Einen Augenblick scheint das Entsetzlichste abwendbar, scheint das nackte Leben noch zu retten, der Feind zu überlisten und der Krieg nicht verloren. Deutsche Frau schlägt Roter Armee eine Gittertür vor der Nase zu. Mit zitternden Händen klappt sie den eisernen Riegel herum, und ehe der Soldat begreift, dass er in der Falle sitzt, im hintersten Keller anderthalb Stockwerke unter der Stadt, rennt die Frau schon durch den dunklen Gang, verfolgt von russischen Flüchen, getrieben von Endsiegpanik. Nina Hoss als namenlose Heldin keucht durch den Angstmief, der sich während der Bombenalarme eingenistet hat. Klappert kaputte Stufen hinauf ins Helle – und findet sich in einem Hof voll Soldaten wieder, die zwischen den Trümmern fläzen, als warteten sie nur auf sie.

Die Kamera hält den Moment fest, als die Frau über ihren sinnlosen Mut erschrickt. Es gibt ja in den sowjetisch besetzten Straßen Berlins im Frühjahr 1945 kein Draußen, wohin man vor Vergewaltigern fliehen könnte. Der Augenblick des Selbstbetrugs verfliegt rasch, doch diesen einen hat der Regisseur Max Färberböck nicht nur aus Gründen der Spannungsdramaturgie sorgfältig inszeniert, sondern um der Psychologie der Opfer gerecht zu werden.

Historiker haben von einem wiederkehrenden Verdrängungsmuster berichtet: dass viele Zeitzeuginnen, wenn sie Massenvergewaltigungen beschrieben, zwar brutale Details preisgaben, aber gleichzeitig darauf bestanden, nicht persönlich betroffen gewesen zu sein. Es geschah »nur« der Schwester, der Freundin, der Tante. Man selbst hatte sich versteckt oder war weggelaufen, wurde von einem Offizier beschützt oder blieb wegen eines Kleinkindes unbehelligt. Diese gnädigen Überlebenslügen werden in Färberböcks Anonyma. Eine Frau in Berlin noch einmal von ihrem Ursprung her zitiert, als verzweifelte Hoffnung schutzloser Zivilistinnen. Der Film ist in einer langen Reihe aktueller Geschichtsdramen über deutsche Weltkriegsopfer der erste, der nicht scheinheilig behauptet, ein politisch verordnetes Schweigen brechen zu wollen, sondern möglichst unideologisch zeigt, was war und warum daraus ein privater Schweigepakt entstand – zwischen deutschen Männern, die nicht fragten: Was ist dir passiert?, und deutschen Frauen, die nicht fragten: Was hast du im Krieg getan?

Die erste Attacke ereilt die Hauptfigur aus dem Hinterhalt des Kellerdunkels. Ein plötzliches Zupacken am Arm, ein blitzartiges Beiseitezerren, ein hartes Zubodenstoßen, ein Körpergemenge. Aussichtslos ist die in alle Richtungen zielende Gegenwehr der jungen Frau. Geräusch ihrer zerreißenden Sachen. Ihres auf Steine schlagenden Kopfes. Schließlich der wütende Versuch des Vergewaltigers, die wie eine kaputte Puppe unter ihm liegende Frau im Moment seines Orgasmus zu umarmen. Sekundenschnell und ohne Schaulust erzählt der Regisseur das intimste aller Kriegsverbrechen. Wenn es vorüber ist, beginnt es von vorn. Immer die spöttischen Pfiffe der Soldaten: »Hallo, Frau Gitler!«, oder: »Krassawitza, meine Schöne, wo rennst du hin?« Die Dramaturgie folgt der inneren Bewegung der Frauen, doch die Kamera behält eine distanzierte Beobachterperspektive bei: auf deutsche Kriegsverlierer, die in der Not keineswegs eine Schicksalgemeinschaft bilden, sondern einander ausliefern und beistehen in unberechenbarem Wechsel; auf sowjetische Kriegsgewinner, die nichts mehr gewinnen können nach dem blutigen Marsch gen Westen, mit 26 Millionen toten Landsleuten im Rücken. Am erträglichsten ist ihnen die Hauptstadt der Feinde noch im Gewaltrausch.

