Flash Gordon nennen sie ihn, die britischen Medien: den Superhelden. Er habe das globale Finanzsystem vor dem Kollaps bewahrt. Gemeint ist der britische Premierminister Gordon Brown. Und auf den ersten Blick gibt es tatsächlich eine Parallele zwischen ihm und Flash Gordon, jenem Comichelden, der seit den dreißiger Jahren Abenteuer in fernen Sonnensystemen besteht. Gordon, der Premierminister, hat vor zwei Wochen einen Rettungsplan für das britische Finanzsystem vorgestellt, aus dem die Vorlage für eine Stabilisierung der Märkte überall auf der Welt wurde.

Brown selbst würde nicht so weit gehen, sich als Held zu betrachten. Denn er weiß, wer den Rettungsplan wirklich entworfen hat: seine beiden Staatssekretäre Paul Myners und Shriti Vadera. Beide sind keine Berufspolitiker, sondern professionelle Finanzkapitalisten. Sie kennen die City of London, das Zentrum der Finanzwirtschaft, von innen. Der eine hat praktisch sein ganzes Berufsleben dort verbracht, die andere hat sich mit Verstaatlichung und Privatisierung einen Namen gemacht.

Myners gehört der Regierung erst seit einigen Wochen an und wurde vor ein paar Tagen auf Geheiß von Gordon Brown offiziell zum Lord geadelt und mit einem Sitz im Oberhaus bedacht. Er ist im Rang eines Staatssekretärs für die City zuständig. Dort hat der 60-Jährige zuvor rund 30 Jahre zugebracht und mehr Geld verdient als die meisten anderen. "Ich habe immer den starken Willen gehabt, das Beste zu erreichen", sagt er. Aus einfachen Verhältnissen auf dem Land kam er zum Lehrerstudium nach London und stellte bald fest, dass die Schule nichts für ihn war. Er wurde Wirtschaftsjournalist. Doch das gefiel ihm auch nicht, also heuerte er Mitte der siebziger Jahre bei der ehrwürdigen N.M. Rothschild Bank an und arbeitete sich nach oben. Elf Jahre später wechselte er zum Fondsanbieter Gartmore und führte dort bald den Vorstand. Nebenbei beriet er die Zentralbank und saß bis vor Kurzem in diversen Aufsichtsräten, unter anderem bei der Bank of New York und beim Staatsfonds von Singapur. Für seinen neuen Job hat er diese Posten niedergelegt, was ihm bei einem Vermögen von rund 30 Millionen Pfund nicht weiter schwergefallen sein dürfte.

Genauso in der City verwurzelt, aber ideologisch näher an der britischen Labour-Partei ist Shriti Vadera. Sie wuchs auf einer Teeplantage ihrer Eltern in Uganda auf. Als sich Idi Amin 1971 an die Macht putschte, floh die indische Familie nach England. Vadera studierte in Oxford und arbeitete dann 14 Jahre lang bei der Investmentbank UBS Warburg, wo sie sich mit einer berüchtigten Detailversessenheit in große Deals wie die Teilprivatisierung der südafrikanischen Telekom stürzte.

Die Leidenschaft für Afrikas Zukunft teilt Shriti Vadera mit Gordon Brown, der sie 1999 in seinen Beraterstab berief. Seither hat sie sich mehr Feinde gemacht als Freunde. Obwohl sie bei der gescheiterten Teilverstaatlichung des Eisenbahnnetzes und der Teilprivatisierung der Londoner U-Bahn mitgearbeitet hat, stellt niemand ihre Fähigkeiten infrage. Vadera hat allerdings ein Imageproblem. Sie gilt als der Drache von Westminster. "Tyrannisch, ungehobelt, unverschämt, besserwisserisch – die Liste der unfreundlichen Beschreibungen von Shriti ist lang", sagt ein Beamter, der mit ihr zusammengearbeitet hat. Aber Gordon Brown steht hinter ihr. Vor einem Jahr installierte er sie im Oberhaus, anfangs als Staatssekretärin im Entwicklungshilfe- und seit Oktober im Wirtschaftsministerium.

Als im September die Verwerfungen im Finanzsystem immer bedrohlicher wurden, sannen Myners und Shriti längst über einen Rettungsplan nach. Als Vorbild diente ihnen das Modell einer Rekapitalisierung der Banken, das Anfang der neunziger Jahre in Schweden erfolgreich angewandt worden war. "Diese Idee geisterte schon länger durch Whitehall", erzählt ein Beamter aus dem Schatzkanzleramt. "Und als der Baufinanzierer Bradford & Bingley dann Ende September nur durch Verstaatlichung vor dem Untergang gerettet werden konnte, entstanden bereits erste Vorlagen."

Dass der Plan über Nacht vorgelegt werden musste, wurde erst am Montag, dem 7. Oktober, im Laufe des Tages klar. Die britische Börse erlebte binnen weniger Stunden den schwersten Kurssturz seit 30 Jahren. 93 Milliarden Pfund wurden vernichtet. Besonders hart traf es die Bankenwerte. Der Kurs der Royal Bank of Scotland sank zeitweise um 40 Prozent. Noch schlimmer war die Neuigkeit aus Island, dass 300000 britische Kunden nicht mehr an ihre Guthaben bei der Internetbank Icesave herankamen, denn die war gerade zusammengebrochen.