Auslandsstudium Auf nach Cristuru!
Warum wollen deutsche Studenten nicht nach Osteuropa? An der Gültigkeit der Abschlüsse liegt es nicht

© Leonard/photocase.de
Rumänien: Für die meisten akademisches Niemandsland
Es ist die Aufbruchstimmung, die Helena Bähr mitreißt; die ihr ein Gefühl gibt, das sie aus Deutschland nicht kennt. »Hier wird man noch gebraucht«, sagt sie und meint damit kein soziales Engagement, sondern berufliche Perspektiven. »Hier ist noch nicht jede Marktlücke besetzt, noch nicht alles erfunden, hier kann man auch als Einsteiger wirtschaftlich etwas bewegen.« Bis vor Kurzem lebte die 24 Jahre alte Studentin in Dresden, absolvierte dort ein Bachelorstudium in Medienforschung. Nun studiert sie in der rumänischen Stadt Cluj-Napoca. In zwei Jahren will sie hier ihren Master im Fach Werbung machen.
Nun ist Rumänien nicht gerade berühmt für kosmopolitisches Flair und gehobenen Lebensstil. Die meisten Deutschen verbinden das Land noch immer mit Armut und technischer Rückständigkeit. Helena Bähr kommentiert trocken: »Keine Sorge, es gibt hier fließendes Wasser, ich muss keine Not leiden.« Nun ja, schön sei Cluj-Napoca mit seinen vielen Plattenbauten nicht unbedingt. »Von Äußerlichkeiten lasse ich mich aber nicht stören«, sagt die Studentin und erzählt lieber vom herzlichen Empfang an der Universität, von den neuen Freunden, die sie schon gewonnen habe, von der optimistischen Stimmung unter den jungen Leuten in der Stadt.
Man darf Helena Bähr durchaus als Pionierin bezeichnen. Für die meisten ihrer deutschen Kommilitonen sind Länder wie Rumänien nämlich akademisches Niemandsland. Gerade einmal zehn Prozent aller deutschen Studenten im Ausland zog es 2007 nach Osteuropa – kaum mehr als nach Australien und Ozeanien. Die meisten Studenten bleiben lieber in Westeuropa; die beliebtesten Länder für ein Auslandsstudium sind Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien.
Dabei gibt es mindestens zwei gute Gründe für ein Studium im Osten. Erstens: Immer mehr osteuropäische Länder treten dem Bologna-Raum bei, in dem Studienleistungen durch das European Credit Transfer System (ECTS) vergleichbar sein sollen. Zu den neuen osteuropäischen Mitgliedern zählen neben Rumänien auch Polen, Litauen, Ungarn, Russland und seit Kurzem die Ukraine und die Republik Moldau. Wer beim Studium in diesen Ländern Leistungsnachweise erbringt oder einen Abschluss erwirbt, hat mit der Anerkennung in Deutschland oder anderen Länder in der Regel keine Probleme und kann von einer Hochschule zur anderen wechseln – auch grenzüberschreitend.
Zweitens: Osteuropa gehört seit einigen Jahren zu den wichtigsten Wirtschaftsregionen für deutsche Unternehmen. Vor der EU-Osterweiterung waren die Ängste zwar noch groß; Experten befürchteten die Abwanderung von Fabriken und Schwarzarbeit. Doch nun zeigt sich: »Made in Germany« ist im Osten gefragt, der Handel boomt. Besonders stark wächst der Export nach Rumänien und Bulgarien, die erst seit 2007 zur EU gehören: Im ersten Halbjahr 2008 lagen die deutschen Ausfuhren in diese Länder rund 27 Prozent über dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Ähnlich gute Exportzahlen werden für Polen, Ungarn und Russland gemeldet. In der Summe ist der osteuropäische Markt für deutsche Unternehmen bereits lukrativer als der Handel mit den USA. Für Absolventen mit Osteuropakenntnissen öffnen sich somit viele Türen zu einem wachsenden Arbeitsmarkt.
