In einem alternativen Kulturzentrum, unweit des Friedhofs Père-Lachaise, trifft sich das Stadtteilkomitee zur Gründung einer antikapitalistischen Partei (NPA). Es ist eines von mehr als 300 im Lande. Mit rund 60 Besuchern habe man an gerechnet, sagt eine Mitveranstalterin, gekommen sind fast 240, überwiegend im Studentenalter, mit grauhaarigen Einsprengseln. Geduldig hören sie sich die Berichte von Streiks in ihrem Stadtteil an, und es kommt auch kein Murren auf, als ein betagter Krankenpfleger eine historisch-materialistische Analyse des Gesundheitswesens vorliest. Nach den Referaten die Diskussion. Offenbar ist das Publikum weniger zum Reden gekommen als zum Zuhören. Und doch wird man das Gefühl nicht los, dass hier etwas von Bedeutung geschieht. Denn niemand, abgesehen vielleicht zwei oder drei Kader, wird sich deshalb eingefunden haben, weil er sich einen persönlichen Vorteil verspricht. Einer fragt: "Ihr sagt, die Reichen sollen ihre Krise selbst bezahlen. Wie denn, konkret?" Der angesprochene Referent spricht vage von Steuern, Enteignung und davon, dass er eine Welt ohne Ausbeutung will. Damit sind dann alle einverstanden. Der zweite Teil des Abends kann beginnen: Essen, trinken, Disco. Unterschriftensammler gehen herum. "Willst du auch die neue Partei unterstützen?" – "Ich bin Journalist" – "Bist du denn nicht links?" – "Das ist eine lange Geschichte."

Neulich klingelte das Telefon, eine alte Freundin war am Apparat. Sie verriet mir den Zweck des Anrufs nicht, er war für meine Frau bestimmt: eine Einladung zu einer "Mädchenparty". Girly nights out sind eine Lieblingsbetätigung britischer Frauen ganz gleich welchen Alters und welchen Standes, entweder im Pub oder wie in diesem Fall bei der Freundin zu Hause. Männer sind nicht zugelassen. Von ihnen wird erwartet, ihre Frauen zu vorgerückter Stunde abzuholen wie früher die Kinder von einer Geburtstagsparty. Als ich eintraf, um diese eheliche Pflicht zu erfüllen, war die Hölle los. Zwei der Mittfünfzigerinnen krähten in der Küche Karaoke zu Is this the Way to Amarillo? und The Bonnie Banks O’Loch Lomond in der Version der Keltrocker Runrig in ein Mikrofon. Die anderen "Girls" tanzten. Zwischen ihren Beinen jagten vier oder fünf Collies ihren Schatten hinterher. Der Tisch war mit Weißweinflaschen und Essensresten überladen, auch die Aschenbecher waren nicht gerade leer. Alle amüsierten sich großartig. Wenn Meinungsforscher Menschen in verschiedenen Ländern danach fragen, wie glücklich sie sind, schneidet Großbritannien immer ziemlich gut ab. Trotz Wirtschaftskrise, trotz Kriminalität, trotz Unmut über den Gesundheitsdienst. Die Briten haben eine Gabe für unkomplizierte Vergnügen, die mir abgeht. Als ich in das Küchen-Tohuwabohu stolperte, merkte ich, wie germanisch ich selbst nach dreißig Jahren in diesem Land geblieben bin.

"Lockerlockerlocker!", befiehlt die Krankengymnastin, als sie sich daranmacht, mein lädiertes Knie zu massieren. Sie hat ihre Praxis direkt hinter dem Berlaymont, dem gigantischen Bau der EU-Kommission in Brüssel. "Ja! Gut so." Viele der Patienten von nebenan, berichtet sie, seien derart grundangespannt, dass sie ihre Muskeln überhaupt nicht mehr lockerlassen könnten. "Was die für Probleme haben, will ich am liebsten gar nicht wissen." Man ahnt es. Sie regulieren ein Europa von 27 widerspenstigen Staaten. Kein Wunder, dass zwei Kilometer entfernt, in der Altstadt, Minou so begehrt ist. Aber an diesem Abend gehört sie mir. Auf einer Bank des Le Cirio, einer Bar neben der Börse, schmiegt sie sich an meinen Oberschenkel und streckt ihre langen Beine von sich. Ich bestelle uns noch ein Trappistenbier, das riecht sie so gerne. Wohlig dreht sie den Kopf in den Nacken, um sich das Kinn kraulen zu lassen. Minou ist eine Katze, genauer gesagt ein Kater, noch genauer, "Sie war mal ein Kater", wie der Kellner klarstellt. Minou also lebt seit zwölf Jahren im Le Cirio, bevorzugt in der Raucherecke, und ist definitiv das tiefenentspannteste Lebewesen Brüssels. Das Tier strahlt so viel Ruhe aus, dass es die Hände der Eurokraten anlockt wie Balsam die Wundgeschlagenen. Am Nebentisch sitzt eine Gruppe fremdsprachiger Schlipsträger, EU-Beamte ohne Zweifel. Gierig recken sie die Hälse nach Minou, einer wirft ihr unverhohlen lüsterne Blicke zu. Ich umgreife den Bierkelch etwas fester. Lockerlockerlocker!, denke ich.