Dem Schnupfenpatienten kann es dieser Tage leicht passieren, dass er mit einem Rezept für ein bestimmtes Antibiotikum in die Apotheke hineingeht und mit einem anderen Antibiotikum wieder herauskommt. Der Grund: die Krankenkassen haben angefangen, mit der Pharmaindustrie über Preise zu verhandeln. Und seither bezahlen sie – wenn es Alternativen gibt – nur noch die Mittel, für die sie einen Rabattvertrag abgeschlossen haben. Schnupfenkranke mögen das verschmerzen. Für alte Patienten jedoch sei es ein Problem, schimpft die Apothekerin Brigitte Maas-Zimmermann aus Stuttgart, wenn ihr Herzmittel plötzlich anders heißt und die Schmerzpillen anders aussehen. »Es hat viel Verwirrung gegeben durch die Rabatte«, sagt sie. »Die Arzneisicherheit ist in Gefahr.«

Die Krankenkassen sehen auch Risiken – allerdings vor allem für ihr Budget. Fast 28 Milliarden Euro haben sie im vergangenen Jahr für Pillen, Pülverchen und Pasten ausgegeben. Nach den Kliniken stellen Medikamente den zweitgrößten Kostenblock im deutschen Gesundheitswesen dar – vor allem aber den mit der größten Dynamik. Seit vielen Jahren wachsen die Arzneiausgaben allen Gegenmaßnahmen zum Trotz schneller als der Rest der Gesundheitsausgaben. Im Jahr 2007 legten die Arzneiausgaben um 6,7 Prozent zu. In den ersten acht Monaten dieses Jahres – also noch vor der aktuell anbrechenden Erkältungssaison – betrug der Zuwachs fünf Prozent. Und, wie um eins draufzusetzen, ließ der Verband Forschender Arzneihersteller gerade ausrechnen, dass für das kommende Jahr ein Plus von 8,1 Prozent zu erwarten sei. Mit Rabattverträgen sollten die Krankenkassen diesen Trend brechen. Aber nach einem Jahr ist offen, ob ihr Erfolg die Verunsicherung der Patienten aufwiegen wird.

Von 83 Wirkstoffen schafften es gerade mal 22 in die Rabattrunde

Wenn man Christopher Hermann mit den aktuellen Zahlen konfrontiert, versteinert sein Gesicht. Hermann ist Vizechef der AOK in Baden-Württemberg, und die AOK ist nicht nur die Kasse mit den meisten Versicherten. Unter ihren Mitgliedern gibt es besonders viele Arbeitslose, Arme und Alte – Menschen, die wenig Beitrag zahlen und trotzdem häufig Medikamente brauchen. Als die Gesundheitsreform im Jahr 2007 die Möglichkeit schuf, mit Herstellern einen Rabatt auszuhandeln, gehörte die AOK zu den ersten Kassen, die es taten. Die Gespräche führte Hermann, und keiner hatte ehrgeizigere Ziele als er: Insgesamt eine Milliarde Euro wollte er sparen in den Jahren 2008 und 2009.

Doch das war reichlich optimistisch. »Letztlich dürften es wohl nur 125 Millionen Euro werden«, sagt der Kassenmanager fast tonlos. Und dann beginnt er aufzuzählen, wie viele Instanzen der Streit um die Rabatte durchlief: Von Vergabekammern über Sozialgerichte und das Bundesverfassungsgericht bis hin zum Europäischen Gerichtshof. Stets ging es um juristische Details der Ausschreibung. Das Ergebnis: von den 83 Wirkstoffen, über deren Preise die AOK verhandeln wollte, waren am Ende nur 22 Gegenstand der Rabattrunde. »Den Rest hat uns die Industrie kaputt geschossen«, sagt Hermann bitter.

Aber er gibt nicht auf.

Gerade hat er eine neue Ausschreibung gestartet: 64 Substanzen. Sie sollen die fehlenden Millionen hereinholen. Bis zum 3. November dürfen die Arzneihersteller Angebote abgeben. Und deshalb wird im vierten Stock des AOK-Gebäudes auch umgebaut. Büros werden in begehbare Aktenschränke verwandelt, obwohl erst zwölf Meter Akten und vier Meter Anwaltsunterlagen zum Thema Rabatt angefallen sind. Man bereitet sich auf einen noch viel größeren Papierkrieg vor. Oder, wie Hermann es ausdrückt: »Eine große Kasse muss einfach zeigen, dass sie Player ist und nicht nur Geldgeber der Pharmaindustrie.«