Wien

Komm, süßer Tod

Wien ist ein Paradies für Giftmörder. Das sagen Gerichtsmediziner, die ihr Metier in der Metropole nicht mehr ausüben können

Der letzte Schnitt ist getan. Einmal noch blickt der Mann im Arztkittel auf die Leiche, die auf dem metallgrauen Seziertisch liegt. Es ist weit nach Mitternacht am Wiener Institut für Gerichtsmedizin in der Sensengasse 2. Routiniert zieht er sich die Gummihandschuhe von den Händen. Nachdenklich zupft er an seinem Schnauzer. »Er wurde vergiftet«, sagt er bedeutungsschwer. Cut. Der Mann ist kein Arzt. Er ist Schauspieler. Es ist alles nur Show. Seit Jänner ist hier keine echte Leiche mehr aufgeschnitten worden. Die Kühlräume stehen leer, und auf den Seziertischen sammelt sich der Staub. Der Obduktionssaal dient heute nur noch als Kulisse für die neuen Folgen der TV-Serie Kommissar Rex .

Zu unwirtschaftlich, zu unhygienisch und zu wenig transparent sei hier gearbeitet worden, so lautete der Vorwurf des Rechnungshofs. In den vergangenen Jahren hätten die Gerichtsmediziner viel zu viel obduziert, ohne dass dies immer notwendig gewesen sei. Auf die Dauer wurde das zu teuer. Nun schneidet keiner mehr in der Sensengasse in Wien-Alsergrund Leichen auf. Obduziert wird nur noch in vier Wiener Krankenhäusern. Bloß dort will man keine Leichen im fortgeschrittenen Verwesungsprozess, in denen etwa bereits Maden nisten. Die Stadt Wien präsentiert nun ihre Lösung: Warum diese sogenannten Faulleichen nicht in Containern untersuchen? Diese Woche wird das Prestigeprojekt der Presse vorgestellt. Drei graue Stahlboxen am Wiener Zentralfriedhof, insgesamt rund hundert Quadratmeter groß und umwachsen von hohem Unkraut. Hier, mitten im Niemandsland unter Toten und Trauernden, soll nach mysteriösen Todesursachen geforscht werden.

»Mich bekommt keine r in so einen Container«, empört sich Christian Reiter. Drei Jahrzehnte hat der Mittfünfziger an den vier Seziertischen in der Sensengasse gearbeitet, wo jedes Jahr 2000 Leichen aufgeschnitten wurden. Zum einen waren es sanitätsbehördliche Fälle, also Leichen, deren Todesursache unklar war, zum anderen wurden gerichtliche Obduktionen durchgeführt, also an Menschen, die durch mögliches Fremdverschulden gestorben waren. Die umstrittene Reform hat alles verändert. Die Pathologen, die im Normalfall die Todesursache von verstorbenen Patienten im Krankenhaus feststellen sollen, werden nun mit sanitätsbehördlichen Obduktionen beauftragt. Sie machen nun Reiters Job, er wird nur mehr in die vier Krankenhäuser berufen, wenn gerichtlichen Fälle anstehen. Damit hat sich Reiter abgefunden. Doch ein Sezierraum mitten in der Gärtnerei am Zentralfriedhof, wenige Meter von den Grabsteinen entfernt, wo noch nicht einmal die Möglichkeit besteht, Röntgenaufnahmen oder Labordiagnosen zu machen, sei für ihn »ein Rückschritt ins Mittelalter«.

