DIE ZEIT: Herr Müntefering, Sie sind der erste Sozialdemokrat, der zum zweiten Mal zum Vorsitzenden gewählt wurde. Was unterscheidet die zweite von der ersten Wahl?

Franz Müntefering: Die Altersweisheit nimmt zu. Wenn man über 67 ist, ist eine größere Gelassenheit mit im Spiel.

Zeit: Sie haben dazugelernt?

Müntefering: Klar. Das vergangene Jahr war privat sehr schwierig. Ein schreckliches, aber auch gutes Jahr. Ich konnte viel nachdenken, viel lesen, alles aus der Distanz betrachten. Mir hat das deutlich gemacht: Eigentlich müsste man ein Sabbatjahr zur Pflicht machen. Wenn man in der normalen Hektik ist, hat man zu oft keine Zeit, sich um das Wichtige zu kümmern. Man beschäftigt sich mit zu viel Firlefanz.

Zeit: Was unterscheidet die SPD von 2004, als Sie erstmals gewählt wurden, von der SPD 2008?

Müntefering : Zum ersten Mal nach langer Zeit habe ich auf unserem Parteitag gespürt: Da versammelt sich nicht nur eine Partei, sondern eine Bewegung, da kommen Menschen zusammen, die einer größeren Idee folgen. Die Weltfinanzkrise hat der SPD ihre Verantwortung und ihre Chancen vor Augen geführt. Das war uns in der Zeit des marktradikalen Denkens ein bisschen verloren gegangen.

ZEIT: Ein bisschen verloren gegangen sind Ihnen da auch Wähler und Mitglieder.