Es geht hier um die sogenannten kleinen Fächer, vielleicht muss Karl Boyé die Lage deshalb ein bisschen dramatisieren. Er spricht von einem "politisch verordneten Korsett", von "Gängelung", von einer "Schmalspur-Ideologie, die mit dem hochrangigen Wert der akademischen Freiheit nicht vereinbar" sei. Boyé ist Sprecher des Deutschen Altphilologenverbands, einer Vereinigung, die sich für Latein und Griechisch einsetzt. Glaubt man seinem Verband, dem als Verstärkung in dieser Sache weitere Altertums-Organisationen beistehen, dann ist die Lehre von Latein und Griechisch in ihrer Existenz bedroht. Schuld daran soll die Bologna-Reform sein. Aber der Reihe nach.

Bisher konnten Lehramtsstudenten neben zwei Hauptfächern parallel ein drittes Fach belegen – und dieses nach dem bestandenen ersten Staatsexamen mit einer Erweiterungsprüfung abschließen. Eine Möglichkeit, die durchaus gefragt war: Von den knapp 29000 Lehramtsstudenten, die vergangenes Jahr nach alter Studienordnung studierten und einen Abschluss für das Lehramt an Gymnasien oder Realschulen anstrebten, belegten fünf beziehungsweise dreizehn Prozent ein drittes Fach. Das neue Bachelor- und Mastermodell ist jedoch ausschließlich als Ein- oder Zweifachstudium angelegt. Die Folge: In Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Sachsen, wo die Reform bereits umgesetzt wurde, ist das parallele Studium eines dritten Faches für das Lehramt an Gymnasien und Realschulen nicht mehr eingeplant. Zwar sieht die Kultusministerkonferenz in ihren Bestimmungen für die neuen Studienabschlüsse nicht zwangsläufig eine Beschränkung vor: "Mindestens zwei Fachwissenschaften" müssten angehende Lehrer studieren, heißt es dort. In den Ländergemeinsamen Strukturvorgaben für die neuen Studiengänge, die auch für die Lehrämter gelten, wird jedoch die maximale Arbeitsleistung der Studenten begrenzt – auf 30 Kreditpunkte pro Semester, 180 für den Bachelor- und noch einmal maximal 120 für den Masterabschluss. Die Anforderungen für zwei Lehramtsfächer, für das erziehungswissenschaftliche Studium und das Schulpraktikum passen in diesen Rahmen von sechs beziehungsweise zehn Semestern gut hinein – für ein drittes Fach bleibt aber schlichtweg keine Zeit mehr.

"Besonders leistungsfähige Studenten, die Schwung und Kraft haben, ein zusätzliches Fach zu studieren, werden blockiert", kritisiert nun Karl Boyé. Indirekt werde sich das nachteilig auf die kleinen Fächer auswirken, vor allem auf Latein und Griechisch. Zwar können diese beiden Fächer sowie andere "Underdogs" wie Russisch, Chinesisch oder Informatik auch in den neuen Studiengängen in der Regel weiterhin als Erst- oder Zweitfach studiert werden. "Die meisten Lehramtsstudenten werden sich unter diesen Bedingungen aber für Mainstreamfächer entscheiden", glaubt Christiane Reitz, Vorsitzende der Mommsen-Gesellschaft und Lateinprofessorin. In der Folge könnten Latein und vor allem Griechisch für das Lehramtsstudium bedeutungslos werden. Das werde sich auf den Schulunterricht auswirken und den bereits jetzt vorhandenen Mangel an Latein- und Griechischlehrern noch verstärken. Das Problem habe in seinen Folgen auch eine gesellschaftliche Dimension, sagt Reitz: "Das ist ein Kulturverlust, der hier eintritt." Unterstützung bekommt sie von politischer Seite. "Latein und Griechisch haben in der humanistischen Bildung einen sehr hohen Stellenwert", sagt Renate Rastätter, bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag von Baden-Württemberg. "Zumindest für einen Teil der Schüler sollten diese Fächer erhalten bleiben."

Was also tun? Das Dreifächerstudium soll weiterhin möglich sein, fordert die Altertums-Initiative um Karl Boyé und Christiane Reitz und plädiert für Sonderregelungen. Wer von Anfang an ein drittes Fach studieren wolle, für den solle sich die maximale Regelstudienzeit von derzeit zehn Semestern auf Antrag um mindestens vier Semester verlängern; die Grenze für ECTS-Punkte bis zum Masterabschluss – derzeit 300 – müsse entsprechend nach oben verschoben werden.

Dies zu entscheiden sei Sache der Hochschulen und Kultusministerien der einzelnen Bundesländer, heißt es im Bologna-Zentrum der Hochschulrektorenkonferenz. Der Bologna-Rahmen sehe jedenfalls keine Einschränkung zusätzlicher Studienleistungen vor, sagt Projektleiter Peter Zervakis: "Es geht vielmehr darum, dass die Hochschulen ihren Spielraum zur Gestaltung von Struktur und Dauer stärker als bisher nutzen." Konkret: Wer als Lehramtsstudent freiwillig zusätzliche Veranstaltungen in einem dritten Fach belegen wolle, könne das weiter tun und bekomme die Studienleistungen auch bescheinigt. Inwieweit die Scheine für ein weiterführendes Studium anerkannt würden und ob damit letztlich ein eigener Masterabschluss erworben werden könne, entscheide die jeweilige Universität. Für die Anerkennung zusätzlicher Studienabschlüsse im Lehramt sei letztlich das jeweilige Kultusministerium zuständig.

So weit, so kompliziert. Entsprechend uneinheitlich präsentiert sich die Lage. In vier Bundesländern wird das Dreifächerstudium wohl weiter möglich sein: Bayern, Baden-Württemberg, das Saarland und Sachsen-Anhalt stellen zwar auf modularisierte Lehramtsstudiengänge um, bleiben aber beim Staatsexamen als Abschluss und bei der Möglichkeit, ein drittes Fach durch eine Erweiterungsprüfung abzuschließen. Jene Länder, die ihre Lehramtsstudiengänge schon auf das Bachelor-Master-Modell umgestellt haben, sollten entweder zum Staatsexamen zurückkehren oder eben Sonderregelungen schaffen, fordert die Altertums-Initiative um Boyé und Reitz.

Dass Ersteres geschieht, darf man getrost bezweifeln. Letzteres wäre zumindest möglich.