Entwicklung des Lebens Evolution im Duett

Das Prinzip der Selektion wurde zweimal entdeckt. Begleitet von dramatischen Ereignissen publizierten Alfred Russel Wallace und Charles Darwin ihre Idee vor 150 Jahren zugleich

Die Konkurrenten Charles Darwin und Alfred Russel Wallace

Die Konkurrenten Charles Darwin und Alfred Russel Wallace

Am Sonntag, den 13. April 1856, besuchten der Geologe Charles Lyell und seine Frau das Ehepaar Darwin, und man diskutierte die Bildung der Arten durch natürliche Selektion. Lyell gehörte zu den wenigen, mit denen Charles Darwin über den Wandel der Arten diskutierte – über zwanzig Jahre lang arbeitete er im Stillen. In dieser Zeit reifte seine Erkenntnis vom Selektionsprinzip. Die bedeutendste biologische Entdeckung sollte zugleich eine Zäsur in der europäischen Geistesgeschichte werden. Lyell aber hatte zuvor die Voraussetzungen für die Denkmöglichkeit geschaffen, dass die Entwicklung des Lebens durch aktuell wirkende Prozesse verständlich sei. Er hatte betont, dass geologische Erscheinungen durch heute noch wirkende Kräfte erklärt werden.

Zwei Jahre später gab Darwin seine Zurückhaltung schlagartig auf. Am 18. Juni 1858 schrieb er Lyell: *»Vor einem Jahr haben Sie mir empfohlen, einen Artikel von Wallace in den Annalen zu lesen. Heute schickte er mir das Beiliegende und bat mich, es an Sie weiterzuleiten. Es erscheint mir durchaus lesenswert. Ihre Worte haben sich bitter bewahrheitet – nämlich dass man mir zuvorkommen würde. Sie prophezeiten mir dies, als ich Ihnen kurz meine Ansicht zu ›Natürlicher Selektion‹ in Abhängigkeit vom Ringen um die Existenz erläuterte. Ich habe noch nie eine so verblüffende Übereinstimmung erlebt; hätte Wallace meinen 1842 niedergeschriebenen Entwurf gehabt, er hätte keine bessere Kurzfassung anfertigen können!«

Das Beiliegende war ein Artikel des damals noch wenig bekannten Naturforschers Alfred Russel Wallace. »Bitte senden Sie mir das Manuskript zurück«, ergänzte Darwin, »er hat mich nicht gebeten, es zu veröffentlichen, aber ich werde ihm selbstverständlich sofort schreiben und ihm anbieten, es an irgendeine Zeitschrift zu schicken. So wird denn alle meine Originalität zunichtegemacht, obwohl mein Buch dadurch nicht geschmälert wird.«

Darwin war zu dieser Zeit kein unbekannter Mann. Er hatte sich mit seinem Reisebericht ein Denkmal gesetzt, wichtige geologische Entdeckungen gemacht und eine preisgekrönte Monografie über Seepocken abgeschlossen. Nun, mit 45, konzentrierte er sich auf die Entstehung der Arten. Er gedachte die Mechanismen dafür in einem mehrbändigen Werk darzustellen, schon seit September 1854 sichtete er seine zahllosen Notizen.

Auch der 14 Jahre jüngere Alfred Russel Wallace hatte ausgedehnte Forschungsreisen unternommen. Die Tier- und Pflanzenwelt ferner Länder – sie galt es zu kennen, wollte man das Geheimnis der biologischen Mannigfaltigkeit entschleiern. Auch Wallace war von der Evolution des Lebens überzeugt.

