Schach-WM Wer rochiert, der verliert
Halbzeit bei der Schach-WM in Bonn: Anand verwirrt Kramnik mit originellem Spiel
Westdeutschlands früherer Hauptstadt tut es gut, für drei Wochen wieder ins Zentrum eines Weltgeschehens zu rücken, wenn auch eines recht speziellen. Manch ein Bonner zahlt 35 Euro Tageseintritt, um neben 400 Gleichgesinnten in der abgedunkelten Bundeskunsthalle Platz zu nehmen und vier Stunden lang zwei Männern zuzusehen, die bewegungslos an einem Tisch sitzen: der Inder Viswanathan Anand, 38, und der Russe Vladimir Kramnik, 33, der Weltmeister und sein Herausforderer.
Manchmal geschieht eine Stunde lang nichts, und man schreckt auf, wenn einer der beiden nach seinem Glas greift, um einen Schluck Wasser zu trinken, von dem man ahnt, dass es bestimmt keine Kohlensäure enthält. Keiner im Saal spricht; das Publikum verhält sich so leise wie bei einem Konzert, bloß ohne Konzert.
Andererseits ist hier die Hölle los. Das, was nach und nach aufs Brett kommt, ist ein dorniger Pfad, den sich die zwei Kämpfer durch einen Dschungel gefährlicher Möglichkeiten bahnen. Hätte, würde, könnte – Schach ist ein Sport des Konjunktivs, und die stille Betrachtung des Spiels ist keine sinnleere Meditation, sondern ein gebanntes Mitüberlegen des nächsten Zuges, der dann oft doch unerwartet ist, weil die Meister wieder einmal tiefer blicken als ihre Jünger.
Wer im Saal nicht genug versteht, kann sich kaukasisch anmutenden Models anvertrauen, die kaum etwas anhaben, aber darüber die Schärpen der WM-Sponsoren Evonik & Gazprom. Sie führen den Ratsuchenden in den 200 Meter entfernten Analyseraum, in dem zwei Großmeister an Wandbrettern jede Partie mitvollziehen und die unsichtbaren Alternativen aufzeigen. Mancher Zugvorschlag aus dem Publikum führt in den Untergang – so entsteht schnell ein Gefühl dafür, wie schwer es die beiden Spieler haben, die Balance zu halten, ja, aus eigener Kraft einen Vorteil zu erzielen.
Zu Beginn hatte es (auch in der ZEIT) die Befürchtung gegeben, die WM könnte langweilig werden. 750000 Euro Preisgeld für jeden, unabhängig vom Ausgang, dazu die Ergebnisse aus den Vorjahren: Von 127 Partien Anand gegen Kramnik endeten 93 unentschieden.
Aber schon in der zweiten Partie (von zwölfen) schlug Anand ungewöhnliche Töne an. Mit den weißen Steinen wählte er nach 1. d4 einen Angriff, den er bis dahin nie gespielt hatte und den auch Kramnik aus eigener Praxis nicht kannte. Es entstand eine eigentümlich zerklüftete Stellung, bei der selbst die Kommentatoren nicht so recht zu sagen wussten, wer eigentlich besser steht, weil sie jenseits vertrauter Muster lag. Kramnik verteidigte sich geschickt zum Remis.
In der dritten Partie drehte Anand dann richtig auf. Mit Schwarz – im Spitzenschach wegen des Nachzugs ein Handicap – bot er in der Meraner Variante des Damengambits ein neues Bauernopfer an, und nach kürzester Zeit verwandelte sich die Stellung in ein hochkomplexes Durcheinander, in dem sogar die blitzschnell kalkulierenden Computer nicht mehr klarsahen. Anand war es gelungen, auf ein unbekanntes Terrain vorzustoßen. Kramniks Uhr lief, in Zeitnot griff er fehl und unterlag.
Die vierte Partie war ein Erholungsremis. In der fünften wiederholte sich das Spektakel der dritten. Kramnik ließ sich wieder auf Anands Überraschung ein, die nun ja keine mehr war. Alle erwarteten eine kraftvolle weiße Antwort auf die schwarze Frechheit. Doch wich jetzt Anand ab, und wieder saß Kramnik da und grübelte über einer ihm unbekannten Position.
Zunächst sah die Sache gut für ihn aus. Er hatte keine dauerhaften Schwächen und sogar zwei verbundene Freibauern, die ihm im Endspiel den Sieg einbringen würden. Anands König hingegen stand windig, sein Springer war gefesselt, und sein Bauernheer hatte sich schon sehr aufgelöst. Aber im Schach ist alles relativ: Anands Stellung war trotz oder wegen ihrer Anfälligkeit von enormer Dynamik. Der Schluss kam plötzlich: Kramnik opferte eine Figur, um sie mit Zins und Zinseszins zurückzugewinnen. Nach der zwangsläufigen Abwicklung, die in irrem Tempo aufs Brett kam, hatte Kramnik einen Bauern mehr, und das halbe Brett leuchtete weiß. Er hatte den Sieg vor Augen. Anand stutzte, opferte seine vorletzte Figur, und mit fast nichts – so sah es aus – erzwang er die Aufgabe.
Bei der folgenden Pressekonferenz richteten die Journalisten aus aller Welt ihre Fragen fast nur an Kramnik: Wie konnte er, einer der besten Defensivspieler aller Zeiten, zweimal nacheinander mit Weiß verlieren? Anand saß derweil unschuldig dreinblickend daneben, wie ein Schuljunge, der noch gar nicht recht begreift, was er da gerade angestellt hat.
Anand und Kramnik ähneln sich in ihrer zurückhaltenden Art, aber sie entstammen verschiedenen Welten. Kramnik durchlief als Jungtalent die legendäre russische Schachschule, Anand wurde im Alleingang der erste Großmeister Asiens. Kramnik war Weltmeister von 2000 bis 2007, Anand löste ihn vergangenes Jahr durch den Sieg in einem Rundenturnier ab. Die jetzige WM bedeutet die Rückkehr zur 1886 begründeten Tradition der Zweikämpfe – und es scheint, als ob der Inder sie mit seinem neuen Spielverständnis prägen will: In vier von sechs Partien hat er auf die Rochade verzichtet und damit ein sicherndes Manöver infrage gestellt, das man nicht nur in Russland schon in der Schachgrundschule lernt.
Am Dienstag dieser Woche siegte Anand erstmals mit Weiß. Damit führt er 4,5:1,5.
Die Duelle Nummer sieben und acht finden am Donnerstag und Freitag jeweils um 15 Uhr statt. Auf www.schachwm2008.de werden die Spielzüge zeitverzögert übertragen. Sollte Anand beide Partien gewinnen, hätte er die notwendigen 6,5 Zähler für den WM-Sieg bereits erreicht.
- Datum 12.11.2008 - 16:39 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.10.2008 Nr. 44
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