, dass schon nach wenigen Monaten ein Brief von den Stadtwerken kommt. Das sind die Leute, die für die Russen das Inkasso erledigen. Sie schreiben, dass ich demnächst zehn Prozent mehr fürs Gas bezahlen soll.

Was für eine gute Nachricht! Zwar hätte ich nie gedacht, dass ich mich einmal über eine Preiserhöhung freuen würde. Aber jetzt ist es anders, und das hat wohl mit mentaler Buchführung zu tun. So eine energetische Sanierung kostet mehrere Zehntausend Euro, und irgendwie sehne ich mich vermutlich nach einer Bestätigung. Wenn die Gaspreise steigen, habe ich etwas richtig gemacht.

Ein ganz besonderes Erlebnis ist die Fassadendämmung. Dabei werden dicke Styroporplatten von außen auf die Wand gedübelt und anschließend neu verputzt. Das spart im Jahr etwa 600 Kilogramm CO₂ und kostet so viel wie ein neuer VW Polo mit Sonderausstattung. Übrigens pustet der Kleinwagen etwa die gleiche Menge Treibhausgas in die Luft, wenn er 5.000 Kilometer fährt, was nicht besonders weit ist. Mit einem Porsche Cayenne Turbo haben Sie den Dreck sogar schon zusammen, wenn Sie einmal von Hamburg zum Bodensee und zurück brettern. Da kommt man schon ins Rechnen: Was bringt wie viel? Und was kostet das?

Nehmen wir mal die Fenster. Ein normales Einfamilienhaus könne allein durch neue Fenster jährlich 2.180 Kilowattstunden Energie sparen. Das schreibt die Deutsche Energieagentur, eine Instanz in Sachen Ökologie. Beim derzeitigen Gaspreis wären das rund 150 Euro. Aber fragen Sie mal einen Handwerker, wie viele neue Fenster Sie für 150 Euro bekommen. Der lacht Sie aus, und zwar laut.

Ob sich das alles lohnt, ist eine berechtigte Frage, doch komischerweise taucht sie immer nur bei Sanierungsmaßnahmen auf, nie woanders. Etwa bei Autos. Als ob sich der Kauf eines BMW oder Porsche jemals lohnen würde (außer für den Hersteller). Aber für einen spritfressenden PS-Boliden nehmen manche ja sogar einen Kredit auf. Unfassbar.

Mit Umwelttechnik kann man schlecht angeben, das ist das Problem

Beim Auto bin ich emotionsfrei. Eine Schramme im roten Lack habe ich mit grauem Rostschutz zugepinselt. Das ist mir egal. Viele Leute finden das seltsam, aber das ist mir auch egal. Mein Auto ist neun Jahre alt und verbraucht sieben Liter auf hundert Kilometer. Meistens fahre ich ohnehin mit der U-Bahn. Natürlich könnte ich mir so einen modernen Toyota Prius mit sparsamem Hybridantrieb kaufen, aber wozu? Bei den paar Fahrten.

Imagemäßig würde sich so ein it-car der Energiesparsymboliker sicher bestens rentieren. Sie können sich ein Hybrid- oder Elektroauto kaufen und keinen Meter fahren – die meisten Mitbürger werden Sie für einen coolen Umweltavantgardisten halten, auch wenn bei Ihnen daheim eine Heizung aus der Kaiserzeit vor sich hin kokelt. Mit Umwelttechnik kann man eben schlecht angeben, und vermutlich ist das das ganz große Problem mit dem Klimaschutz. Da kann Frau Kemfert die Kosten noch so weit runterrechnen, am Ende entscheidet der Protz-Faktor. Erzählen Sie auf einer Party mal von Brennwertkesseln und Perimeterdämmung; das beschert Ihnen einen einsamen Abend.

Selbstverständlich habe ich diese netten Spielchen mitgemacht, wie sie die Energieversorger anbieten. Bei Vattenfall habe ich mir neulich ein Strommessgerät ausgeliehen, um meine Haushaltsgeräte durchzutesten. Das ist ganz interessant, man stöpselt es zwischen Stecker und Steckdose und sieht dann zu, wie der Zählerstand klettert. Schöne Gleichungen tun sich auf: ein Tag Kühl-Gefrier-Kombi gleich 15 Liter Tee. Einmal Waschmaschine gleich 20-mal Kaffeekochen. Zwei Scheiben Toastbrot gleich fünfmal Handyaufladen. Glühbirnen gegen Energiesparlampen zu tauschen lohnt sich – aber den Tee gieße ich nicht mit kaltem Wasser auf.

