Kulturbetrieb Deutschlands Nischen
In manchen Fabriken stehen schon die Bänder still. Aber der Kulturbetrieb muss einstweilen die Krise nicht fürchten. Er ist schon verstaatlicht

© Bundeskunsthalle Bonn
Kunst und Geld: Die Bonner Bundeskunsthalle protzt mit Sponsorenwerbung
Es ist Krise, doch aus dem deutschen Geistes- und Kulturleben kommt keine Klage. Das Gegenteil ist der Fall, was so verblüffend wie beruhigend ist: Während die Welt Antworten auf die Frage nach den politischen und wirtschaftlichen Kosten und Konsequenzen der Finanzmarktkrise sucht, während die Diskussion um das Verhältnis zwischen Staat und Markt entbrennt, in Automobilunternehmen erste Bänder stillstehen und die Frage erörtert wird, ob der Kapitalismus als System per se passé sei, vermelden Verwalter, Gestalter und Förderer deutscher Kultur: Bestand gesichert, auch in Zukunft, kein Grund zur Sorge. Die kulturellen Kosten der Krise belaufen sich auf null. Das geistige Kapital der Republik scheint sicher angelegt, und die künstlerische Erziehung der Gesellschaft hängt nicht von Renditen ab. Mit einem Wort: Im Kulturbetriebssystem steckt kein Lehman-Virus.
Die deutsche Kulturförderung ist unabhängig von riskantem Kapital
Das hat zum einen mit einem spezifisch deutschen Kulturfinanzierungsmodell zu tun, untermauert zum anderen aber auch den hohen Stellenwert, den die Republik ihren Reflexionsinstanzen beimisst. In der Bundesrepublik wird Kultur als konjunkturunabhängige Grundversorgung aufgefasst, weshalb ihre Finanzierung zu mindestens 90 Prozent (jährlich etwa 8 Milliarden Euro) durch die staatlichen und kommunalen Haushalte garantiert und zu 10 Prozent (im Jahr 2007 etwa 550 Millionen Euro) von privater Hand durch Sponsoren, Spenden und Stiftungen erweitert ist. Ganz anders ist das in den USA, wo das Verhältnis von privater zu staatlicher Kulturförderung, gerade umgekehrt, 10 zu 90 ist. Jenseits des Atlantiks sind Spenden steuerlich leichter abschreibbar, und die Staats- und Steuerquote ist sehr viel niedriger als hierzulande.
Für das sozialstaatliche und historisch auf Sicherheit bedachte Deutschland dagegen gilt, was Alexander Farenholtz, Vorstand der Kulturstiftung des Bundes, vermerkt: »In Hinsicht auf die Substanz des Kulturlebens in Deutschland gibt es keinerlei Abhängigkeit von riskantem Geld.« Bisher wurde nicht eine Tournee abgesagt, nicht eine Ausstellung geschlossen, nicht ein Festival als in seiner Existenz bedroht gemeldet. Schließlich versicherte Kulturstaatsminister Bernd Neumann Ende vergangener Woche in Berlin, die Kulturlandschaft in Deutschland stehe in dieser Situation mit ihrem hohen öffentlichen Finanzierungsanteil nicht nur »sehr gut da«, auch Künstler und Kulturinstitutionen könnten weiterhin »zuversichtlich in die Zukunft blicken«.
Neben dem Lob der öffentlichen Hand ist die zweite gute Nachricht in der Krise, dass der kulturschaffende Kapitalismus Projekte und Programme nach wie vor ermöglichen wird – als Extra, Luxus, Surplus, aus altruistischem Impuls, jedenfalls ohne Einschränkung. Zwei bezeichnenderweise englische Begriffe stehen im Zentrum privater Kulturförderung: Private Public Partnership und Corporate Social Responsibility. Grundgedanke des letzteren ist die gesellschaftliche Verantwortung von Bankhäusern, Versicherungsunternehmen oder Automobilkonzernen, die in soziales Kapital, das heißt die Gesellschaft investieren, aus der sie kommen. »Auch in schwierigen Zeiten muss man als großes Unternehmen seiner gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen und ein Zeichen der Orientierung und Kontinuität setzen«, sagt Ilka Seer, Sprecherin des Tanzfestivals Movimentos in Wolfsburg, des größten und vielleicht bedeutendsten in Europa, das mittlerweile zu einem veritablen Wirtschaftsfaktor der Region geworden ist. Seit 2003 wird es von der Autostadt GmbH, einer Tochter des Volkswagen-Konzerns, finanziert. Auch 2009 soll und wird der Auftrag erfüllt werden. Die Summe bleibt gleich. Genannt wird sie nicht.
