Getreide Die letzte Tonne bestimmt den Preis

Ist es die Schuld der Spekulanten, dass weltweit fast eine Milliarde Menschen hungern? Oder taugen sie nur als Sündenböcke für die Preisschwankungen an den Rohstoffmärkten?

Das International Grains Council erwartet ein Überangebot von zehn Millionen Tonnen Weizen

Das International Grains Council erwartet ein Überangebot von zehn Millionen Tonnen Weizen

Es hat immer etwas Ergreifendes, einen reuigen Sünder zu erleben – so auch im Fall des Spekulanten George Soros. Zu Ruhm gelangte der in Budapest geborene US-Amerikaner, weil er es 1992 fertigbrachte, die Bank von England mit seinen Währungsspekulationen zu einer drastischen Abwertung des britischen Pfundes zu bewegen. Heute gilt er als geläutert, Soros plädierte schon vor dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise für eine stärkere Regulierung der Kapitalmärkte. Und im Sommer dieses Jahres forderte er, Geschäfte an den Warenterminbörsen zu beschränken. Das Treiben der Spekulanten verglich ausgerechnet er mit dem »Horten von Nahrungsmitteln inmitten einer Hungersnot, nur um mit steigenden Preisen Profit zu machen«.

Soros befindet sich in guter Gesellschaft. Auch die amerikanischen Kongressabgeordneten haben längst Begriffe wie »Zockerei« und »wildes Kasino« in den Mund genommen. Und selbst Deutschlands Wirtschaftsminister Michael Glos – in den vergangenen Wochen nicht gerade als Krisenmanager an vorderster Front aufgefallen – sprach davon, den »Spekulationssumpf trockenlegen« zu wollen. Besonders heikel wird der Vorwurf der gewissenlosen Spekulation, wenn es um Agrarrohstoffe geht. Wer mit Weizen, Mais, Soja oder Zucker die große Kohle macht, während Afrika leidet, ist schnell an den Pranger gestellt.

Dabei sind es längst nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen, die in Nahrungsmittel investieren. Spätestens seitdem die Rohstoffpreise 2007 nur noch den Trend nach oben zu kennen schienen, sind auch private Anleger im Geschäft. Die investieren zwar selten direkt in Futures, Kontrakte also, die den Kauf einer Rohstoffmenge zu einem zuvor vereinbarten Preis und Datum in der Zukunft besiegeln. Doch auf solchen Futures basierende Fonds oder Zertifikate finden sich mittlerweile häufig auch in privaten Portfolios.

Sollte sie also ein schlechtes Gewissen plagen, wenn weltweit fast eine Milliarde Menschen hungert, wie die Welthungerhilfe vergangene Woche bekannt gegeben hat? Oder müssen die Spekulanten nur als Sündenböcke herhalten?

Soros´ Schrei nach Regulierung könnte jeder abwürgen, der weiß, dass der Milliardär Präsident der Soros Fund Management LLC ist, die wiederum mit der Quantum Group of Funds in Verbindung steht. Und diese Hedgefonds-Gesellschaft hat ihren Sitz auf Curaçao und den Cayman Islands – fernab von der amerikanischen Finanzaufsicht SEC. Was aber gegen den Mann sprechen mag, widerlegt noch nicht seine Deutung der Lage.

Handel mit Rohstoff-Derivaten ist auf 9.000 Milliarden Dollar gestiegen

Auch wenn die Rohstoffpreise seit dem Frühsommer auf breiter Front gesunken sind, nominal haben sie sich in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt verdreifacht. Und die Mittelzuflüsse der Marktteilnehmer, die Rohstoffe weder verbrauchen noch veredeln, sondern nur mit ihnen handeln, sind allein an den weltweiten Börsen seit Anfang 2004 von 15 Milliarden auf zeitweise 300 Milliarden Dollar gestiegen. Hinzu kommen außerbörsliche Derivate mit einem Nominalwert von 9.000 Milliarden Dollar. Der Handel mit Rohstoffen und Rohstoffderivaten hat also längst ein Volumen erreicht, dass völlig losgelöst ist von der realen Nachfrage.