Von Mai 1848 an hielt er sich in Brasilien auf – viereinhalb Jahre, in denen jede Stunde seine letzte sein konnte. Wallace überlebte, die Fieberanfälle, die Vampir-Fledermäuse, Fliegen, die ihm Füße und Hände zerstachen, bis sie purpurrot geschwollen waren – niemand, schrieb er, könne sich die Qualen vorstellen. Und er überlebte den Untergang des Seglers, mit dem er seine Sammlungen heimbringen wollte. Alles, bis auf das wenige, was er bei sich hatte, ging verloren, auch seine unersetzlichen Notizen und sein Tagebuch. Zehn Tage trieb die Mannschaft in einem Boot auf dem Atlantik, und die Sonne brannte gnadenlos. Wallace war an Gesicht und Händen voller Blasen; Nase und Ohren waren regelrecht enthäutet. Endlich wurden sie aufgefischt. Wenigstens hatte Wallace seine Sammlungen versichert – 150 Pfund wurden dem Heimkehrer in England ausgezahlt.

Er ließ sich in London nieder und plante seine nächste Reise. Und hier, im Britischen Museum, traf er zu Beginn des Jahres 1854 zum ersten Mal, und für einige wenige Minuten, Charles Darwin.

Schon im März verließ er England erneut, um sieben Jahre durch die südostasiatische Inselwelt zu reisen. Zwischen Bali und der 20 Meilen weiter östlich gelegenen Insel Lombok fiel ihm ein Unterschied in der Tierwelt auf, wie er krasser kaum sein könnte: südostasiatische Arten auf der einen Seite, australische auf der anderen. »Wallace’ Linie« heißt heute die Trennlinie zwischen den zwei Organismenwelten.

1855 legte er in einem Artikel dar, dass sich mit einem lang andauernden Wandel der Erdoberfläche auch die Organismen verändert hätten. Ihre Entwicklung habe zu einer reich verzweigten Abstammungslinie geführt. Und, schrieb er, die Geologie liefere uns den Beleg für das Erlöschen und die Produktion neuer Arten, obwohl sie uns nicht darüber informiere, wie beides stattgefunden hat.

Das war der Artikel, auf den Lyell Darwin aufmerksam gemacht hatte. Darwin schrieb im Mai 1857 an Wallace, er stimme der Richtigkeit fast jeder seiner Worte zu. Und er ergänzte, bald würden es 20 Jahre, dass er sein erstes Notizbuch über die Frage begonnen habe, auf welche Weise die Arten voneinander verschieden würden. In einem weiteren Brief gab Darwin zu erkennen, dass er in seinen Überlegungen viel weiter gehe als Wallace. Dieser veröffentlichte eine Arbeit, in der er darauf hinwies, dass die Unterschiede zwischen zwei Arten nicht viel größer sein müssen als zwischen zwei Varietäten derselben Art. Da niemand argumentieren würde, dass die Varietäten einer Art in einem besonderen Schöpfungsakt entstanden seien, sei es absurd, dies für Arten anzunehmen.

Wallace war jetzt in Ternate auf den Molukken. Krankheit warf ihn nieder, und nun begann er zu grübeln. Woher kommt diese Artenfülle, so wunderbar angepasst an die Umwelt? Sicher war sie auf Veränderungen der Arten zurückzuführen, die im Laufe langer Zeit und im Zusammenhang mit Änderungen der Umwelt erfolgt waren. Aber welcher Mechanismus steckte hinter diesem Prozess?

Wallace erinnerte sich an eine Abhandlung des Philosophen Thomas Malthus, wonach Jahr für Jahr viel mehr Menschen zur Welt kommen als letztlich überleben. Wallace berichtet in seinen Memoiren von seinem Gedankengang: dass auch Tiere mehr Nachkommen produzieren als überleben. Eigentlich war klar, wer umkam: Wer keine Widerstandskraft hatte, wer Feinden nicht entkommen konnte, die Schwächeren – die würden nicht bestehen. Plötzlich schoss es Wallace durch den Kopf: Wenn immer die Besten überleben, und das Generation für Generation, würde die ganze Art beständig verbessert. Jedes Teil eines Tiers würde so verändert werden, wie es die Umstände erforderten. Als am Abend seine Fieberattacke nachließ, schrieb er seine Gedanken nieder. Er wollte sie mit der nächsten Post an Darwin senden. Titel: On the Tendency of Varieties to depart indefinitely from the Original Type. Wallace hatte keine Ahnung, dass Darwin zu exakt derselben Lösung gekommen war.

