Angenommen, Sie haben sich ein paar Wochen Urlaub auf einer einsamen Insel gegönnt, ohne Fernsehen, Internet und Zeitung. Nach ihrer Rückkehr erfahren Sie, was während Ihrer Auszeit so alles passiert ist: Die Wall Street ist beinahe zusammengebrochen. In den USA und in Europa werden im Schnellverfahren Banken verstaatlicht. China, zweitgrößter Gläubiger der USA, redet der Bush-Administration offen in die Finanzpolitik hinein, Venezuelas Staatschef Hugo Chávez nennt den amerikanischen Präsidenten jetzt »Genosse George«. Peer Steinbrück erklärt Steueroasen den Krieg, die Bankenmanager dieser Welt gehören seit Kurzem zur Achse des Bösen, und europäische Regierungen wollen mit einem neuen Bretton Woods den Finanzkapitalismus zähmen. Ach ja, und aus der Arktis werden Rekordtemperaturen fünf Grad über dem Normalwert gemeldet.

Sie bestellen einen Whiskey gegen das aufkommende Schwindelgefühl, und plötzlich will Ihnen ein Song der Rockband R.E.M. nicht mehr aus dem Kopf:

It’s the end of the world as we know it – and I feel fine …

So gut fühlen Sie sich aber gar nicht!

Was genau ist denn nun zu Ende gegangen? Die Macht der Finanzmärkte über die Politik? Die »Selbstherrlichkeit des Irrationalen«, wie der Schriftsteller Friederich Dieckmann das Spekulationskarussell genannt hat? Möglich, aber nicht sicher. Sicher ist vorerst nur, dass Regierungen in Washington, Berlin oder Seoul das größte Carepaket der Geschichte für eine Finanzbranche geschnürt haben, die im Renditen-Vollrausch gegen die Wand gefahren ist und dabei leider die Weltwirtschaft auf dem Beifahrersitz hatte. Für viele Menschen in den reichen Ländern wird das den Verlust des Arbeitsplatzes bedeuten, viele Menschen in den armen Ländern werden diese Krise mit dem Leben bezahlen. Das zusammen ergibt eine dramatisch neue Ausgangslage, aber noch keine neue Politik, keine neue Ära. Eine Chance für einen Neuanfang – die freilich gibt es.

Schocks sind nicht zwangsläufig heilsam. Das weiß man spätestens seit den Terroranschlägen des 11. September 2001, die nicht etwa eine bessere Koordination internationaler Politik nach sich zogen, sondern den »Krieg gegen den Terror«. Dass es dieses Mal anders kommen könnte, ist bis auf Weiteres nur eine Hoffnung. Allerdings keine bloß fromme, sondern eine, die auf zwei Gründen beruht: auf dem geografischen Verlauf des Finanzbebens und auf den offensichtlichen Parallelen zur Klimakrise.

Überkonsum auf Pump kann keine Grundlage des Wirtschaftens sein

Dieser Beinahekollaps ist von den USA, der Heimat des sogenannten Washington Consensus, ausgegangen. Darunter versteht man die marktliberalen Bedingungen, die Weltbank und Internationaler Währungsfonds an Schuldnerländer stellen: unter anderem strikte fiskalische Disziplin und Staatsabbau. Im weiteren Sinne meint der Begriff den quasireligiösen Glauben, auf dem diese Konditionen basieren. Wirtschaftliche Globalisierung ist demnach per se gut, eine ökonomische »Schocktherapie«, ob in Russland oder Argentinien, automatisch reinigend, jede Debatte über ein globales Gemeinwohl und die dafür nötige Regulierung des Marktes folglich überflüssig. Auch dann, wenn es um so existenzielle Probleme wie Welternährung und Klimawandel geht. Europa hat dieser Ideologie nie applaudiert, es hat sie aber auch nie wirksam infrage gestellt, sondern im Zweifelsfall lieber still davon profitiert. In der Finanzkrise haben die USA nun vor aller Augen gegen diesen Washingtoner Konsens verstoßen, ihn damit womöglich politisch begraben und, wenn auch unfreiwillig, den Weg geebnet für eine neue Debatte über globales Gemeinwohl und globales Regieren.

Womit man beim zweiten Teil der Hoffnung wäre: Die Blase auf dem Finanzmarkt hat wie keine andere Krise gezeigt, dass Überkonsum auf Pump keine Grundlage des Wirtschaftens sein kann. Wer immer schneller immer mehr Kredite überzieht, wer immer schneller mehr Ressourcen verbraucht, als er wiederherstellen kann, der steuert ins Desaster – auf dem Finanzmarkt wie bei der Erderwärmung.