Wobei es ja Ökoextremisten gibt, die einem genau damit kommen. Die wollen auch die ganze Welt zu Vegetariern erziehen, weil Rinder so viel rülpsen, deswegen am Klimawandel mit schuld sind und man sie deswegen besser nicht aufessen sollte. Andererseits ist immer nur Salat und außerdem kalt duschen auch keine Lösung. Und natürlich kann man sich statt einer sparsamen Brennwertheizung eine noch viel sparsamere Geothermieheizung anschaffen, die die Wärme aus dem Erdreich holt. Allerdings muss man dafür ein sehr großes, sehr tiefes und vor allem sehr teures Loch in den Garten bohren. Irgendwo hört’s auf. Energiesparen braucht eine gesunde Balance zwischen Vernunft und Gefühl, Wollen, Sollen und Bezahlenkönnen.

Neulich habe ich in einer Zeitung einen Aufsatz von Oliver Geden gelesen. Das war sehr interessant. Herr Geden arbeitet für eine Stiftung in Berlin, und genau wie Frau Kemfert schreibt er, dass jeder etwas tun könne. Er schreibt aber auch, dass es im Fall des Stroms überhaupt nichts bringe. Weil nämlich jedes Gramm CO₂, das ein Privathaushalt einspart, als Verschmutzungsrecht an die Industrie weitergereicht wird. Das habe die Politik so entschieden. Die Treibhausgase werden dann sozusagen nicht mehr von mir emittiert, sondern von einem Kohlekraftwerk. Was der Umwelt vermutlich herzlich egal ist und die Polkappen kaum am Tauen hindern dürfte. Das ist freilich nur die Kurzfassung, Herr Geden hat das etwas ausführlicher beschrieben. Aber wenn er recht hat, bringt zumindest mein Kampf gegen den Stromverbrauch dem Klima nichts.

Letztlich darf man den Nichtstuern aber keinen Rechtfertigungsgrund liefern. Schließlich geht es beim Energiesparen auch um persönliche Einstellung – und Verantwortungsgefühl. Soll Bremerhaven doch absaufen. Ich habe mein Möglichstes dagegen getan.

 
Leser-Kommentare
  1. Warum sollte es nichts bringen, weniger Strom zu verbrauchen? Zumindest spart es doch schonmal Geld. Um aber auch beim Strom eine wirkliche Veränderung herbeizuführen, sollte man als erstes den Stromanbieter wechseln. Es gibt inzwischen genügend Anbieter, die den Strom nicht mehr mit den Dinosauriertechniken Kohleverbrennung oder Kernspaltung erzeugen. Da sollte man überlegen, wem man sein Geld gibt.

    • Trutia
    • 08.03.2009 um 21:32 Uhr

    im Artikel steht:
    "Andererseits ist immer nur Salat essen ... keine Lösung"

    Das ist Quatsch. Vegane Küche ist nicht immer nur Salat. Es gibt zig tausende vegane rezepte, eines leckerer als das andere.
    Suchen sie einfach mal in der Suschmaschine ihrer Wahl nach "vegane rezepte".
    Sie werden Augen machen.

    Fleisch ist eine ziemliche Nahrungsmittelverschwendung.

    "Auf der Fläche eines Grundstückes, die benötigt wird, um ein Kilo Fleisch zu erzeugen, könnte man im selben Zeitraum 200 kg Tomaten oder 160 kg Kartoffeln ernten"
    "Um 1 kg Fleisch zu erzeugen, benötigt man 7–16 kg Getreide oder Sojabohnen. Dies kann ohne Übertreibung als die effektivste Form von Nahrungsmittelvernichtung bezeichnet werden."
    Quelle: vegetarismus.ch/info/oeko.htm

    Fleisch ist ohnehin ungesund:

    Darmkrebs:
    wissenschaft.de/wissenschaft/news/254238.html

    Brustkrebs:
    www.sdk.de/go_onmeda.php?...
    und
    www.curado.de/brustkrebs-...

    Magenkrebs:
    www.curado.de/Magenkrebs/...

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