Darwin steckte Anfang 1858 mitten in der Zusammenstellung seines Werkes zur Entstehung der Arten. Das Jahr hatte für ihn nicht gut begonnen. Häufige Krankheiten im Hause erstickten seine Lebensfreude, auch er selbst war ständig krank. »Ich habe jetzt sechs Jungen und zwei Mädchen, und es mindert mein Glück erheblich, dass sie nicht sehr robust sind. Manche scheinen meine verhasste Konstitution geerbt zu haben.«

Ein Kind stirbt, Darwin ist wie versteinert und muss doch eine Entscheidung treffen

Anfang Juni konnte er sich wegen eines Geschwürs kaum fortbewegen, aber das war vergleichsweise belanglos: In Downe, Darwins Heimatort, herrschte eine Scharlachepidemie, ein Kind war gestorben. Kleinkinder waren besonders bedroht, und bei den Darwins war der kleine Charles Waring gerade eineinhalb Jahre alt. Am 26. Juni waren im Dorf drei Kinder tot.

Wenige Tage zuvor, am 18. Juni, erhielt Darwin den besagten Artikel von Wallace. Offenbar hatte dieser sich gescheut, den Brief direkt an den großen Charles Lyell zu schicken. Darwin las und war wie versteinert. Die Arbeit enthielt genau seine Theorie. So tat er, worum Wallace ihn ersucht hatte: Er schickte den Artikel an Lyell weiter. Seine Gefühle müssen ihn zerrissen haben: Am selben Tag litt seine Tochter Henrietta plötzlich unter furchtbaren Schmerzen und konnte nicht sprechen. Diphtherie? Ein paar Tage darauf fieberte der kleine Charles Waring. Das war noch beängstigender. Darwin muss in Panik verfallen sein; hatte er doch wenige Jahre zuvor seine liebste Tochter Annie verloren.

Dennoch ließ ihn das Manuskript von Wallace nicht los. Lyell hatte sich nicht gemeldet. Am 25. Juni schickte er einen zweiten Brief an Lyell, spürbar unglücklich: »Ich würde nun äußerst gern eine Skizze meiner Ansichten veröffentlichen. Aber ich kann mich nicht davon überzeugen, dass ich dies ehrenhafterweise tun kann. Ich würde lieber mein ganzes Buch verbrennen, als dass er oder sonst jemand denken sollte, ich hätte in niederer Gesinnung gehandelt. Meinen Sie nicht, dass meine Hände gebunden sind, da er mir seine Skizze geschickt hat? Ich glaube in keiner Weise, dass er seine Ansichten aus irgendetwas entwickelt hat, was ich ihm geschrieben habe. Übrigens, würden Sie etwas dagegen haben, dies und Ihre Antwort an Hooker zu schicken, dann hätte ich die Meinung meiner besten und zuvorkommendsten Freunde. Und ich bin vom Grübeln völlig ausgezehrt.«

Darwin fand keine Ruhe. Wäre es nicht doch gerechtfertigt, gerade weil Wallace mit seinen Gedanken an ihn herangetreten war, die eigenen Ideen der wissenschaftlichen Gemeinschaft vorzustellen? Andererseits hatte er doch erst mit einem umfassenden Werk an die Öffentlichkeit treten wollen. Am Tag darauf, am 26. Juni, verdeutlichte er in einem neuerlichen Brief an Lyell die Lage noch einmal: »Vergeben Sie mir, dass ich hinzufüge, dass Sie den Fall so stark gegen mich wie möglich beurteilen mögen. Wallace könnte sagen: ›Sie hatten nicht vor, eine Zusammenfassung Ihrer Ansichten zu veröffentlichen, bis Sie meine Mitteilung bekommen haben, ist es also fair, einen Vorteil daraus zu ziehen, dass ich Ihnen freimütig meine Gedanken mitgeteilt habe und dass Sie es so verhindert haben, dass ich Ihnen zuvorkomme?‹«

