Muss ein Sammelband über die Neugier selber neugierig sein? Da würde er den Leserinnen auch Kuriositäten vordenken, über die sie selbst noch nicht nachgedacht haben, mangels Kompetenz, Zeit, Aufmerksamkeit. In der alltäglichen Präsenz der News, im videologischen Infotainment werden schließlich unsere lebensweltlichen Gewissheiten kaum erschüttert. Noch auf das allergrößte Horrorszenarium präsentiert uns die Gesprächsrunde die zivil-zuversichtliche Gegenmeinung.

Worauf sollte man da schon neugierig werden? Dass die Zeiten schwieriger werden, hat sich ja allmählich herumgesprochen. Also könnte uns eine Sammlung Neugier. Vom europäischen Denken in der Tat dazu anstiften, über den Tellerrand unserer Aktualitäten und Gewohnheiten zu blicken. Wer das neueste Sonderheft des olympischen Boten Merkur ersteht, erwartet sich von dieser Zeitschrift für europäisches Denken vielleicht neue Antworten auf ganz alte Fragen – oder vielleicht alte Argumente zu ganz neuen Fragen.

Welche Grenzen des aktuell Wissbaren lassen sich noch weiter hinausschieben? Im Großen wie im Kleinen, von den am Genfer Kernforschungszentrum Cern erwarteten Revolutionen im Standardmodell der Elementarphysik oder der Superstringtheorie – bis zu den schwarzen Löchern in den Datenkränzen der im Orbit oder auf chilenischen Berggipfeln sendenden intergalaktischen Teleskope.

Erwächst die Zivilisation wirklich aus dem Bier?

Von den Annahmen über die biologische Eindeutigkeit menschlicher Individuen bis zur genetischen Reparatur- und Konstruktionswerkstatt – oder aber zu neu erschlossenen Feldern hybrider Mischungen von Kulturanthropologie und Soziobiologie. Sind die einschlägigen Warnungen, die der hundertjährige Claude Levi-Strauss vor genau dreißig Jahren formulierte, eigentlich immer noch triftig? Liegen die Grenzen des Menschen in der Sprache (wie die Primatenforscher bestreiten), erwächst die Zivilisation aus dem Bier (wie der Flüssigkeitsökologe Josef H. Reichholf soeben belegen will), können wir mit Ralf Kurzweil durch Nanotechnologie unsterblich werden und was hätten wir davon? Vor drei Jahren bat John Brockmann eine Reihe von "führenden (Natur-)Wissenschaftlern der Welt", ihre Neugier auch über den Horizont der aktuell in ihrem Fach überprüfbaren Hypothesen hinaus zu extrapolieren; der Fischer Taschenbuch Verlag hat das spannende Bändchen jetzt übersetzt; und auch in der Suhrkamp Edition Unseld finden sich einige Ansätze zu produktiver Neugier, sogar zwischen Soft Power und Hard Science, von Geistes- und Naturwissenschaften.

Doch neugierig auf derartige Fragen war die Redaktion des Merkurs bei der Zusammenstellung ihrer 25 Essays gerade nicht. Allein fünf davon beschäftigen sich – solide und gut lesbar – mit der klassischen Antike und ihrer Renaissance. Nur Neues wird man hier kaum erfahren, eher eine gut alteuropäische Nachhilfestunde. Drei Philosophen (aber keine Wissenschaftsphilosophen) hat der Merkur zur Neugier gebeten – ist sie nun Tugend oder Laster? Sechs Sozialwissenschaftler (neun, wenn man die "Medienwissenschaftler" und den Ökonomen mitrechnet) sind von der Partie, vier Literaturwissenschaftler, drei Althistoriker oder Altphilologen – aber eben nur ein einziger Ethnologe.

Schließlich gibt es noch vier Journalisten: Die jüngsten dürfen pfiffige Feuilletons über das iPhone und die gebraucherfreundliche User-Philosophie der neuen posttelefonischen Kommunikationstechnologie schreiben: nett – aber nicht neu. Der Wirtschaftsredakteur weiß bereits, dass das Neue mindestens zweihundert Jahre alt ist: Gemeint ist natürlich das dezentrale und vermeintlich machtfreie Entscheidungsverfahren des Marktes, eine neuzeitliche Innovation, welche leider in Alteuropa in Misskredit geraten sei. Heute wird sie in Indien und China mit "zweihundert Jahren Verspätung" nachgeholt und imitiert. Nur risikofreudige Unternehmer wagen ja Investitionen in schöpferische Zerstörung (Schumpeter) – in neue Technologien, Produktpaletten und Anlagefelder. Doch in der Alten Welt, so schreibt der Kulturredakteur, sei ja das Risiko leider Gottes diskreditiert. Die Fixierung auf das "Glück" habe nämlich auf unserem wohlfahrtsstaatlich gezähmten und von Umweltängsten gebremsten Kontinent die Bereitschaft zum Neuen arg eingeschränkt. Da wird er "zukunftsneidisch" auf die Chinesen, die sich mit einem warmen Dai-Lang-Shian-Bier in der Hand auf dem Ausflugsschiff in den schlammig-verseuchten Fluten des Jangtse amüsieren: voll "beneidenswerter Gewißheit, daß das Neue für sie auch das Gute sein wird".