Die Frage aber ist, ob das viele Geld dem Trend folgt oder ihn auslöst.

Ein großer Einfluss dieses zusätzlichen Geldes auf die Preise darf aber schon deshalb bezweifelt werden, weil die Preishochs, verglichen mit denen in den siebziger und achtziger Jahren, gar nicht so hoch sind. Inflations- und währungsbereinigt, sind einzig Heiz- und Rohöl teurer als damals, Edelmetalle und Agrarrohstoffe aber nicht. Zudem seien nominal auch die Preise für Kohle, Kokskohle, Kobalt, Rhodium, Kali, Eisenerz und Stahl gestiegen, obwohl diese Rohstoffe gar nicht direkt an der Börse gehandelt würden, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte von der Commerzbank.

»Die mystische Vorstellung, dass Spekulation angeblich die Preise treibt, macht mich wahnsinnig«, hat Paul Krugman kürzlich gesagt, noch bevor er den Nobelpreis für Wirtschaft bekam. Spekulanten verbrauchen im Gegensatz zu den Industrieunternehmen kein Öl, warum also sollte dann der Preis steigen, nur weil es mehr Spekulationsgeschäfte gibt? Das Öl müsste schon auf irgendeine Weise dem Markt entzogen werden, etwa indem es gehortet wird. Doch die Vorräte sind während der Phase steigender Preise kaum gestiegen – im Gegenteil. Entsprechend vage und uneinheitlich sind Studien, die versuchen, den Einfluss der Spekulanten zu quantifizieren.

Kurzfristig können die Spekulanten dennoch für Übertreibungen sorgen. »Als im Mai und Juni große Teile des Mittleren Westens der USA überschwemmt waren und der Maispreis auf über sieben Dollar pro Bushel stieg, da habe ich mir gedacht, dass mit den Agrarrohstoffen etwas nicht in Ordnung ist«, sagt Ralf Oberbannscheidt, der den DWS-Fonds Global Agribusiness verwaltet. »Das betroffene Gebiet macht gerade mal 1,3 Prozent der globalen Maisproduktion aus, und das ist noch positiv geschätzt.«

Die langfristige Preisentwicklung hängt aber an der realen Güterwirtschaft. Spekulanten verstärken diese bisweilen nur. »Über Jahre stieg die Nachfrage nach Agrarrohstoffen, ohne dass das bewusst wahrgenommen wurde«, sagt Rüdiger Fuhrmann, Leiter des Bereichs Agrar-Banking bei der NordLB. »Schließlich hatten wir 2007 weltweit leere Läger und gleichzeitig keine besonders gute Ernte.« Die Nachfrage war größer als das Angebot, also stiegen die Preise. Und weil »man das nach Jahren stabiler Entwicklung nicht gewohnt war, übersteigerte sich dieser Trend«, sagt Fuhrmann. Sicherlich hätten auch kurzfristige Spekulanten ihr Scherflein dazu beigetragen, aber »zum Schluss bildet sich der Preis auf dem realen Markt«.

Kurzfristig sorgen Spekulanten für Übertreibung

Dieses Jahr hingegen »erwarten wir Rekordgetreideernten in allen Export- und Verbrauchsländern«, sagt Klaus Schumacher, Chefvolkswirt beim Agrarhandelshaus Toepfer, einer 80-prozentigen Tochter des Nahrungsmittelkonzerns Archer Daniels Midland, einem der vier großen Agrarhändler der Welt. »Nach Schätzungen des International Grains Council werden wir deshalb ein Überangebot von fünf bis zehn Millionen Tonnen Weizen haben«, sagt Fuhrmann von der NordLB. Und der kurzfristige Einfluss der Spekulanten geht diesmal in die andere Richtung: »Banken, Indexfonds und Hedgefonds liquidieren aufgrund von Liquiditätsengpässen eben auch zahlreiche Rohstoffpositionen«, so Schumacher.

Langfristig werde der Agrarsektor ein knapper Markt bleiben. »Angebot und Nachfrage werden sehr nah beieinanderliegen, die letzten paar Tausend Tonnen machen am Ende den Markt«, sagt Fuhrmann.