Der Zustand des kleinen Charles Waring verschlechterte sich. Am 27. war es gewiss, dass er Scharlach hatte. Am nächsten Abend war auch das Kind der Darwins gestorben. Darwin teilte den Tod seines Söhnchens am Tag darauf dem Botaniker Joseph Hooker und dessen Frau mit. »Sie können sich vorstellen, wie furchtbar wir uns fühlten.« Der Schrecken in Downe war nicht zu Ende, bald starb noch ein fünftes Kind in dem kleinen Dorf.

Hooker und Lyell hatten Darwin inzwischen einen klaren Rat erteilt: Darwin solle sofort einen Auszug aus seinem Manuskript anfertigen; dies solle zusammen mit dem Manuskript von Wallace publiziert werden, damit würde beiden Autoren Gerechtigkeit widerfahren. Hooker bat Darwin um die entsprechenden Unterlagen.

Darwin dürfte wie in Trance reagiert haben. Er schickte ihm Wallace’ Artikel, dazu eine Zusammenfassung seiner eigenen Gedanken sowie ein über zehn Jahre altes ausführliches Manuskript. Es sei ohnehin alles zu spät, schrieb er in seinem Begleitbrief vom Abend jenes 29. Juni. »Es ist mir alles fast egal. Es ist jämmerlich von meiner Seite, mir überhaupt Gedanken um die Priorität zu machen. Gott segne Sie, mein lieber guter Freund.« Selten wurden so kraftlos geschriebene Briefe großer Wissenschaftler öffentlich bekannt.

Noch am selben Abend wird Hooker Darwins Antwort in der Hand gehabt haben. Am nächsten Tag müssen Lyell und Hooker wie besessen gearbeitet haben, noch am 30. Juni sandten sie die Manuskripte mit einer gemeinsamen Erklärung an die Linnésche Gesellschaft.

»My Dear Sir«, schrieben sie, »die beiliegenden Artikel, die sich auf dasselbe Thema beziehen, nämlich die Gesetze, die die Herkunft von Varietäten, Rassen und Arten beeinflussen, enthalten die Ergebnisse der Untersuchungen zweier unermüdlicher Naturkundler, Mr. Charles Darwin und Mr. Alfred Wallace.« Diese hätten unabhängig voneinander dieselbe geniale Theorie über die Entstehung von Varietäten und Arten entwickelt, und es erscheine ihnen am besten, sie der Linnéschen Gesellschaft vorzulegen.

Am 1. Juli 1858 wurden die Beiträge vor der Linnéschen Gesellschaft verlesen und einige Wochen später gedruckt. Überstürzt wurde in die Öffentlichkeit getragen, was Weltbild und Selbstverständnis des Menschen für immer verändern sollte.

Darwin schrieb, der Mensch züchte durch die Vermehrung bestimmter Varianten Lebewesen nach seinen Vorstellungen. Diese Selektion sei die Hauptursache der Entwicklung unserer Haustierrassen. Auch in der Natur gebe es bei allen Arten Variation, und sie betreffe alle Körperteile. »Natürliche Selektion« begünstige aus der Fülle von Nachkommen einige wenige, die sich fortpflanzen. Das sei aus einem leicht einsehbaren Grund möglich: Die Zahl produzierter Nachkommen übertreffe die Zahl derer, die überleben. Da die Menge der Ressourcen konstant bleibe, sei ein erheblicher Zuwachs unmöglich. Die Begrenzung der Individuenzahl werde bestimmt durch die Auseinandersetzung mit anderen Arten, mit der Umwelt, mit Individuen aus der eigenen Art, und das in jedem Lebensstadium. Individuen mit einer vorteilhaften Eigenschaft in Körperbau, Verhalten oder ihren Instinkten hätten eine bessere Chance, diese Eigenschaften an Nachkommen weiterzugeben. Jene Nachkommen, die diese Eigenschaften geerbt haben, hätten dann wiederum bessere Chancen. Damit können sich diese Veränderungen häufen, und die Arten verändern sich.

