Mit Dan Perjovschi spielt wieder ein Rumäne in der globalen Kultur mit. Für viele war da bisher nur Dracula – bis Perjovschi kam und mit dem dicksten Edding, den es zu kaufen gibt, seine Karikaturen in die Foyers und auf die Fassaden der großen Museen der Welt zeichnete, dass sie aussahen wie riesige vollgekritzelte Schreibtischunterlagen. Sein Atelier liegt im Zentrum von Bukarest. Staub, überall. An den Wänden Regale, die sich unter der Last von Ausstellungskatalogen biegen, die Dan Perjovschi und seine Frau von ihren vielen Auslandsreisen mitgebracht haben.

In der Mitte steht ein langer Tisch, an dem er in den kargen wie euphorischen Jahren nach Ceauşescus Sturz mit Freunden saß, und sie darüber debattierten, wie eine gerechte Gesellschaft aussehen sollte. Ein Blick aus dem Fenster zeigt, was daraus geworden ist: Der Rohbau eines Hochhauses ragt über die Sankt-Joseph-Kathedrale hinaus. Bukarests Bebauungsplan erlaubt hier nur sechs Stockwerke. Dem Bauherrn war es egal. Es gab einen Baustopp, und das Gerippe wurde zum Symbol der Selbstherrlichkeit von Rumäniens neuer Wirtschaftselite.

Dan Perjovschi öffnet eine Thermoskanne mit Kaffee, den er von zu Hause mitgebracht hat. Seine Bescheidenheit fällt auf in der Kunstwelt, die sich in der kapitalistischen Überflussgesellschaft eingenistet hat. Sie hat Perjovschi zu einem ihrer Stars erklärt: Platz zwei des aktuellen Capital-Kunstkompasses, der die Aufsteiger des Jahres misst. Hinter Bruce Nauman. Vor Polke und Gerhard Richter. Und trotzdem: dieses sperrmüllmöblierte Atelier.

Trotzdem oder gerade deshalb: seine selten und garantiert selbst geschnittenen Haare, dazu trägt Perjovschi einen Vollbart. Der alte Ost-Dissidentenstil. Er lehnt jeden Luxus ab, sogar jede Form der Zerstreuung. Nicht mal aus gutem Essen macht er sich etwas. "Im Kommunismus lernt man, alles zu essen", sagt er lachend, abwinkend. Und als man ihn fragt, ob er gern tanze, weil seine Gesten so geschmeidig sind, schaut er fast ein wenig erschrocken. Heftiges Kopfschütteln: "No dancing!"

Sein einziges Vergnügen, sagt er, bestehe darin, an einer Wand zu zeichnen. Er zieht einen kleinen Block aus seiner Tasche. Ohne den verlässt er nicht das Haus. "Ich jage meine Motive auf der Straße", sagt er und lacht – wohl auch, weil die Jagd das Lieblingshobby der neureichen Rumänen ist und schon deshalb für ihn im Grunde tabu.

Doch er unternimmt seine Jagdausflüge im Linienbus. In Köln hat er 2005 ein Strichmännchen gefunden, das durch das O im Wort Job rutscht. Ein paar Jahre später, im nach dem 11. September paranoiden New York, ließ er sich zu einem Männchen inspirieren, das der Freiheitsstatue unter den Rock schaut. Er setzt sich mit seinem Block auch in Cafés, Parks oder vor einen Fernseher irgendwo auf der Welt, wo ihm ein Museum wieder eine weiße Wand überantwortet hat. "Zufallsrecherchen", sagt er, um ein Gespür zu bekommen für die Stimmungen der Zeit.

Seine weltpolitischen Bezüge unterscheiden ihn von vielen anderen Künstlern aus dem ehemaligen Ostblock wie etwa den Malern der Leipziger Schule, die ihre Herkunft vor sich hertragen. Hier knüpft nicht einer, wie auch immer, an den sozialistischen Realismus an. Hier mischt sich einer ein, der aus einer Ecke der Welt stammt, aus der sonst nur billige Arbeit kommt. Typisch rumänisch, sagt Perjovschi, sei nur sein Humor, die Distanz, die er zum Politischen wahre. Ohne die hätte er Ceauşescus Diktatur nicht ausgehalten.