Bisher zieht es deutschen Studenten allerdings hauptsächlich aus biografischen Gründen nach Osteuropa, etwa weil sie dort Verwandte oder Freunde haben. Das gilt auch für Helena Bähr. Ihre Beziehung zu Rumänien begann schon nach dem Abitur, als sie für zehn Monate in Cristuru Secuiesc, einem Städtchen in der rumänischen Provinz, als Freiwillige mit Heimkindern arbeitete und dort viele Freundschaften schloss. »Damals habe ich das Land lieben gelernt«, erzählt die Studentin. Als sie später ihr Masterstudium plante, sei ihr schnell klar geworden, dass sie noch einmal nach Rumänien gehen würde. Ganz ohne Karrierekalkül habe sie ihre ungewöhnliche Ortswahl allerdings nicht getroffen. »Ich wollte bewusst nicht dort studieren, wo alle studieren«, sagt sie und meint westeuropäische Metropolen. »Ein Studium in Rumänien ist ein Hingucker auf dem Lebenslauf; das hebt einen aus der Masse hervor.«
Dafür nimmt sie auch Unzulänglichkeiten im Universitätsalltag in Kauf. »Zum Beispiel bekamen wir erst eine Woche vor Semesterbeginn einen Stundenplan – und der bestand dann aus einem Word-Dokument mit drei Absätzen. Eine Literaturliste gab es gar nicht.« Oder die Bürokratie: Bei organisatorischen Fragen müsse sie teilweise stundenlang über den Campus laufen auf der Suche nach Antworten. Doch das habe auch sein Gutes: »Ich lerne dadurch, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und flexibel zu sein.« Mit der Qualität der Lehre sei sie bisher aber ganz zufrieden. »Die Dozenten kommen überwiegend aus der Praxis und sind deshalb auf dem aktuellen Stand.«
An Förderungsmöglichkeiten für einen Aufenthalt in Osteuropa mangelt es nicht: Viele Universitäten bieten auch für Rumänien und Co. Erasmus-Stipendien an, bei denen die Studiengebühren übernommen werden; der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) unterstützt deutsche Studenten bereits seit 2002 durch die »Go east«-Initiative mit Zuschüssen für Praktika und Sprachkurse in Osteuropa und vergibt zusätzlich bis zu einjährige Stipendien, die sich nach dem jeweiligen Studienvorhaben richten. »Trotzdem erhalten wir nur wenige Bewerbungen«, sagt Peter Hiller, Leiter des DAAD-Referats für Moldawien, Rumänien und die Ukraine.
Das liege vor allem an Sprachbarrieren. So werde etwa die Lehre an ukrainischen Universitäten in der Regel auf Russisch abgehalten, Amtssprache sei dagegen meist Ukrainisch. »Für Ausländer ist dieser Mischmasch eine besondere Herausforderung.« Allerdings: »An ukrainischen Universitäten gibt es ganz hervorragende natur- und ingenieurwissenschaftliche Studiengänge – es ist deshalb besonders schade, dass diese Angebote von deutschen Studenten so wenig genutzt werden.« Deutlich besser sei die Studiensituation in Rumänien, sagt Peter Hiller. Etliche Hochschulen dort böten inzwischen englisch- und deutschsprachige Studiengänge an. Allein an der Babes-Bolyai-Universität in Cluj-Napoca, an der auch Helena Bähr studiert, gebe es 16 deutschsprachige Studiengänge, von Biologie bis Wirtschaft. Helena Bährs Masterstudiengang im Fach Werbung wird auf Englisch und Rumänisch abgehalten. »Ich komme gut zurecht«, erzählt die Studentin, die zweimal pro Woche zum Rumänischunterricht geht.
Das erste Jahr ihres Aufenthalts finanziert sie durch ein DAAD-Stipendium. Im zweiten Jahr wird sie die Studiengebühren – etwa 700 Euro pro Jahr – und die Lebenshaltungskosten selbst tragen müssen. Darum mag sie sich jetzt aber noch nicht sorgen, sie schaut lieber optimistisch in die Zukunft.
Sie ist ja in Rumänien.
- Datum 05.11.2008 - 16:55 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.10.2008 Nr. 45
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








seit Jahrhunderten auf gut deutsch ganz einfach Klausenburg (ungarisch Kolozsvár).
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren