Bad Lauchstädt heißt der Ort, der nach dem Willen von Edda Moser zum "Bayreuth der deutschen Sprache" werden soll. Er hat die telefonische Vorwahl 034635 und hatte im Dezember 2007 noch 4920 Einwohner. Neben der CDU sitzen Die Linke, die STATT Partei und SV Germania Schafstädt mit je einer Stimme im Stadtrat. Seit einem halben Jahr hat Bad Lauchstädt ein neues Wappen. Aus dem silbernen Löwen, der vor blauem Hintergrund eine rote Burg trug, wurde ein silberner Löwe mit einer goldenen Burg. Trotzdem schien bis vor Kurzem die Zukunft des Städtchens in der Vergangenheit zu liegen.

Als die Weimarer Schauspieler 1814 hier ihr letztes Gastspiel gaben, verschwanden mit dem Theater das Geld und die Prominenz. Wo Wieland mit Gleim, Hegel mit Schelling gebadet, wo Goethe 1802 einen fulminanten klassizistischen Theaterbau finanziert hatte, der in Gelb, Grau und Rot auf seine Farbentheorie abgestimmt gewesen sein soll, herrschte ab 1815 preußische Grabesstille. Im 20. Jahrhundert lag alle Hoffnung auf Carlo Thränhardt, einem Sohn der Stadt. Thränhardt holte bei der Hallen-Europameisterschaft 1987 in Liévin mit einer übersprungenen Höhe von 2,37 Metern die Silbermedaille im Hochsprung, 2004 trat er in der RTL-Sendung Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! auf. Höher hinaus kam der Ort seither nicht mehr. Bis letztes Jahr.

Die ehemalige Sopranistin Edda Moser hält nach dem Ende ihrer internationalen Karriere Schildwache vor der deutschen Sprache und in letzter Zeit ihre Hand über Bad Lauchstädt. Beherzt greift sie zur Waffe, wo jemand die Sprache beleidigt oder sich ihren Regeln widersetzt. "Wo ›okay‹ und ›sorry‹ grassieren", doziert Moser und rollt drohend das r, sei die Sprache im Begriff, "wie ein krankes Tier zu verenden". Um das zu verhindern, organisiert sie seit 2006 einmal jährlich das "Festspiel der Deutschen Sprache", wegen des Goethe-Theaters und der berühmten badenden Vorfahren zum zweiten Mal in Bad Lauchstädt. Was dem ausverkauften Vorleseabend im Gewande eines Staatsaktes mit Kartenpreisen um die 50 Euro und jeder Menge angegrauter Prominenz zu einem "Bayreuth der deutschen Sprache" noch fehle, verriet Moser nicht, und zum Glück taten die fünf eingeladenen Schauspieler nichts, als zu lesen. Weil sie das außergewöhnlich gut können, wurde die deutsche Sprache an diesem Abend nicht gerettet, sondern, was viel schwieriger war, sie wurde genutzt.

Neben bekannten Balladen von Schiller, Goethe und Fontane bildeten fünf Gedichte von Erich Kästner und vier Kapitel aus Heines Wintermärchen den Schwerpunkt. Der einzige Prosatext war das Heiligenstädter Testament, in dem Beethoven den Brüdern von seiner Taubheit erzählt. Maximilian Schell las mit seiner tiefen, brüchigen Stimme, und wer ihn gehört hat, wird ihn nicht vergessen: "Aber welche Demütigung, wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte oder jemand den Hirten singen hörte, und ich auch nichts hörte; solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben." Leise sprach Schell, als ob er mit sich selbst spräche, und doch verstand man jedes Wort.

Der größte Gegensatz zum introvertierten, schwerblütigen Schell war Axel Milberg. Er, der als Tatort- Kommissar bekannt wurde, war die Vorlese-Entdeckung des Abends. Er machte Schillers Handschuh oder Fontanes Herrn von Ribbeck lebendig, aber wie! Jede Figur bekommt bei Milberg ihren eigenen Ton, klar und direkt, ohne falsches Pathos. Den beherzten Sprung des Ritters in den Zwinger hinab zu Löwen und Tigern, um Fräulein Kunigunde ihren Handschuh zu holen, macht Milberg so anschaulich, als wäre er selbst gesprungen. Der Rest ist Lesezauberei. Neben Udo Samels feinsinnig-ironischer Rezitation von Heines Wintermärchen und Otto Schenks beschwörender von Schillers Kranichen des Ibykus vervollständigte Katharina Thalbach mit ihrer hexenhaften Stimme das Lesequintett und sorgte für den aufschlussreichsten Lesefehler des Abends. Statt "Die Augen gingen ihm über, / Sooft er trank daraus" las sie im König von Thule: "Die Augen gingen ihm über, / So oft trank er daraus". In ihrer Lesart trinkt der König so oft aus dem Becher, dass ihm die Augen übergehen. Thalbach verpasste dem "alten Zecher" eine Schnapsnase, und im Grunde dürfte da auch die Literaturwissenschaft nicht widersprechen.

"Was bleibet aber, stiften die Dichter", schloss Edda Moser ihre Begrüßung. Ob sich Hölderlin dieses Zitat hätte gefallen lassen? Schweigen wir lieber, oder sagen wir so: Die Lesung der Gedichte hätte ihm besser gefallen. rainer burkard