Die Krise ist angekommen, und sie sieht gewaltig aus. Plötzlich wird sie auch fühlbar, in Fabriken und Büros, an den Ladentheken und in den Kneipen. Die Frage ist nicht mehr: Wie sicher sind meine Spareinlagen? Sie lautet jetzt: Wie sicher ist mein Arbeitsplatz?

Wir haben keine Aktien, also auch kein Problem, dachten viele Deutsche noch vor ein paar Tagen. Nun sind die Autokonzerne die Ersten, die Leiharbeiter auf die Straße setzen, die Arbeitszeiten reduzieren oder die Produktion aussetzen. Andere werden folgen im Domino von Auftragseingängen, Umsatzerwartungen und Arbeitsplätzen. Die deutsche Volkswirtschaft stagniert nicht bloß, sie könnte empfindlich schrumpfen. Denn der Abschwung erfasst die ganze Welt, schon geraten, von Ungarn bis zur Ukraine, ganze Länder in Zahlungsschwierigkeiten. Es gibt kaum noch Inseln der Wachstumshoffnung, das trifft unsere Exportnation besonders hart.

Der letzte Hoffnungsträger ist der Staat. Der Supermann der Stunde soll die Banken im Alleingang aus dem Koma holen, die Konjunktur vor dem Absturz bewahren und ganze Industrien retten. Allein in Deutschland hagelte es in dieser Woche Dutzende von Vorschlägen. Und alle waren ernst gemeint.

Kein Wunder, selbst seine größten Befürworter zweifeln derzeit am Segen des Marktes. Alan Greenspan, der bekannteste ökonomische Freiheitskämpfer, gestand, er habe sich im Markt getäuscht. Als Chef der US-Notenbank hatte Greenspan alle Versuche torpediert, das gefährliche Spiel der Banken von Staats wegen zu unterbinden. Schließlich, so fand er, würden die gewinnorientierten Banker nicht ihre eigene Existenzgrundlage gefährden. Falsch gedacht, sagt er nun. Mea culpa.

Der Staat wird gebraucht – umso bedrohlicher, wenn er seine Macht missbraucht. Vor allem Nicolas Sarkozy läuft in diese Falle. Dass die Länder sich an notleidenden Banken beteiligen, ist für den französischen Präsidenten nur der Anfang. Frankreich will sich auch bei heimischen Industriekonzernen einkaufen, damit sie nicht in die Hände der Asiaten fallen. Ganz Europa soll es ihm nachtun. In Frankreich heißt so etwas Industriepolitik. Tatsächlich handelt es sich um Protektionismus. Mit dieser Haltung trieben die Industriestaaten die Welt nach 1929 in eine lange Depression, weil sie mit immer neuen Schutzmauern den globalen Austausch von Waren und Kapital unterbanden. Dieser Fehler darf nicht wiederholt werden.

Zum Glück hat Berlin das Pariser Ansinnen zurückgewiesen. Genauso muss sich die Bundesregierung der Idee erwehren, sie könne zu Hause einer Branche nach der anderen mit Subventionen zu Hilfe eilen. Heute soll sie die Autohersteller retten, morgen ihre Zulieferer und übermorgen womöglich die Maschinenbauer. Dieses Rennen kann die Regierung nicht gewinnen, zumal Daimler, BMW und Co. unter mehr leiden als nur unter der schlechten Konjunktur. Zu lange haben sie immer schwerere und stärkere Fahrzeuge angeboten, während klar war: Die Zukunft gehört verbrauchsarmen, umweltfreundlichen Autos. Den notwendigen Wandel kann ihnen die Politik nicht abnehmen.

Der Staat kann nicht alles richten. Er sollte nicht versuchen, jeder Gruppe im Land etwas zukommen zu lassen. Am Ende summieren sich die Kleinigkeiten zu nichts. Doch droht eine so schwere Konjunkturkrise, dass der Staat ihr vorbeugen und tatsächlich investieren sollte – nicht in einzelne Industrien, sondern in die Zukunft.