José Saramago Ach was, ich habe ein dickes Fell!Seite 4/4
ZEIT: Sie selbst wurden nach der Nelkenrevolution stellvertretender Chefredakteur des Diario de Noticias. Manche sagen, Sie waren ein kommunistischer Hardliner, der keine Widerworte duldete.
Saramago: Das ist eine Erfindung. Ich war kein Zensor, auch wenn meine rechten Gegner das gern verbreiten. Als ich beim Diario war, wollten einige Journalisten ein Manifest veröffentlichen. Die Entscheidung hing jedoch nicht von mir ab, sondern vom Redaktionsrat, den ich einberief. Der Rat entschied gegen das Manifest und hängte den Mitarbeitern ein Disziplinarverfahren an, nach dem sie entlassen wurden. Ich persönlich habe niemanden zensiert. Ende 1975 wurde ich schon wieder gefeuert.
ZEIT: Waren die Regierenden nach der Nelkenrevolution offen für Kritik? Oder scheiterte das neue System auch an seiner Selbstgefälligkeit?
Saramago: Es gab ja kein System, sondern die Portugiesen lagen ständig mit sich im Streit. Die Revolution 1974 war ein friedlicher Militärputsch, daraus entstand ein Revolutionsrat, der mehrheitlich von Vertretern des Zentrums und der Rechten bestimmt war. Außerdem bekämpften Militärs und Sozialisten einander. Im März 1975 gab es freie Wahlen, aus denen die sozialistische Partei um Mario Soares als Siegerin hervorging. Soares riet den Genossen, erst mal Marx zu studieren, damit sie wüssten, worauf es ankomme. Später hat er die Marktwirtschaft befürwortet, hat Sozialismus und Marxismus in eine Schublade geworfen. 2005 warf der sozialistische Präsident José Sócrates die Schublade auf den Müll. Die Agrarreform wurde übrigens von den Sozialisten gestoppt, wir Kommunisten versuchten, das Volk zu mobilisieren. Portugals KP war immer an der Basis aktiv. Im armen Alentejo stellen wir Bürgermeister, in den Industriezentren sind wir bei den Arbeitern geachtet. Wir haben zwar nur knapp neun Prozent der Stimmen im Parlament, aber wir sind die Gesellschaftskritiker, die die Missstände benennen. Als Autor mache ich letztlich nichts anderes, nur mit anderen Mitteln.
ZEIT: Zum Entsetzen Ihrer Gegner beschrieben Sie vor gut zwanzig Jahren in dem Roman Das Steinerne Floß das Abdriften der Iberischen Halbinsel von Europa. Tatsächlich ist das Gegenteil passiert: Portugal und Spanien gehören zur EU. Trotzdem provozierten Sie vergangenes Jahr mit dem Vorschlag, die beiden Nachbarländer sollten sich zu einem Staat »Iberia« zusammenschließen. Warum?
Saramago: Weil Spanier und Portugiesen sich absolut nicht vorstellen können, gut miteinander auszukommen. Das wollte ich thematisieren. Und prompt brach ein Sturm der Entrüstung los, wie Furien fielen die Kommentatoren über mich her.
ZEIT: Das scheint Sie im Nachhinein sehr zu amüsieren. Ist die Rolle des ewigen Provokateurs nicht manchmal anstrengend?
Saramago: Ach was, ich habe ein dickes Fell.
Das gespräch führte Evelyn Finger
»Sehenden Auges sind wir Blinde. Wir können sehen, aber sehen nicht. Wir leben mit dem Horror und haben gelernt, wegzuschauen«
- Datum 24.10.2008 - 15:16 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23.10.2008 Nr. 44
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