Mag sein, dass die Bankenkrise dem einen oder anderen Kulturprojekt den Garaus machen wird. Mag sein, dass namentlich den sogenannten Events, die dazu dienten, das Markenemblem eines Sponsors zu illuminieren, der finanzielle Zustrom ausgeht. Werbegelder, die den Umweg über die Kultur suchten, könnten knapp werden.

Aber die Kultur selbst, die Künste und Wissenschaften im engeren Sinne werden von der Krise profitieren. Sie stehen auf einmal, von den Zudringlichkeiten der Ökonomie befreit, in ihrer ursprünglichen Hoheit da und müssen es nicht mehr leiden, dass die häppchenverschmierten Finger der Partygäste aus der Wirtschaft ihren nackten Leib beflecken. Auf lange Zeit werden es die Industrie- und Finanzmagnaten, die ungebetenen Berater und Marketingexperten nicht mehr wagen, den Bühnen und Museen und Universitäten jeden höheren Ehrgeiz auszureden und ihnen peinlichste Beachtung des Marktes zu empfehlen. Die Rede vom Markt überhaupt hat ihre Autorität verloren, seitdem der Markt selbst dort, wo er zu Hause ist, nicht mehr den Dienst tut, den man ihm andichtete.

Gewiss wird es immer schmerzen, wenn ein Buch sich nicht verkauft; aber man wird nicht mehr die Ladenkasse zum Gradmesser der Qualität erklären. Denn glänzend verkäuflich waren auch die Zertifikate, an denen jetzt die Banken ersticken. Es wird im Gegenteil die Attraktivität der Künste und der Forschung gewaltig steigern, dass ihre Qualitäten durch keine Wirtschaftskrise zu ruinieren sind. Erkenntnis und Schönheit unterliegen nicht dem Gesetz von Angebot und Nachfrage: Eine Wahrheit bleibt wahr, auch wenn sie zur Handelsware nicht taugt oder sogar außer Verkehr gerät.

Das sind Binsenweisheiten; aber sie waren gründlich verschüttet. Bis vor wenigen Wochen galt, dass jedes Qualitäts- oder Geschmacksurteil, das sich nicht dem Markt unterwarf, als elitär denunziert wurde. Aber was meinte der Vorwurf? Als elitär wurde bezeichnet, was keinen massenhaften Absatz, also keinen Gewinn erwarten ließ. Auf merkwürdigen Wegen hatte der Marktradikalismus unserer Tage den Proletkult der frühen Sowjetunion wieder hervorgebracht: Was den Massen nicht schmeichelte, hatte als unsittlich zu gelten.

Dieser Affekt gegen die Hochkultur, der das ökonomistische Denken in die Nähe des Bolschewismus führte, kann heute freilich, wenn er noch erinnert wird, der Hochkultur nur nutzen. Der Hass zeigte an, was sich dem Markt nicht unterwerfen ließ – und deshalb mit dem Markt nicht unterging. Mit neuem Interesse werden zukünftig die Banker in Mozarts Così fan tutte den Worten lauschen, mit denen Don Alfonso den Partnertausch an der Liebesbörse der Oper quittierte: "Finem lauda – erst das Ende soll man loben!" Und tatsächlich wird am Ende die Krise des amourösen Kredites nur mit Mühe abgewendet, nämlich durch ein Eingeständnis der Fehlbarkeit, das die Finanzwelt unserer Tage der Gesellschaft noch schuldet. So hat sich das Blatt gewendet: Nicht die Kunst muss von der Wirtschaft, sondern die Wirtschaft von der Kunst lernen.Jens Jessen