Ähnliche Töne kommen aus Frankfurt. »Unser gesellschaftliches Engagement unterliegt einer langfristigen Strategie«, meint Marion Dressler, Sprecherin der Deutschen Bank, »auch turbulente Zeiten ändern daran nichts.« In den vergangenen Jahren habe sich das Unternehmen jährlich mit rund 80 Millionen Euro finanziell für die Gesellschaft engagiert. Credo aller Initiativen sei Nachhaltigkeit – was das Unternehmen gewiss in günstigem Lichte strahlen lässt, kommt es so zu einem von allen Seiten hoch gelobten Projekt wie dem Musikerziehungsprogramm Education bei den Berliner Philharmonikern. Seit zehn Jahren wird dieses, wie es heißt, »Sahnehäubchen« von der Deutschen Bank finanziert und ist mittlerweile unverzichtbarer Image-Generator für Sponsor wie Empfänger. Education, heißt es aus Berlin, sei ein Luxus, den man sich nur leisten könne, weil die Deutsche Bank das Geld dafür gebe. »Dem Sponsor ist es wichtig«, sagt Frank Kersten, kaufmännischer Direktor der Philharmoniker, »dass er nur Initiativen unterstützt, die der Staat nicht finanzieren kann.« Fortsetzung von Education: Ehrensache.
Mit gutem Grund könnten die Apologeten staatlicher Förderung jetzt das Triumphgeheul anstimmen und den Marktschreiern der Privatisierung die Ode an die Freude singen, dass ein qualitativ hochwertiges Kultur- und Geistesleben ohne öffentliche Finanzierung weder zu machen noch zu wünschen sei. Beim einen oder anderen ist klammheimliche Genugtuung zu spüren, und nun will erst recht niemand mehr etwas an der Mischfinanzierung 90 zu 10 ändern. Rolf Bolwin, Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, des Dachverbands aller städtischen und staatlichen Bühnen in Köln, fühlt sich in seiner staatstreuen Haltung bestätigt und frohlockt, dass die Arbeits- und Leistungsfähigkeit durch öffentliche Finanzierung auf hohem Niveau gesichert ist. »So wollen wir weitermachen und im Einzelfall gerne auch durch Beiträge aus privater Hand mitfinanziert werden.«
Jene jedenfalls, die in den vergangenen Jahren zunehmend lauter vom Segen des angelsächsischen Fördermodells schwärmten und die in den USA kultivierte Unabhängigkeit von staatlichen Subventionen als Blaupause fürs deutsche Kulturleben anstrebten, sind kämpferisch genug, jetzt nicht als geschlagene Krieger das Feld zu räumen. Das Festspielhaus Baden-Baden zum Beispiel, das inzwischen wieder ohne jede öffentliche Subvention auskommt, lebt vom Geld aus dem baden-württembergischen Mittelstand, das, daran lässt Intendant Andreas Mölich-Zebhauser keinerlei Zweifel, fest und sicher angelegt ist. »Die Menschen hier im Südwesten sind im Durchschnitt vorsichtiger als anderswo. Hier hat niemand zwei Drittel seines Kapitals in riskante Aktien investiert.«
Werden Banken und Versicherungen nun erst recht auf Sponsoring setzen?