»In den nächsten Tagen wurde unser Haus gestürmt, Tag und Nacht. Eine Frau hat sich erhängt, eine wurde erschossen, geschont wurde keine«, sagt aus dem Off die Stimme der Erzählerin. Sie formt die Gedanken der Frauen zu lakonischen Kommentaren ihrer ausweglosen Lage, die die Weltlage ist – nach der Entzauberung der letzten Wunderwaffenmärchen und kurz vorm Abtreten des Führers. »Wo sind sie denn jetzt, unsere Retter? Die großen Armeen?« Dass der Film den Ton seiner Textvorlage trifft, ist vielleicht Färberböcks größte Leistung. Als Anonyma hatte eine Berliner Journalistin zwischen dem 20. April und dem 22. Juni 1945 Tagebuch geführt; obwohl sie ahnte, dass die Wahrheit demnächst schon unerwünscht sein würde. »Wir Frauen werden schön den Mund halten müssen, sonst mag uns hinterher kein Mann mehr. Armes Deutschland!« In der Tat. Als Anonymas Aufzeichnungen 1959 erstmals in Originalsprache erschienen, schmähte man das Buch als »Schande für die deutsche Frau«. Das war kein Wunder, denn die Selbstviktimisierung der Nation war weit fortgeschritten, und das eigene Nachkriegsleid hatte im kollektiven Bewusstsein den Charakter einer Buße angenommen. Leid wurde politisiert, Schuld zähneknirschend eingestanden, aber eine aggressive Trauer, die über Selbstmitleid hinausging, galt als deplatziert.

Anonyma erinnerte die Erlebnisgeneration an jene Zeit der Demütigung, als man auf Gesicht und Arme von Toten stieg, um ein Glas Marmelade zu ergattern; als Frauen einander mit der Frage begrüßten: »Wie oft?«; als man sich unterwarf, um einen Rest Würde zu retten. So hat die historische Anonyma sich als Schutz gegen die Russenhorde einen Offizier ins Haus geholt. Nina Hoss spielt die Eroberung fast ohne Erotik, als Angriff in Demut, als letztes Gefecht unter erschöpften Gegnern und paradoxen Endkampf in frühlingshafter Trümmerlandschaft. Zitternd, aber aufrecht tritt sie vor den Kommandeur, um ihn an seine Pflicht zu erinnern, zu helfen. Blass erträgt sie die Gegenfrage: »Wem? Meinen Leuten oder Ihren?« Das Schutzbündnis kommt schließlich zustande, weil sie seinen Respekt erwirbt und er ihren.

Der Skandal an der Frau in Berlin war ja auch, dass die Täter nicht nur als viehisches Raubgesindel, sondern als sehr verschiedene Charaktere auftraten. Färberböck macht sich diese moralische Stärke zu eigen, indem er alles Menschenmögliche in der Hölle von Berlin versammelt. Langsam fährt die Kamera über den schuttgrauen Platz, wo die Rotarmisten lagern, nimmt sich Zeit für ihre Gesichter. Später wird man sehen, wer unter den Vergewaltigern der Lüsterne, Sadistische, Sentimentale ist. Und wer kein Vergewaltiger ist. Der Regisseur hat russische Schauspieler für die Soldatenrollen gecastet und ihnen ihre Sprache gelassen. Die erste Fassung des Drehbuchs schrieb Färberböck aus Sicht der Sieger, um sich »nicht gleich mit der deutschen Opferperspektive zu identifizieren«. Zu den stärksten Szenen gehört eine Siegesfeier am Abend der Kapitulation, als Vergewaltigungsopfer und Vergewaltiger miteinander tanzen. Herrlich spielt Irm Hermann als feine Witwe den Durchhaltezynismus und den Landserhumor jener deutschen Frauen, die damals einen eigenen Jargon prägten mit Ausdrücken wie »Essen anschlafen« oder »Majorszucker«.