Die Containerlösung ist der vorläufige Tiefpunkt der gerichtsmedizinischen Versorgung in Wien. Bereits 2003 kritisierte der Rechnungshof das Department für Gerichtliche Medizin (DGM) der Wiener Medizin-Uni für die große Anzahl der Obduktionen, die fehlende Transparenz bei der Bezahlung der Sachverständigen und die mangelnde Hygiene. Den Gerichtsmedizinern wurde vorgeworfen, sich zu bereichern. Tatsächlich handelte es sich dabei um einen Systemfehler. In Österreich werden Gerichtsmediziner von den Richtern mit den Fällen persönlich beauftragt. Die Zahlungen gingen nicht an das Institut, sondern an die jeweiligen Sachverständigen, die in der Regel die Räumlichkeiten und das Institutspersonal gegen eine sehr geringe finanzielle Entschädigung benutzten. Hinter vorgehaltener Hand geben selbst manche Gerichtsmediziner zu, dass sie mit dieser Praxis ihrem Institut geschadet haben. Ein weiteres Problem stellten jene Mitarbeiter dar, die ebenfalls als Totenbeschauer tätig waren. Sie hatten freie Hand, wer obduziert wurde, und winkten bei jedem Verdacht die Leichen in den Seziersaal.

Doch nicht nur das Personal bot dem Rechnungshof Anlass zur Sorge, sondern auch der Zustand des Gebäudes. Seit den sechziger Jahren wurde das Institut kaum mehr renoviert. Leichenhaus und Kühlräume waren dringend sanierungsbedürftig. Ebenso fehlte ein modernes Filtersystem, sämtliche Körperflüssigkeiten flossen beinahe ungeklärt in die Kanalisation. Ein marodes Institut, dem niemand wirklich vorstehen mochte. Seit 1989 gab es nur mehr provisorische Institutsleiter, der jetzige, ein chemischer Mediziner, der also noch nicht einmal vom Fach ist, wirft am 1.Dezember das Handtuch. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht.

Trotz der schweren Vorwürfe des Rechnungshofs änderte sich nichts. Die Ministerien für Gesundheit, Justiz und Wissenschaft schieben einander gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Keiner will für die miserablen Zustände verantwortlich sein. Als drei Jahre nach dem ersten Prüfbericht bei einer Nachprüfung dieselben Mängel erneut festgestellt wurden, schaltete sich schließlich die Stadt Wien ein. Ihr Plan: sparen. Mit einer Novelle des Wiener Bestattungsgesetzes sollte erstmals die Zahl der Obduktionen reduziert werden. Der Auftrag an die Totenbeschauärzte heißt jetzt, aus Krankengeschichte, Gesprächen mit Angehörigen und aus der Situation, in der die Menschen gestorben waren, eine Todesursache herauszulesen. Das muss reichen. Seit 2007 sind so die sanitätsbehördlichen Obduktionen von 1354 auf 898 gesunken. In diesem Jahr soll sich laut Statistik Austria diese Zahl sogar mehr als halbieren. »Die Dunkelziffer unentdeckter Morde wird steigen, denn je weniger obduziert wird, desto mehr wird übersehen«, befürchtet Reiter und witzelt: »Jetzt ist die beste Zeit für Giftmörder.« Besonders bei älteren Personen wird kaum nachgesehen: Im Schnitt wurden 2007 in ganz Österreich rund 30 Prozent der verstorbenen 50-Jährigen obduziert. Die Obduktionsrate bei 70-Jährigen hingegen lag bei 23 Prozent, bei 90-Jährigen nur mehr bei neun Prozent.

Seit Inkrafttreten des neuen Wiener Leichen- und Bestattungsgesetzes wurden die sanitätsbehördlichen Leichenöffnungen nur mehr in Krankenhäusern durchgeführt. Die Pathologen sollen nun der kriminalistischen Fragestellung nachgehen, ob ein natürlicher oder unnatürlicher Tod vorliege. Eine Aufgabe, für die sie nicht ausgebildet wurden. So ist es beispielsweise für Pathologen schwer, Vergiftungen zu erkennen. Wenn eine herzschwache Frau an einer Kohlenmonoxidvergiftung stirbt, weil die Gasleitungen in ihrer Wohnung defekt waren, schreibt der Pathologe »Herzversagen« in den Totenzettel. Schließlich hat er vor allem ihre Krankengeschichte studiert. Da niemand eine Vergiftung vermutet, bleibt der Schaden in der Wohnung unentdeckt.