Diese Selektion ist das Neue an den Gedankengängen. In Wallace’ Artikel findet sich der Begriff »Selektion« nicht, doch seine Ausführungen waren ähnlich: »Das Leben der wilden Tiere ist ein ständiges Ringen um die Existenz.« Nun könne sich die Gesamtzahl der Tiere auf der Erde nicht ändern: Eine einfache Rechnung zeige, dass jedes Vogelpaar nach 15 Jahren nahezu 10 Millionen Nachkommen haben müsste. Also müsse eine immense Zahl an Vögeln umkommen, und das würden die Schwächsten sein und jene, die weniger perfekt organisiert seien. Wenn nun eine Art eine Varietät hervorbringt, die für die Existenz der Art von Vorteil ist, dann werde diese Varietät im Laufe der Zeit häufiger, und sie könnte selbst neue Varietäten hervorbringen, die die alten ersetzen. Damit »haben wir Fortschritt und ständige Divergenz.« Auch den Bezug zu den Haustieren stellte Wallace her: Bei ihnen könnten Änderungen gezüchtet werden, die dem Tier in natürlicher Umgebung keinen Vorteil bringen würden.

Hooker informierte Wallace umgehend davon, wie sie gehandelt hatten. Der Brief erreichte Wallace am 6. Oktober in Ternate. Wallace war hocherfreut. »Ich kann mich nur als einen begünstigten Teil in dieser Angelegenheit betrachten«, antwortete er am selben Tag. »Es hätte mir großen Schmerz bereitet und mein Bedauern ausgelöst, hätte Mr. Darwins Ausmaß an Großzügigkeit ihn dazu geführt, meinen Artikel ohne seine eigenen und viel früheren und ohne Zweifel viel vollständigeren Ansichten zu demselben Thema zu veröffentlichen.«

Auch Darwin hatte nicht gewusst, wie Lyell, Hooker und die Linnésche Gesellschaft verfahren würden. Er hatte geglaubt, seine Zusammenfassung der Selektionstheorie würde als Anhang zu Wallace’ Aufsatz erscheinen. In der Einleitung zu seiner Entstehung der Arten würdigte Darwin Wallace’ »exzellente Abhandlung« als Hauptgrund für die Herausgabe seines Buches.

Nahezu vier Jahre später, am 1. April 1862, kehrte Wallace zurück nach England. Er hatte Zehntausende verschiedener Arten von Vögeln, Schmetterlingen und Schnecken, Tausendfüßern und Käfern, Ameisen, Asseln und Amphibien gesammelt – Arbeit für Jahrzehnte. Einer seiner ersten Besuche galt Charles Darwin.

Erst drei Jahre nach dessen Tod 1882 erfuhr Wallace, welchen Kummer er Darwin mit seinem Aufsatz bereitet hatte: Ende 1885 erhielt er von Darwins Sohn Francis ein Exemplar der von ihm herausgegebenen Briefe Charles Darwins. Darin war auch die Korrespondenz mit Lyell abgedruckt.

