Polen: "Zyniker!" – "Pyromane!"

Der amerikanische Niedergang, so könnte man vermuten, müsste Polen besonders hart treffen – keinem Land stehen die Polen politisch und ideell so nahe wie den USA. Aber ausgerechnet im ehemaligen Ostblockland, das Anfang der neunziger Jahre einen radikalen kapitalistischen Weg ging, der viele Verlierer zurückließ, zweifelt kaum jemand an der Legitimität des herrschenden Systems. Im Gegenteil. In diesen Tagen wünschen die Polen einen Mann herbei, der wie kaum ein anderer Marktfreiheit und Deregulierung verkörpert: den ehemaligen Finanzminister und Notenbankchef Leszek Balcerowicz. Er hatte nach dem Zusammenbruch des Sozialismus Polen einen radikalen marktliberalen Kurs verordnet. Dafür wurde er von vielen gehasst. Nun schaffte er es bei der Frage, welchen Premier Polen in schweren Zeiten brauchte, auf Platz drei.

Polen hat seine ganz eigene Krise: den Streit zwischen dem Präsidenten Lech Kaczyński und dem Premier Donald Tusk. Präsident und Premier lassen keine Chance aus, einander zu demütigen. Und über die Finanzkrise wird nur geredet, um sie politisch auszuschlachten. Ein Streitgespräch zwischen Regierungspartei und Opposition in einer Zeitung liest sich etwa so: "Eure Versuche, eine große Krise herbeizureden, sind zynisch." – "Ihr habt das große Wirtschaftswunder versprochen, und nun kommt stattdessen die Krise." – "Die Opposition verhält sich wie ein Pyromane, der mit Kanister, Benzin und Streichhölzern herumrennt." – "Noch vor einigen Wochen hast du unsere Partei mit Shrek verglichen."

So viel Ignoranz kann sich erlauben, wer die Krise noch nicht spürt. Polens Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um über sechs Prozent gewachsen, die Situation polnischer Banken ist derzeit stabil, die Ersparnisse sind gesichert. Einzig der Index der Warschauer Börse, der WIG 20, stürzte auf den tiefsten Stand seit vier Jahren. Schuld daran sind die Nachbarn. Ungarn bat kürzlich den Internationalen Währungsfonds um Hilfe, in der Ukraine haben die Banken Liquiditätsprobleme. Auslandsinvestoren fürchten, dass die gesamte Region betroffen sein könnte, und ziehen sich deshalb auch aus Polen zurück.

Doch Optimisten prognostizieren für das kommende Jahr immer noch ein Wachstum von fast fünf Prozent. Die Krise? Ach ja. Hoffentlich vertragen sich der Präsident und der Premier bald wieder. Alice Bota