Zu den lang beschwiegenen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs gehört der sogenannte Kommissarbefehl der deutschen Wehrmacht vom 6. Juni 1941.
Ihm zufolge waren alle Kommissare der Roten Armee nach ihrer Gefangennahme sofort zu »erledigen« , das heißt zu erschießen.
Dieser Mordbefehl, so stand bisher selbst in seriösen Darstellungen zu lesen, sei nur selten ausgeführt worden; nicht mehr als einige Hundert Menschen seien ihm bis zu seiner Aufhebung im Juni 1942 zum Opfer gefallen.
Doch wie hoch die Bilanz des Schreckens tatsächlich war, hat jetzt der junge Mainzer Historiker Felix Römer erstmals ermittelt – sein Buch über eines der finstersten Kapitel der Militärgeschichte ist soeben erschienen

Es ist nun wirklich soweit!« So begann Oberstleutnant Gerhard Kegler Punkt neun Uhr vormittags seine Rede. Es war der 20. Juni 1941, ein strahlender Sommermorgen, nahe der ostpreußischen Ortschaft Hochmühlen, im Aufmarschgebiet an der Ostfront. Kegler hatte die Bataillonskommandeure und Kompaniechefs seines Infanterieregiments 27 zusammengerufen, um ihnen die letzten Instruktionen für den unmittelbar bevorstehenden Angriff auf die Sowjetunion zu erteilen. Einer seiner Offiziere, Oberleutnant d. R. Theodor Habicht, notierte die denkwürdige Rede in seinem Tagebuch.

Nach der Bekanntgabe des Angriffstermins kam »der Alte« schnell darauf zu sprechen, was im kommenden Krieg anders sein sollte. »Dieser Krieg«, so lesen wir in Habichts Protokoll, »ist – im Gegensatz zu den bisherigen Feldzügen – als ausgesprochenster Weltanschauungskrieg zu betrachten, als Zusammenprall der äußersten Extreme: Nationalsozialismus – Bolschewismus.« Es sei damit zu rechnen, dass der Kampf »dementsprechend von den Russen (Juden) auch mit der äußersten Grausamkeit und Hinterhältigkeit« geführt werde.

Mit dieser zu »erwartenden Kampfweise der Russen« begründete der Kommandeur die »außergewöhnlichen Vorsichtsmaßnahmen und Vollmachten«, die er seinen Offizieren anschließend erteilte: »Jeder Offizier ist berechtigt, ohne Verhandlung Erschießungen vornehmen zu lassen.« Ein beispielloser Freibrief, der sowohl für das Vorgehen gegen die politischen Kommissare der Roten Armee als auch für Repressalien gegen die Zivilbevölkerung galt. Die »Dezimierung« und das »Niederbrennen von Ortschaften als Strafmaßnahme« dürfe jedoch nur von Bataillonskommandeuren aufwärts veranlasst werden.

Das Thema der »politischen Kommissare« hob Habicht in seinem Tagebuch hervor, indem er das Stichwort unterstrich und mit einem vielsagenden Ausrufezeichen versah. Ansonsten scheint die Versammlung die Ausführungen des Kommandeurs über die neuen radikalen »Vollmachten« ohne erkennbare Regungen aufgenommen zu haben. Am Ende der Ansprache gab es nur ein »allgemeines Hallo und Hurra!«.

Was Oberstleutnant Kegler hier an seine Unterführer weitergab, war eine Kurzform jener »Führererlasse«, die später als »verbrecherische Befehle« in die Geschichte eingehen sollten: der Kriegsgerichtsbarkeitserlass und die Kommissarrichtlinien. Sie trugen unmittelbar dazu bei, dass der von Hitler befohlene »Kreuzzug gegen den Bolschewismus« zu dem wurde, was er bis heute ist: der größte, blutigste, grausamste und folgenreichste Krieg in der Geschichte der Menschheit. Das große Morden im Osten verschlang auf russischer Seite 27 Millionen Menschenleben, auf deutscher über 3 Millionen. Das Schlachtfeld und die besetzten Gebiete wurden zum Schauplatz wesentlicher Abschnitte des Holocausts und zahlreicher weiterer beispielloser Verbrechen, in denen das deutsche Heer von Anfang an eine Hauptrolle spielte.

Hitler hatte seine Generäle bereits im Frühjahr 1941 darauf eingeschworen, dass der Krieg gegen den bolschewistischen Erzfeind als »Vernichtungskampf« geführt werden müsse, der die »Anwendung brutalster Gewalt notwendig« mache. Die diensteifrigen Juristen und Generalstäbler im Oberkommando des Heeres (OKH) und im Oberkommando der Wehrmacht (OKW) gossen seine Weisungen in der Folgezeit in schriftliche »Führererlasse« von höchster Geltung.

Der Kriegsgerichtsbarkeitserlass vom 13. Mai 1941 erlaubte »kollektive Gewaltmaßnahmen« gegen ganze Ortschaften. Zugleich ermächtigte er jeden einzelnen Offizier, verfahrenslose Exekutionen von »verdächtigen« Zivilisten anzuordnen. Er bildete damit die Grundlage der deutschen Gewaltpolitik gegen die Zivilbevölkerung. Nicht nur die Verantwortlichen in OKW und OKH, sondern auch die meisten Truppenführer hielten den Terror für das einzige Mittel, um der eroberten Gebiete schnell Herr zu werden – und so Stalin im Blitzkrieg zu besiegen.