Am Ende überbieten sich die beiden Forscher in gegenseitiger Hochachtung

Die Betroffenen selbst waren mit dem Arrangement sehr zufrieden. Wallace urteilte in einem Brief an Darwin: »Was die Theorie der natürlichen Selektion anbetrifft, so werde ich stets behaupten, dass es sich um Ihre Lehre handelt, und zwar ausschließlich um die Ihrige. Sie haben diese Theorie in Einzelheiten ausgearbeitet, an die ich nie dachte, und meine Arbeit hätte nie jemanden überzeugt und wäre höchstens als geistreiche Spekulation aufgefasst worden. Ihr Buch dagegen revolutioniert die Wissenschaft.« Aber eines hielt sich Wallace zugute: Ohne ihn hätte Darwin sein Werk noch lange nicht publiziert, und er hätte es nicht so straff und gut lesbar abgefasst.

Es wurde mancher Unsinn über diese Geschichte geschrieben: Etwa Darwin habe Wallace’ Brief 14 Tage früher erhalten und dessen Weiterleitung an Lyell verzögert. Dann sei zu fragen, ob Darwin in den zwei Wochen seine Theorien noch schnell ausgefeilt habe? Weiterhin hätten Lyell und Hooker dafür gesorgt, dass Darwins Artikel zuerst verlesen und publiziert wurde. So zog der Journalist Arnold Brackman das Fazit: »…indem er seine Priorität gesichert hatte, hatte Darwin Unsterblichkeit gewonnen und Wallace zu einer vorübergehenden Erscheinung in der Geschichte reduziert.« Tatsächlich aber gehört Wallace zu den großen Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts.

Immer betrachtete Darwin die Selektion als eine Entdeckung sowohl von Wallace als auch ihm selbst. 1880 schrieb er an das angesehene Wissenschaftsmagazin Nature: »Leider muss ich feststellen, dass Sir Wyville Thomson das Prinzip der Natürlichen Selektion, wie es von Mr. Wallace und mir erläutert worden ist, nicht versteht.«

Allerdings nahm 1858 kaum jemand von der bahnbrechenden Entdeckung Notiz. Das einzige publizierte Urteil zu seiner und Wallace’ Veröffentlichung, erinnerte sich Darwin später, lautete: Alles, was in den Artikeln neu ist, sei falsch, und das, was daran richtig ist, sei alt. Und Anfang 1859 zog der Präsident der Linnean Society für das abgelaufene Jahr das Fazit, es sei nicht charakterisiert durch eine jener Entdeckungen, die auf einen Schlag einen Teil der Wissenschaften revolutionieren.

* Die Zitate sind teilweise verkürzt wiedergegeben

 
Leser-Kommentare
    • Colon
    • 27.10.2008 um 17:51 Uhr

    Glückwunsch. Ein wunderbar lesbarer Artikel zu Darwin und Wallace, der belegt, wie sehr es in der Wissenschaft auch auf das Glück, den richtigen Zeitpunkt und das menschliche Wohlwollen der jeweiligen Konkurrenten ankommt. Zwei Gentleman, die es sich zur Ehre gereichen lassen, immer auf den anderen hinzuweisen. Besser kann es nicht sein.

    Gegenbeispiel: Die betrüblichen Grabenkämpfe um die Entdeckung der menschlichen Retroviren und der Patentierung der ersten Tests dazu, zwischen Robert Gallo und Luc Montaignier. Montaignier erhielt nun den Nobelpreis und teilte ihn sich nicht mit seinem Konkurrenten. Paradox, dass die beiden im Vorfeld "Kulturen" (Viren in Nährlösung) tauschten, so wie Darwin und Wallace in Briefen ihre Epoche machenden Ideen.

    Gut, es ging um viel Geld und vor allem um Patente die Geld bringen. Da versteht heute keiner mehr leicht den Altruismus der Vorväter.

    Grüße

    Christoph Leusch

    PS: Ein Lob auch, an die konstant gute Grafik bei ZEIT/ZEIT-Online.
    Sie haben einen wesentlichen Anteil, dass es auch eine Augenfreude ist, hier genau hin schauen.

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  • Quelle DIE ZEIT, 23.10.2008 Nr. 44
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  • Schlagworte Charles Darwin | Evolution | Großbritannien | Bali | London | Wissenschaft | Brasilien
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