»Ein Gerichtsmediziner geht mit einem anderen Hintergrundwissen an den Toten heran: Das beginnt bei der Entkleidung einer Leiche und hört dabei auf, dass sogar den Schmutz unter den Fingernägel untersucht wird«, sagt Mordreferent Johannes Scherz von der Kriminalpolizei Wien. Wie penibel diese Experten ans Werk gehen, führt, mitunter durchaus realitätsnah, jeder bessere Fernsehkrimi vor. In der Metropole Wien sind solche medizinischen Detektive allerdings vorläufig nur mehr Fiktion.

»Beim leisesten Verdacht lassen wir das Messer fallen«, verteidigt Angelika Reiner-Concin, Präsidentin des Verbands der Pathologen, ihren Berufsstand. Dann werden ohnehin die Gerichtsmediziner beauftragt. Bei der Untersuchung stark verwester Faulleichen sind Pathologen überfordert. Dafür sind sie nicht ausgebildet. Zudem stellen Faulleichen ein Hygieneproblem in den Krankenhäusern dar. Ihr Gestank übertrifft jedes Desinfektionsmittel. Maden und sonstiges Getier, das sich in der Leiche eingenistet hat, kann über Klimaanlagen und Luftschächte in die Zimmer der Patienten gelangen. Dieses Problem sah auch die Stadt Wien und ließ daraufhin die behelfsmäßige Sezierstätte errichten: einen klimatisierten Obduktionscontainer, einen Kühlraum mit teilweise verrosteten Klimaaggregaten und einen Container mit zwei blickdichten Fenstern, der den Medizinern als Garderobe dient. Auch hier sollen nur Pathologen arbeiten, obwohl Faulleichen definitiv nicht zu ihrem Aufgabenbereich zählen. Dass Giftmorde so unter Umständen unentdeckt bleiben, scheint die Wiener Beamten nicht zu stören.

Seit einem Monat stehen die Container nun bereits am Zentralfriedhof, und weder Pathologen noch Gerichtsmediziner sind bereit, dort zu arbeiten. Trotzdem wird die Schildbürgerlösung jetzt als genialer Wurf gepriesen.

Ein Armutszeugnis für die Hauptstadt, die nicht einmal den Vergleich mit Provinzstädten standhalten kann. Mit Innsbruck, europaweit bekannt für das riesige DNA-Zentrallabor, oder mit Graz, wo erst Anfang Oktober eine eigene Gewaltschutzambulanz eröffnet wurde. Dort untersuchen Gerichtsmediziner lebende und tote Gewaltopfer. Dass Gerichtsmediziner auch für Lebende zuständig sind, hat man in Wien offenbar verschlafen. Hier will man sich noch nicht einmal einen eigenen Obduktionssaal leisten. Das stellt die Wiener Gerichtsmedizin vor ein neues Problem. Die Studenten haben keine Leichen, an denen sie studieren können. Früher hatten sie am Institut sowohl mit den sanitätsbehördlichen als auch mit den gerichtlichen Fällen zu tun. Kurz: Leichen en masse. Seitdem die Pathologen die sanitätsbehördlichen Obduktionen übernommen haben, müssen sie auf das Wohlwollen der Gerichtsmediziner hoffen, dass sie diese zu einer gerichtlichen Obduktion ins Krankenhaus mitnehmen. Nur mehr hier haben sie die Möglichkeit, in der Praxis zu lernen. Damit liegt die Facharztausbildung vorerst auf Eis. Eine beunruhigende Entwicklung, wenn man bedenkt, dass von den derzeit 32 Gerichtsmedizinern in ganz Österreich mehr als die Hälfte bereits über 50 Jahre alt ist. Bald findet Gerichtsmedizin in Wien wohl ausschließlich im Fernsehen statt.

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    • Von Marion Bacher
    • Datum 24.10.2008 - 13:09 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 23.10.2008 Nr. 44
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    • Schlagworte Österreich | Verbrechensbekämpfung | Kriminalität | Mediziner
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