Österreich war mir zu eng. Nach dem Betriebswirtschaftsstudium bin ich daher gleich ins Ausland gegangen. Erst in die USA und mit der Ostöffnung 1990 nach Polen, dann in die Tschechoslowakei. Ich investiere in Immobilien und lebe immer dort, wo ich mich einkaufe. Seit drei Jahren in Montenegro. In Tivat, einer Kleinstadt am Meer, habe ich Land gekauft, um 50 Luxuswohnungen zu errichten. Das Projekt soll überwiegend mit Solarenergie und Erdwärme betrieben werden. Im nachhaltigen Bauen sehe ich die Zukunft. Aus diesem Grund absolviere ich auch ein Master-Studienprogramm über erneuerbare Energien.

Große Sorgen bereitet im Augenblick auch hier die Wirtschaftskrise. In Montenegro haben die Menschen in diesen Tagen die Tochtergesellschaft einer ausländischen Bank gestürmt, weil sie um ihre Ersparnisse fürchten. Das kann bald auch in westeuropäischen Ländern passieren. Derzeit sehen wir nur die Spitze des Eisberges. Dass die Finanzkrise demnächst in einer noch größeren Welle über uns hereinbricht, ist eine reale Gefahr.

In einer so prekären wirtschaftlichen Lage ist es besonders wichtig, dass der ehemalige Kriegsschauplatz Balkan möglichst schnell zu möglichst großer Stabilität findet. Es reicht nicht, dass sich Politiker im Friedensprozess engagieren. Mindestens so wichtig ist es, Arbeitsplätze zu schaffen, in die Bildung zu investieren, die Infrastruktur zu erneuern. Montenegro macht zwar Fortschritte, was die künftige EU-Integration betrifft. Aber immer noch sind große Reformen ausständig.

Das Land hat riesiges Potenzial als Luxusdestination. Eine solche Vielfalt an landschaftlichen Reizen ist selten. Abgesehen davon begeistert mich vor allem der Multi-kulti-Balkan. Hier ein Stück jüdische Kultur, dort ein Minarett – ich möchte nicht mehr anders leben. Da ich mich fast jeden Tag in einer anderen Stadt aufhalte, bin ich viel im Auto unterwegs, vor allem nachts. Vor Kurzem fuhr ich von Podgorica nach Budapest und kam um fünf Uhr früh in Bosnien an einer hell erleuchteten Moschee vorbei. Dieses Gotteshaus voll betender Muslime zu sehen machte auf mich einen sehr friedlichen Eindruck. Es ist auch auffällig, dass man auf dem Balkan nur selten muslimische Frauen mit Kopftüchern sieht.

In Podgorica bin ich gut integriert. Meine beste Freundin ist Muslimin. Ich spreche passabel Montenegrinisch, bin also eine richtige Gastarbeiterin. Und da ich Ost- und Südosteuropa seit nun bald zwanzig Jahren kenne, kann mich auch im anstrengenden Alltag nichts mehr wirklich aus der Ruhe bringen.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer

Foto: Ernst Schmiederer