Frankfurt am Main, 6. August 1975, 11 Uhr, Hotel Frankfurter Hof. Der Werbeleiter eines Volkswagen-Großhändlers bei Kassel tritt vor die versammelte Kulturpresse Deutschlands und kündigt eine neue Hölderlin-Edition in zwanzig Bändern nach revolutionären Prinzipien der Textkritik an: durchgehende Faksimilierung sämtlicher Handschriften und ihre exakte Transkription, Absage an die Hierarchisierung verschiedener Textvarianten. D. E. Sattler heißt der Unbekannte, nennt nur zwei Kürzel als Vornamen, ist Mitte dreißig und Mitglied der DKP. Neben ihm sitzt, ebenso jung und langhaarig, sein Verleger, der aus seinem Vornamen ebenfalls zwei Buchstaben gemacht hat und politisch noch linker ist als die DKP: KD Wolff. Ihre Pressekonferenz löst einen regelrechten Kulturkampf aus wegen – man kann es sich heute kaum vorstellen –, nur wegen einer Edition.

Um die Aufregung zu begreifen, muss man zurück zum Nationalsozialismus gehen, der um Hölderlin einen vaterländischen Kult betrieb, aber zugleich die institutionellen Grundlagen für die Hölderlin-Forschung in der Bundesrepublik Deutschland legte: die Hölderlin-Gesellschaft mitsamt ihrem Jahrbuch, das Hölderlin-Archiv und vor allem die monumentale Stuttgarter Ausgabe, die Friedrich Beißner 1943 begann. Beißner war so wenig Nationalsozialist oder so viel Mitläufer wie die meisten Germanisten seiner Zeit. Seine Ausgabe galt zu Recht als eine der größten Leistungen der deutschen Philologie überhaupt. Aber in Beißners Bestreben, aus dem Knäuel der Lesarten die eine, abgeschlossene Fassung zu präparieren, meinten Kritiker die Sehnsucht der Nazis nach nationaler Repräsentanz herauszuspüren. Überhaupt waren Hölderlin-Tagungen eine der letzten Bastionen konservativer Bildungsbeschaulichkeit in aufrührerischen Zeiten.

Mit ihrer alternativen Ausgabe, die auf fünf Jahre angelegt war, wollten der Autodidakt Sattler und sein Kleinverleger Wolff den Dichter vom nationalmythologischen Mief seiner Rezeption befreien, abseits der Universität und ohne öffentliche Förderung. Sechs Jahre später, als das Projekt vor dem Abbruch stand, gerade vier von zwanzig Bänden waren erschienen, schrieb D. E. Sattler in einem brief an die rezensenten, nichts weniger als Deutschlands Schicksal entscheide sich am Umgang mit Hölderlin: "denken sie darüber, wie sie wollen."

In ihrer Vollständigkeit und Schönheit hat die Ausgabe Maßstäbe gesetzt

Es steht nicht schlecht: Zwar ist Wolffs Verlag zwischenzeitlich Konkurs gegangen, mussten die verachteten Institutionen als Geldgeber doch noch einspringen und haben sich Herausgeber und Verleger so sehr zerstritten, dass sie nicht einmal mehr miteinander reden – aber in ihrer Vollständigkeit, Akribie, Nachprüfbarkeit und Schönheit hat ihr Hölderlin Maßstäbe gesetzt. Wolff wurde für seinen verlegerischen Wagemut mit höchsten Preisen ausgezeichnet, Sattler von der Universität Hamburg zum Ehrendoktor ernannt.

Die Ausgabe, so sagte es Jürgen Habermas, sei das bleibende Verdienst von 68. Sie sind noch immer nicht unumstritten, das werden zwei Bilderstürmer wie sie nie sein – aber sie sind jetzt wer, selbst in der Fachwelt, auf die sie so wenig gaben. Kein Hölderlin-Forscher käme noch ohne ihre Ausgabe aus, die über alle Krisen und Zerwürfnisse hinweg gewachsen – und nun abgeschlossen ist: Im Stroemfeld Verlag, wie der Rote Stern seit seinem Untergang heißt, erscheint in diesem Herbst der zwanzigste und letzte Band der Frankfurter Ausgabe.

Die Revolution, die damit vollbracht ist, besteht nicht aus den Taten, für die 1968 demonstriert wurde, und nicht einmal aus Wörtern, sondern aus Schrifttypen: leichte Grotesk für frühere Textschichten eines Manuskripts, mittlere Grotesk für mittlere Schichten, schwere Grotesk für spätere Schichten, dazu schmale Grotesk mittel für weitere Texte der früheren Schichten und schmale Grotesk schwer für weitere Texte der späteren Schichten. Für die Einträge der ersten Leser und Editoren sind verschiedene Typen der Antiqua vorgesehen. Durch Striche, drei verschiedene Klammern, Unterstreichungen, Unterpunktungen, Balken, Schrägstriche, Fragezeichen, Leerstellen, Zahlen sind außerdem unterschieden: gestrichener, überlagerter, eingeklammerter, nicht entzifferter, unsicher entzifferter, verlorener und nicht sicher als Streichung erkennbarer Text, Ergänzungen innerhalb eines Wortes und Ergänzungen innerhalb einer Linie, Einfügungs- und Trennlinien sowie Zeilenzählungen. Die jeweiligen Textphasen (lateinische Zahlen) sind in der typografischen Umschrift noch einmal aufgeteilt in Phasensegmente (lateinische Großbuchstaben). Neben dem Faksimile und der Transkription steht als Vorstufe zum "emendierten Text" noch die Aufstellung der möglichen Lesarten. Mit Hilfe von verschiedenen Schrifttypen und -größen, Zahlen, Pfeilen, Klammern und Strichen bietet sie immerhin noch etwa zwanzig grafische Möglichkeiten an, die Varianten, Zeilenumbrüche und Verszählungen desselben Textes sowie die editorischen Bemerkungen und Eingriffe darzustellen und damit die Emendation überprüfbar zu machen, was im dringlichen Duktus Sattlers immer ein bisschen wie Emanation klingt, dem Ausfluss aller Dinge aus dem göttlichen Einen.