Private Anleger sollte daher nicht aus moralischen Gründen, sondern aus reinem Selbstschutz darauf verzichten, auf Rohstoffe zu wetten. »Ein Privatanleger kann sein Portfolio über Agrarrohstoffe diversifizieren«, sagt DWS-Manager Oberbannscheidt. »Aber das funktioniert eben gerade nicht dadurch, dass er Mais bei sieben Dollar kauft.« Auch wenn Experte Fuhrmann davon ausgeht, dass sich der Markt langfristig nach oben bewegt, rät er Privatanlegern, »die Finger von diesem Segment zu lassen«. Selbst die Experten hätten die aktuelle Entwicklung nicht vorhergesehen.

Der Versuch aber, Spekulanten für die Schwankungen an den Rohstoffmärkten verantwortlich zu machen, verursachte schon in der Vergangenheit nur Probleme. Im 19. Jahrhundert wurde an der Getreidebörse in Berlin mehr gehandelt als an der Aktienbörse. So befand die Reichsregierung schon 1894, dass auf ein Termingeschäft eines Bauern 20 spekulative Geschäfte kämen. Und als sich zwei Jahre später die Gerüchte mehrten, dass die Spekulanten auf fallende Weizenpreise wetteten, verbat sie den Terminhandel mit Weizen. Weil die Bauern aber fortan ihre Ernte nicht mehr gegen Preisschwankungen absichern konnten, gingen viele von ihnen pleite. Und die Regierung versuchte, mit Mindestpreisen und hohen Importzöllen zu retten, was nicht mehr zu retten war. Es war der Beginn europäischer Agrarsubventionen, die heute mit 40 Prozent noch immer den zweitgrößten Posten des EU-Haushaltes ausmachen.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Persilschein, den Carolyn Braun und Marcus Pfeil den Spekulanten ausstellen wollen, hat für alle diejenigen wenig Beweiskraft, die in den vergangen Wochen Zeitung gelesen haben:

    Auf dem Höhepunkt der weltweiten Ölspekulation kostete der Barrel Rohöl 165 US-Dollar. Heute kostet er unter 60 US-Dollar, obwohl sich seitdem nur eines geändert hat - die Phantasie in den Köpfen der Spekulanten.

    Seit die Finanzkrise die Schlagzeilen der Weltpresse bestimmt, ist der tatsächliche Ölverbrauch weder gestiegen, noch gesunken. Es existiert immer noch die gleiche Menge Rohöl auf dem Weltmarkt wie zu Zeiten des Höchstpreises.

    Auch das immer wieder bemühte Argument der Absicherung von Preisschwankungen lässt sich widerlegen: Besser als durch Spekulation könnte sich die Wirtschaft durch eine solidarische Versicherung vor Preisschwankungen schützen.

    Spekulation funktioniert nur bei Mangel. Wo dieser Mangel Menschenleben kostet, ist Spekulation ein Verbrechen, das durch nichts gerechtfertigt oder verteidigt werden kann.

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    Richtig!
    Gerade die Entwicklung es Ölpreises binnen 6 Monaten deutet darauf hin, daß es die ERWARTUNGEN sind und nicht die tatsächlich angebotenen oder nachgefragten Mengen, die diese Extreme verursachen. Diese Märkte funktionieren nicht wie der Wochenmarkt. Auf letzterem scheinen die Modelle der Experten immer noch zu basieren.

    Richtig!
    Gerade die Entwicklung es Ölpreises binnen 6 Monaten deutet darauf hin, daß es die ERWARTUNGEN sind und nicht die tatsächlich angebotenen oder nachgefragten Mengen, die diese Extreme verursachen. Diese Märkte funktionieren nicht wie der Wochenmarkt. Auf letzterem scheinen die Modelle der Experten immer noch zu basieren.

  2. Richtig!
    Gerade die Entwicklung es Ölpreises binnen 6 Monaten deutet darauf hin, daß es die ERWARTUNGEN sind und nicht die tatsächlich angebotenen oder nachgefragten Mengen, die diese Extreme verursachen. Diese Märkte funktionieren nicht wie der Wochenmarkt. Auf letzterem scheinen die Modelle der Experten immer noch zu basieren.

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