Es ist noch nicht lange her, da musste die Spitze der Swiss Re – nach der Münchener Rück der zweitgrößte Rückversicherer der Welt – ihr Versagen einsehen. Vor vier Wochen vollzog Finanzchef George Quinn die Vollbremsung. "Wir haben sehr aggressive Schritte unternommen, um die Risiken zu reduzieren", sagte der 42-Jährige. Die Refinanzierung sei kein Problem, die Firma flüssig und "in einer sehr sicheren Position".

Die Ansage war fällig: Der Aktienkurs hatte sich binnen eines Jahres nahezu halbiert. Die Swiss Re ist nach der Großbank UBS die zweite große Schweizer Verliererin der Finanzkrise. Statt weiter mit exotischen Finanzinstrumenten zu experimentieren, sende die Spitze klare Zeichen einer "Zurück-zu-den-Wurzeln-Strategie" aus, heißt es in einer Studie der Citigroup von dieser Woche.

Es war Konzernchef Jacques Aigrain, der die Swiss Re mit ihrer Geschichte von 145 Jahren in ein modernes Händlerhaus verwandelt hatte. Der Ökonom von der französischen Eliteuniversität Sorbonne stieg bei der US-Großbank JP Morgan auf, bevor er 2001 zur damals noch konservativen Swiss Re kam. Aigrain räumte auf "und forderte mehr Action", erinnert sich ein Zürcher Vermögensverwalter, der den Konzern kürzlich verlassen hat.

Aigrain verschob das Augenmerk der Swiss Re weg von der klassischen Absicherung großer Lebens- und Sachrisiken. Fortan kreierte man viele komplexe Finanzmarktprodukte. Wie eine Investmentbank machte die Swiss von ihr übernommene Risiken kapitalmarktfähig, indem sie diese bündelte und in Wertpapiere umwandelte. Das Schlagwort lautete Verbriefung, und ihr Meister Jacques Aigrain wurde Anfang 2006 zum Konzernchef gekrönt.

Der Absturz folgte zwei Jahre später. Ende 2007 musste Aigrain aus heiterem Himmel einen Verlust von rund 800 Millionen Euro verkünden, entstanden durch zwei Papiere zur Kreditversicherung, welche die Swiss Re ihren Kunden als Schutz vor Firmenausfällen verkauft hatte. Was für die Boomphase bis 2007 höhere Renditen versprach, das Erfinden und Handeln komplexer Papiere, führte nun zu Abschreibungen. Von diesem Tiefschlag hat sich Aigrain bis heute nicht erholt. Alles, was ihm zuvor als Erfolg zugeschrieben wurde – die Verdreifachung des Konzerngewinns, die moderne Anlagepolitik, die Erneuerung des Managements –, erschien schlagartig in ungünstigem Licht.

"Jacques Aigrain verkörpert die dynamische Rückversicherungswelt, in der sämtliche Risiken gehandelt werden sollen", sagt René Locher von Sal. Oppenheim. Aufgrund des aktuellen Marktumfelds sei "aber wieder altmodisches, solides Rückversicherungsgeschäft gefragt, und da kommen bodenständigere Chefs besser an." lukas hässig