Das heißt zum einen: Der schwäbische Mittelständler ist nicht vergleichbar mit dem New Yorker Finanzberater, und es heißt zum anderen: Der Intendant hat kein Lehman-Problem. Von Pessimismus keine, vom Willen zum langen Atem dagegen eine neue Spur. Vergangene Woche hat der Festspielhaus-Chef mit einer großen Bank und einem großen Automobilkonzern im Ländle Gespräche für das Jahr 2009 geführt und keinerlei Anzeichen feststellen können, dass man hier wie dort auf die Bremse träte. »Beide Häuser haben mir unabhängig voneinander gesagt, dass es ein verheerendes Signal wäre, jetzt zu sagen, wir könnten uns das, was wir gesellschaftlich und gesellschaftspolitisch für wichtig halten, nicht mehr leisten.«
Gemäß Schätzungen des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI lassen sich die rund 550 Millionen Euro, die pro Jahr von privater Hand in das Kulturleben fließen, wie folgt aufteilen: 350 Millionen Euro Sponsoring, 150 Millionen Euro Stiftungsaktivitäten, 50 Millionen Euro Spenden. »Ich denke, dass bei den bestehenden und langfristigen Partnerschaften zwischen Unternehmen und Kulturschaffenden keine Gelder gekürzt werden«, sagt Friederike von Reden, Referentin Kultursponsoring und Kulturpolitik beim Kulturkreis, »doch könnte es in diesen Zeiten schwerer werden, für neue Projekte Mäzene oder Sponsoren zu gewinnen.« Eine seriöse Prognose zu stellen sei zu früh, zwei Optionen aber seien denkbar: Entweder setzten gerade Banken und Versicherungen, die ja am stärksten von der Krise betroffen sind und zu den größten Gebern zählen, nun auf Image- und Vertrauensbildung sowie einen Gerade-jetzt-Trotz und stiegen noch tiefer ins Kultursponsoring ein; oder aber sie würden als Aktiengesellschaft von den Aktionären jetzt zur erhöhten Rechtfertigung jedes gesellschaftlichen Engagements gezwungen – was bedeute, dass die Partnersuche für neue Projekte und experimentelle Positionen in Zukunft schwieriger werden könnte. Noch scheint die Sonne über Deutschland, während durch New York oder London die Orkane ziehen. Doch das Klima könnte rauer werden, je nachdem, wie die Winde im nächsten halben Jahr stehen.
- Datum 28.10.2008 - 12:24 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.10.2008 Nr. 44
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bei meinen Auslandsaufenthalten fällt mir als kleiner Kulturfetischist dergleichen oft auf. Alleine in Bayern gibt es mehr (professionelle) symphonische Vollorchester und große Theaterbühnen als in den ganzen USA. Sollte man nicht meinen, wo dieses Land bei der Populärkultur (siehe Hollywood etc.) doch eine solch starke Stellung einnimmt. Auch gibt es in Deutschland mehr Aufführungen von Shakespeare als in Großbritannien und Nordamerika zusammen.
Kultur ist kein "Luxus" sondern tatsächlich eine Grundversorgung. Das erste Mal in meinem Leben war ich mit meiner Schulklasse in einer Theateraufführung, und so cool wie ich damals war konnte ich natürlich nicht zugeben dass ich es mitnichten langweilig sondern sehr spannend fand. Dem war aber so und das Theater hat mir eine ganz neue Welt eröffnet, den Horizont erweitert. Gleiches gilt aber auch zB für das Deutsche Museum in München, das größte Technikmuseum der Welt. Natürlich lässt sich sowas nicht in nackte Zahlen fassen, aber es dürften mehr Jungen und Mädchen den Traum entwickelt haben Ingenieur zu werden bei einem Besuch des Deutschen Museums als beim trockenen Algebra-Unterricht. Glänzende Augen versus Frontalunterricht.
Wenn wir über Bildung reden dann dürfen wir nicht nur über die Vermittlung von Faktenwissen und fremdsprachlichen Vokabeln reden. Und im Kulturbereich, der meiner Meinung nach auch ein essentieller Baustein zur Bildung von reifen Staatsbürgern ist, haben wir in Deutschland wirklich eine große Stärke. Darum passt die Überschrift "Nische" gut, auch wenn sie anders gemeint war.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren