Singapur: Zuflucht im Tempel

Unerhörte Dinge geschehen in Singapur. "Ich habe hier in meinem Leben noch niemanden demonstrieren sehen", sagt der freundliche Herr, der den Weg zur Speakers Corner gezeigt hat. Einsam stehen die Schilder im Gras, die detailliert auflisten, dass jede Aktion angemeldet werden müsse, zudem sollten Redner weder Hass säen noch Rasen oder Büsche beschädigen. An den vergangenen beiden Wochenenden aber haben Hunderte protestiert, es waren vor allem Rentner, die sich von ihren Banken betrogen sahen. Seit den Siebzigern, hört man, habe Singapur nicht mehr solche Proteste gesehen.

Singapur war das erste Land weltweit, das von der Rezession getroffen wurde, zu klein, zu vernetzt ist der Stadtstaat, als dass er sich ihr hätte entziehen können. Der Aktienindex des Landes ist seit dem vergangenen Oktober um mehr als 40 Prozent gefallen, in den meisten Branchen sind die Exporte eingebrochen.

Auch Boon Ah Lim hat seine Ersparnisse verloren, doch möchte er sich nicht beschweren, denn sein Geschäft läuft derzeit gut. Boons Laden besteht aus zwei Plastikstühlen und ist Teil eines Marktes rund um den chinesischen Kuan-Im-Tong-Tempel. Aus dem Tempel schallt unaufhörliches Klackern, Menschen schütteln Wahrsagestäbchen aus einem Bündel heraus. Danach lassen sie Boon Ah Lim die Botschaften interpretieren. "Normalerweise wollen die Leute mehr über Liebe wissen, momentan aber ist Geld das Thema." Und seit ein paar Wochen kämen viel mehr Gläubige als sonst: "Das war schon immer so: Die Wirtschaft läuft schlecht, die Menschen gehen in den Tempel."

Viele Experten glauben, dass Singapur dennoch gestärkt aus der Krise hervorgehen könnte. Auf dem Gebiet der globalen Finanzverwaltung liegt der Stadtstaat jetzt auf dem dritten Platz hinter London und New York, die durch die Krise an Einfluss verloren haben. Singapurs Banken, so die Experten, hätten vergleichsweise vorsichtig gewirtschaftet, zudem habe die Regierung Erfahrung mit dem Krisenmanagement. Nach der Asienkrise 1997 konnte sich Singapurs Wirtschaft innerhalb eines

Jahres erholen. Angela Köckritz