Russland: Häme für die Oligarchen

Die globale Finanzkrise hat für schadenfrohe Russen eine erfreuliche Folge: Der Börsensturz trifft in ihren Augen vor allem die Oligarchen. Tatsächlich haben die 25 reichsten Russen in den vergangenen fünf Monaten fast zwei Drittel ihres Besitzes verloren. Doch die Krise dringt fühlbar auch in die Realwirtschaft vor. Es gibt noch keine Massenentlassungen, aber Gehaltskürzungen und Kurzarbeit. Nachdem am Wochenende Gerüchte über eine bevorstehende Entwertung des Rubels aufkamen, tauschten viele Menschen panikartig ihr Geld in Dollar um.

In Meinungsumfragen zeigt sich die Mehrheit der Bevölkerung weiterhin unbeeindruckt: 14 Prozent der Russen geben an, nichts von der Krise gehört zu haben, und 42 Prozent halten sie für eine vorübergehende Erscheinung. Zur russischen Seelenruhe trägt der Umstand bei, dass nur jeder Dritte ein Sparbuch oder Gehaltskonto und weniger als zwei Prozent Pfandbriefe oder Aktien besitzen. Zudem zeigen die Hauptfernsehkanäle die globale Krise als einen Sturm auf den westlichen Finanzmärkten, der nur noch als Lüftchen Russlands Börsen und Banken erreiche.

Russlands Führung versucht nicht nur, die Bevölkerung ruhig zu halten. Sie nutzt die Chance, sich im Gegensatz zu den USA, auf deren "Egoismus" (Medwedjew) die westliche Krise zurückgehe, als verantwortungsbewusste Weltmacht zu präsentieren und dabei die internationale Isolierung nach dem Georgienkrieg abzustreifen. Zwar dürfte der Vier-Milliarden-Euro-Kredit an das Nato-Mitglied Island letztlich zum prestigefördernden Nachrichtenscoop schrumpfen. Aber Russland verweist zusätzlich auf seine großzügige Kredithilfe an China, Indien, Kuba und Weißrussland.

Dabei ist Russland keineswegs die "Insel der Stabilität", die Minister Kudrin noch im Februar beschwor. Die Zentralbank muss Milliarden Dollar in den Markt pumpen, um den Rubel zu stabilisieren. Innerhalb von drei Monaten sind ihre Reserven um gut 60 Milliarden Dollar gesunken. Bereits vier von Russlands 50 größten Banken mussten durch Staatsgelder gerettet werden. Nennenswerte Opposition erwächst daraus nicht. Systemdiskussionen beschränken sich auf elitäre Zirkel und Küchengespräche wie einst in der Sowjetunion. Johannes Voswinkel