Wer ist die Nummer zwei in Frankreich? Der "Generalsekretär" im Élysée, Claude Guéant. Also nicht etwa der Premierminister, François Fillon. Denn das republikanische, das demokratische Frankreich ist zugleich ein (Wahl-)Königreich, sein vom Volk direkt bestimmter Präsident schart Räte um sich, mit denen er regiert, überdies einen informellen Dreier- sowie einen Siebener-Kreis favorisierter Minister, obwohl diese de jure dem Premierminister unterstellt sind. Der Präsident ist das Zentrum. Und wenn er es will, ist sein Generalsekretär die Nummer zwei im Staat.

Doch merkwürdig, während über Super-Sarko bereits mehr als 160 Bücher erschienen sind, widmet sich nur ein einziges dem "Mann, der Sarkozy ins Ohr flüstert" – so lautet der Untertitel eines Taschenbuches, das soeben erschienen ist.

Seit sechs Jahren folgt der introvertierte Beamte Claude Guéant dem extrovertierten Politiker wie ein Schatten, unauffällig, zuverlässig, ist irgendwann selbst Politiker geworden, aber nicht auf eigene Rechnung, sondern als Libero für seinen Chef. Guéants Gegner, zumal jene im Élysée, bezeichnen ihn als "unpolitisch". Die Killervokabel zielt freilich an einem vorbei, der Politik vorzugsweise als Operation an der gesellschaftlichen Wirklichkeit versteht und Macht als bloße Voraussetzung dafür. Ausweislich seines Lebenslaufs geht Guéant die Lust am Postengerangel ab. Er ist die Ausgewogenheit in Person. Mann der Mitte. Hat Liberale und Linksliberale auf Sarkozys Seite gebracht, Spitzenbeamte umworben und gewonnen. Guéant korrigiert, wenn aus Ministerien dissonante Töne klingen, er fängt Vorstöße der Fronden im eigenen Lager ab. Und unter vier Augen weist er den Staatschef auf dessen Fehler hin.

Das alles lässt sich dem Buch der beiden Journalisten Christan Duplan und Bernard Pellegrin entnehmen. Doch es sendet vor allem ein politisches Signal aus. In Frankreich machen Bücher Politik, die von Politikern gemacht werden – das (und nicht etwa, einen neuen Gedanken zu entwickeln) ist ihre wesentliche Aufgabe. Ein Claude Guéant betiteltes Buch, das seine Hauptperson lobpreist, wäre ohne eine Unbedenklichkeitserklärung des Präsidenten gewiss nicht erschienen. Darum kann es als Ankündigung eines beginnenden Kampfes verstanden werden – um die Präsidentschaft von 2012 an!

Sarkozy, der in eine weitere Amtsperiode strebt, arbeitet an seinem zweiten Angebot und Aufgebot. François Fillon muss bereits im kommenden Jahr ersetzt werden; Premierminister nutzen sich schneller ab als Präsidenten. Nur kommen nicht viele Vertraute infrage, überdies ist Sarkozy klug genug, die wichtigsten Posten nicht mit Kumpel zu besetzen. Und da der Premierminister in der realen, der gelebten Verfassung Frankreichs ohnehin der Umsetzer präsidialer Wünsche ist – warum dann nicht gleich Guéant? "Kardinal" wird er genannt, aber zu Unrecht, denn er ist kein Richelieu oder Mazarin; diese verfolgten eine eigene Staatspolitik, und der König fungierte nur als Variable ihrer Kalküle. Guéant hingegen betreibt folgsam die Reformpolitik Sarkozys.

Bleiben drei Fragen. Erstens: Warum diese Option jetzt schon öffentlich machen? Antwort: Besser rechtzeitig, bevor es andere tun. Zweitens: Warum diese Idealbesetzung des Postens im Élysée aufs Spiel setzen? Antwort: Weil Sarkozy keinen anderen überzeugenden Premier finden kann, sehr wohl aber geeignete Generalsekretäre. Drittens: Warum sollte Guéant vom Drahtzieher zum öffentlichen Knecht werden wollen? Weil sein Präsident es so will! Ja, wenn er es denn will. Alles nur Spekulationen. Was auch sonst? Kein Königshof, der nicht von ihnen umgeben wäre.

Christian Duplant, Bernard Pellegrin: Claude Guéant. L’homme qui murmure à l’oreille de Sarkozy. Éditions du Rocher, Paris 2008; 197 S., 19,– €