Keine Frau wird in Deutschland gegenwärtig weniger verstanden als Andrea Ypsilanti, nicht einmal Elke Heidenreich. Unbeirrbar hält die hessische SPD-Politikerin an einem Plan fest: Roland Koch muss weg! In der kommenden Woche will sie den Ministerpräsidenten der CDU aus dem Amt hebeln, an der Spitze einer rot-grünen Koalition und unter Tolerierung der Linkspartei. Weil sie genau diesen Pakt mit der Linken im Wahlkampf noch kategorisch ausgeschlossen hatte und weil jede Kritik daran, auch aus der eigenen Partei, bislang wirkungslos blieb, haftet ihr inzwischen der Ruch einer Fanatikerin an: verblendet von einer Mission, bewehrt mit eiskaltem Machtwillen – und verflucht durch den Betrug am Wähler.

Daran ist natürlich fast alles überzeichnet. Dass ihr dies aber widerfährt, weil sie eine Frau ist, wie sie selbst gelegentlich zu verstehen gibt, ist in diesem Fall Unsinn; Kurt Beck, der die Wende der SPD in Hessen bekanntlich mitverursacht hatte, musste sich deswegen noch ganz andere Angriffe gefallen lassen und verlor am Ende sogar den Parteivorsitz. In der Sache ist das Vorgehen von Frau Ypsilanti eher vorsichtig bewertet worden: Denn noch nie in der an Tricksereien und halsbrecherischen Koalitionsmanövern weiß Gott reichen Geschichte der Landtagswahlen in der Bundesrepublik ist so autistisch am Bürger vorbei agiert worden wie jetzt in Hessen. Es mag ja sein, dass die daran beteiligten Sozialdemokraten, Grünen und Linken gar nicht wissen, was sie tun, weil sie die Stimmung ihrer eigenen Parteifunktionäre und Sympathisanten mit dem Willen des Volkes verwechseln. Das ist aber keine Beruhigung, sondern ein erdrückender Beweis für die Autosuggestion von Parteiapparaten, die nun die rot-rot-grüne Mission am Main hervorgebracht hat. Sollte das Manöver tatsächlich zur Wahl von Andrea Ypsilanti als Ministerpräsidentin von Hessen führen, wäre das nichts weniger als ein Putsch gegen den Wähler.

Mehr als zwei Drittel der Hessen wollen keinen Pakt mit der Linken

Es geht dabei grundsätzlich nicht einmal um die Frage, ob die SPD auch in einem westlichen Bundesland den Brückenschlag zur Partei von Oskar Lafontaine und Gregor Gysi wagen darf. Aus der Sicht der Sozialdemokraten ist das ganz offensichtlich ein Weg, außerhalb einer Großen Koalition eine Regierung zu stellen und gleichzeitig ihren neuerdings gefährlichsten politischen Gegner durch Teilhabe am Tagesgeschäft zu entzaubern. Das Beispiel des rot-roten Senats in Berlin unter Klaus Wowereit hat Schule gemacht. Ein solcher Kurswechsel braucht aber die Legitimation der Wähler, allemal, wenn vorher eine Zusammenarbeit abgelehnt worden war. So ist bei anderen spektakulären Bündnissen bislang auch immer verfahren worden, gerade in Hessen. Legendär ist die Kehrtwende, die in den achtziger Jahren der SPD-Ministerpräsident Holger Börner vollzogen hatte. Der gelernte Betonfacharbeiter wollte sich die damals gerade aufkommenden und im Kampf gegen Atomkraftwerke und Startbahn West erprobten Grünen am liebsten mit der Dachlatte vom eindrucksvollen Leib halten. Lieber regierte er zunächst als geschäftsführender Ministerpräsident – so wie nun Roland Koch –, als mit der Ökopartei zu koalieren. Erst als Neuwahlen unumgänglich wurden und die SPD wieder stärkste Partei wurde, schmiedete er das erste Bündnis mit den hessischen Grünen. Und auch Klaus Wowereit konnte man einiges vorwerfen, als er Anfang 2002 eine rot-rote Koalition in Berlin installierte, nicht aber Wortbruch: Er hatte im Wahlkampf verkündet, dass ihm ein Bündnis mit den Grünen am liebsten sei, er sich aber eine Kooperation mit der damaligen PDS vorstellen könne, wenn es anders nicht gehe.

Andrea Ypsilanti hingegen macht eine andere Rechnung auf: Betrug sei es auch, wenn sie ihre Wahlversprechen nicht halte, obwohl es eine Chance zur Verwirklichung gebe, in der Bildungs- und Verkehrspolitik oder in der Energie- und Sozialpolitik. Wenn dem wirklich so wäre, dann dürfte sie erst recht keine Angst vor dem Votum der Wähler haben. Die aber wollen nach allen Umfragen vom Kurs Ypsilantis nichts wissen: Mehr als zwei Drittel der Befragten in Hessen wollen keinen Pakt mit der Linken, und inzwischen sieht ausgerechnet der blamierte Wahlverlierer vom Januar dieses Jahres, Roland Koch, schon wieder wie ein Sieger aus. Wären heute Landtagswahlen, hätten CDU und FDP die absolute Mehrheit.